GTA 6: Kosten Krankmeldungen wirklich Milliarden?
Zum Start von GTA 6 soll die US-Wirtschaft eine Milliarde Dollar verlieren, weil Beschäftigte krankfeiern. Die Zahl geht um die Welt. Einer einfachen Nachrechnung hält sie nicht stand.
Manche Tage brennen sich in den Kalender ein, ohne je Feiertag gewesen zu sein. In diesem Herbst kommt einer hinzu: Am Donnerstag, dem 19. November 2026, erscheint Grand Theft Auto VI für PlayStation 5 und Xbox Series X|S, so die offizielle Ankündigung von Rockstar Games. Dreizehn Jahre nach dem Vorgänger gehört es zu den meisterwarteten Videospielen der vergangenen Jahre. Selbst Take-Two-Chef Strauss Zelnick scherzte im April auf einer Konferenz in Las Vegas, an diesem Tag würden sich wohl viele krankmelden. Seither kursiert eine Zahl, die größer klingt, als sie ist.
Eine Milliarde, die nicht aufgeht
Die Rechnung, die durch zahlreiche Medien wanderte, lautet so: 1,5 Millionen US-Beschäftigte bleiben der Arbeit fern, bei einer Wirtschaftsleistung von rund 70.000 Dollar pro Kopf ergebe das eine Milliarde Dollar Verlust an einem einzigen Tag.
Der Haken: 70.000 Dollar sind eine Jahresleistung. Auf einen Arbeitstag umgelegt, bei rund 250 Arbeitstagen im Jahr, kämen 1,5 Millionen Abwesende auf etwa 420 Millionen Dollar. Und selbst diese Zahl wäre keine Messung, sondern eine Annahme. Für die 1,5 Millionen Fehlenden gibt es keine nachvollziehbare Studie, wie die International Business Times rekonstruiert hat. Häufig wird der Ökonom José García Montalvo von der Universitat Pompeu Fabra in Barcelona als Urheber genannt. Eine belastbare Herleitung der Milliarde durch ihn ist öffentlich nicht belegt. Montalvo selbst hatte in einem Interview mit dem spanischen Sender Cadena SER vor allem junge Männer zwischen 18 und 30 sowie die Technologiebranche als besonders anfällig bezeichnet.
Was gemessen wurde – und was nur gesagt
Belastbarer sind Daten aus der Personalverwaltung. Der HR-Softwareanbieter BambooHR wertete Urlaubsanträge von mehr als 3,4 Millionen US-Beschäftigten aus: Für den 19. November liegen sie knapp 13 Prozent über dem dritten Novemberdonnerstag der beiden Vorjahre. Ein Teil davon geht auf einen allgemeinen Anstieg der Urlaubsanträge im Jahr 2026 zurück, den das Unternehmen auf 2 bis 4 Prozent beziffert.
Davon zu trennen ist eine Umfrage desselben Anbieters unter 1.530 US-Angestellten. 18 Prozent gaben an, am Starttag freinehmen zu wollen. Von jenen, die sich für eine Spielveröffentlichung freinehmen wollen, sagt die Hälfte, sie würde sich eher krankmelden, als Urlaub zu beantragen. Das sind Absichten, keine beobachteten Krankmeldungen.
Einen historischen Vergleich liefert der Schichtplanungsanbieter Deputy. Beim Start von Overwatch 2, ebenfalls an einem Donnerstag, verdoppelte sich der Anteil nicht angetretener Schichten annähernd – gemessen am Durchschnitt der drei vorangegangenen gleichen Wochentage. Auffällig: Die Abwesenheit stieg bereits am Vortag.
Wie groß der Abstand zwischen Absicht und Tat sein kann, zeigt eine britische Umfrage über die Plattform YouGov mit 1.000 Befragten. 15 Prozent könnten sich vorstellen krankzufeiern, falls sie keinen Urlaub bekommen. Als konkreten Plan nannten das nur 2 Prozent.
Urlaub ist nicht gleich Ausfall
Ob Abwesenheit wirtschaftlich schadet, hängt von ihrer Art ab. Genehmigter Urlaub lässt sich einplanen, verursacht aber unter Umständen Überstunden oder Kosten für Ersatzpersonal. Kurzfristige Krankmeldungen treffen Betriebe härter, vor allem in Handel, Pflege und Gastronomie, wo eine fehlende Schicht nicht nachgeholt werden kann.
Zur vollständigen Rechnung gehört auch die andere Seite. Das Marktforschungsinstitut Newzoo hält in einer Modellrechnung Umsätze von bis zu 4,5 Milliarden Dollar in der ersten Verkaufswoche für möglich. Auch das ist eine Prognose, kein Ergebnis.
Was das für Tirol bedeutet
Für Österreich liegen keine Daten zu GTA 6 vor, und die US-Zahlen lassen sich nicht übertragen. Einen Rahmen liefert der Fehlzeitenreport 2026 des WIFO: 2025 verbrachten unselbständig Beschäftigte im Schnitt 14,7 Kalendertage im Krankenstand. Die Entgeltfortzahlung kostete die Betriebe 4,8 Milliarden Euro. Die Wirtschaftskammer schätzt die Kosten je ausgefallenem Arbeitstag auf mindestens 300 Euro, einschließlich Überstunden von Kollegen und entgangener Wertschöpfung.
Ein Rechenbeispiel, ausdrücklich keine Prognose: In Tirol sind rund 344.000 Menschen unselbständig beschäftigt. Würde sich am 19. November ein Prozent davon zusätzlich krankmelden, ergäbe das nach der Faustregel der Wirtschaftskammer rund eine Million Euro. Aus der amerikanischen Milliarde wird eine Tiroler Million – spürbar für einzelne Betriebe, kaum messbar für die Gesamtwirtschaft. Dass Krankenstände die Tiroler Wirtschaft ohnehin beschäftigen, zeigt ein Antrag des Tiroler Wirtschaftsbundes an das Wirtschaftsparlament der Wirtschaftskammer Tirol unter dem Titel „Fairness ist keine Krankheit”.
Für Beschäftigte gilt: Wer eine Erkrankung vortäuscht, riskiert arbeitsrechtliche Konsequenzen bis hin zur Entlassung. Ob diese im Einzelfall gerechtfertigt ist, hängt von den Umständen und der Beweislage ab.
Planung schlägt Hype
Die Empfehlungen aus der Personalpraxis sind unspektakulär und gerade deshalb wirksam: die Tage vom 18. bis 20. November als ein zusammenhängendes Risikofenster behandeln, Urlaubswünsche frühzeitig abfragen, Schichttausch ermöglichen. Wer offen darüber spricht, macht aus unberechenbaren Krankmeldungen planbare Abwesenheit. Die eigentliche Lehre aus der Milliarden-Debatte ist eine andere: Zahlen, die sich gut erzählen lassen, verbreiten sich schneller als Zahlen, die stimmen.
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