"Haben uns verheddert": Hamilton übt nach Monza-Qualifying Kritik an Ferrari
(Motorsport-Total.com) - Die erhoffte Pole war für Lewis Hamilton in weiter Ferne: Am Ende landete der Ferrari-Pilot im Qualifying zum Großen Preis von Italien lediglich auf dem fünften Platz. Kein Wunder, dass der Brite alles andere als zufrieden war - und nach der Session (mal wieder) zum Rundumschlag gegen sein italienisches Team ausholte.
Denn eine Situation im dritten Teil der Qualifikation stieß Hamilton sauer auf: "Ich hatte im Grunde noch keine Räder am Auto, als die anderen schon losfuhren, während mein Motor lief", verrät der Ferrari-Pilot. "Ich bin etwa 25 Sekunden nach allen anderen rausgefahren."
"Das hat mich einfach aus dem Rhythmus gebracht. Denn wenn man hinter einem anderen Auto fährt, im Windschatten, kommt man viel schneller an, die Bremspunkte verschieben sich also. Und wenn man dann allein fährt, verliert man diesen Windschatten-Effekt. Man verliert viel Zeit ohne Windschatten."
"Die Umsetzung in Q3 war natürlich ziemlich schlecht", legte Hamilton im Gespräch mit Sky UK noch einmal nach. "Am Ende war ich völlig isoliert unterwegs, ohne andere Autos in der Nähe." Der letzte Versuch sei dennoch "keine schlechte Runde" gewesen.
Hamilton vermisst die Hilfe von Teamkollege Leclerc
Und am Ende fehlten dem Briten auf die Polezeit von Pierre Gasly (Alpine) nur etwas mehr als zwei Zehntelsekunden. Hätte sich Hamilton auf die Unterstützung von Teamkollege Charles Leclerc verlassen können, wäre dieser Rückstand womöglich einholbar gewesen.
Auch deshalb kann sich der Ferrari-Pilot einen leichten Seitenhieb wohl nicht verkneifen: "Pierre hat einen tollen Job gemacht", sagt Hamilton. "Aber wenn man es von außen betrachtet, sah es so aus, als hätten sie wirklich gut als Team zusammengearbeitet."
Der vierte Startplatz (nach der Strafe gegen Oscar Piastri) ist nicht das, was sich Hamilton erhofft hatte. Dabei hatte das dritte Freie Training, in dem der Brite den zweiten Platz belegte, eigentlich noch für Zuversicht gesorgt. "Das war wirklich gut", meint der Brite rückblickend.
"Wir haben über Nacht großartige Arbeit geleistet. Ich war sehr zufrieden mit dem Auto. Ich habe vor dem Qualifying zum allerersten Mal überhaupt nichts daran geändert. Ich fühlte mich sicher", meint der 41-Jährige, der auch mit dem Beginn des Qualifyings zufrieden war.
Warum das Q2 für Ferrari besonders chaotisch war
"Die erste Runde in Q1 saß, sie fühlte sich solide an. Und dann habe ich gewartet, um diesen Reifen in Q2 noch einmal zu nutzen." Der Plan sei eigentlich gewesen, zwei schnelle Runden zu fahren, getrennt durch zwei langsamere Runden zum Abkühlen der Reifen.
"Aber weil alle gewartet haben und Charles nicht als Erster rausfahren wollte, mussten wir warten, warten, warten - und am Ende blieb nur Zeit für eine einzige Push-Runde." Das habe die Situation "ziemlich schwierig" gemacht, betont Hamilton.
Stimmen die Vorwürfe gegen Ferrari? "Was stimmt: Wir waren in Q2 etwas in Panik geraten; wir hatten auf der Outlap ein Problem mit der Batterie", erklärt Teamchef Frederic Vasseur bei Sky Deutschland. "Wir haben die Batterie auf der Outlap nicht aufgeladen und die Runde mit niedrigem Ladestand begonnen."
Schon in der ersten Kurve lag mindestens einer der beiden Ferrari-Piloten deshalb rund eine Zehntelsekunde zurück. "Ich glaube, auch der Fahrer hat das verstanden, man sieht ja den Batteriestand, und es war eine schwierige Situation", ergänzt Vasseur, ohne sich speziell an einen der beiden Fahrer zu wenden.
"Dadurch war meine Rundenzeit völlig daneben", deutet Leclerc allerdings an, dass ihn das Problem betroffen hat. "Ich habe also irgendwie gehofft, dass meine erste Rundenzeit reichen würde, was sie dann auch tat. Aber es war kein schönes Gefühl, in dieser Lage zu sein, besonders hier in Monza."
Ferrari entkommt beim Heimspiel mit blauem Auge
Für Teamkollege Hamilton war es sogar noch knapper: Der Ferrari-Pilot kam schlussendlich als Zehnter weiter, mit einem Vorsprung von lediglich einer Tausendstelsekunde auf Audi-Pilot Gabriel Bortoleto, der als Elfter ausschied. Der Brite hatte allerdings auch Glück, weil Liam Lawson von Piastri aufgehalten wurde und sich deshalb nicht verbessern konnte.
Fraglich bleibt allerdings, warum der Rekordweltmeister in Monza überhaupt so langsam war und zittern musste. "Ich verstehe nicht ganz, warum uns in Q2 so viel Speed gefehlt hat", räumt der siebenfache Weltmeister ein. "Eigentlich hätten wir so schnell sein müssen wie im ersten Abschnitt."
"Aber alle anderen haben sich gesteigert - ich weiß nicht, ob es am Reifendruck lag. Ich bin mir nicht sicher, das muss ich mir noch ansehen. Am Ende war es wohl so, dass sich das Team einzig darauf konzentriert hat, beiden Fahrern den gleichen Windschatten zu geben. Und wir haben uns - wie gesagt - einfach etwas verheddert."
Am Ende kommt die Scuderia beim Heimspiel in Monza mit einem blauen Auge davon, und auch Vasseur scheint mit dem Qualifying zufrieden: "Wenn man mir heute Morgen gesagt hätte, dass wir nur eine Zehntelsekunde hinter Russell liegen würden, hätte ich das sofort unterschrieben", gibt der Franzose zu.
Hamilton lobt Ferrari-Team am Ende doch noch ...
Und auch Hamilton rudert anschließend wieder etwas zurück: "Es gibt Licht am Ende des Tunnels, aber es wird schwächer, je weiter wir vorankommen", sagt er. "Und auch wenn das Team fantastische Arbeit leistet, Upgrades bringt und uns voranbringt - ich bin so stolz auf alle. Ich sage das ständig, aber nur, weil ich es wirklich so meine."
"Ich könnte meine Arbeit nicht machen, ohne die großartige Leistung aller anderen zu sehen. Und es ist mir wichtig, sicherzustellen, dass ich das auch würdige und anerkenne", lobt der Ferrari-Pilot. "Denn ich möchte, dass sie weiter Gas geben, hungrig bleiben und ihre Leidenschaft bewahren."
"Aber auch an der Rennstrecke müssen wir professionell auftreten und entsprechend handeln, um das nötige Ergebnis zu erzielen", fordert Hamilton die Scuderia weiterhin heraus. "Wir werden sehen, was die Zeit bringt."