Halb gefüllte Gasspeicher: Kommen wir so durch den Winter?
Stand: 26.08.2026 06:00 Uhr
Die Gasspeicher in Deutschland sind so leer wie lange nicht mehr im Sommer - aktuell sind sie nur gut zur Hälfte gefüllt. Viele Fachleute sehen die Energieversorgung mit Blick auf diesen Winter kritisch.
von Isabel Lerch
Es ist ein heißer Sommer - und auch, wenn sich die Temperaturen inzwischen abgekühlt haben: Der Gedanke an den nächsten Winter dürfte für die meisten noch weit sehr weg sein. In puncto Energieversorgung allerdings wird der Blick auf die langsam näher rückende, kalte Jahreszeit immer wichtiger.
Gas weiterhin relevant für die Energieversorgung in Deutschland
Die Bedeutung fossiler Energieträger nimmt zwar kontinuierlich ab - dennoch ist Gas für Privathaushalte und Industrie ein wichtiger Baustein, wenn es um die Versorgung mit Energie geht. So betrug der Anteil von Gas an der gesamten Stromproduktion in Deutschland im vergangenen Jahr immer noch rund 12 Prozent. Genau diese Abhängigkeit könnte mit Blick auf den Winter riskant werden.
Denn aktuell sind die Gasspeicher so wenig gefüllt wie sonst kaum zu dieser Jahreszeit. Normalerweise sind die Speicher Mitte bis Ende August bereits zu rund 75 Prozent ausgelastet. Aktuell sind die Speicher allerdings nur zu gut der Hälfte ihrer eigentlichen Kapazität gefüllt - ein auffällig niedriger Wert.
Die Vorgabe der Bundesregierung lautet 80 Prozent zum 1. November für die meisten Gasspeicher beziehungsweise 45 Prozent für sechs Ausnahmen. Bezogen auf die gesamte Kapazität müssen die Gasspeicher demnach zu etwas mehr als 72 Prozent gefüllt sein. Angesichts des aktuell langsamen Einspeichertempos wird dieses Ziel allerdings immer unrealistischer, warnen die Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) in einer aktuellen Mitteilung.
Das Wetter beeinflusst den Gasbedarf
Die Knappheit hat verschiedene Gründe. Das Wetter der vergangenen Monate ist einer davon: Zum einen waren die Speicher bereits zum Jahresbeginn relativ niedrig - die kalten Temperaturen besonders in der zweiten Hälfte des Winters sorgten für einen erhöhten Gasbedarf. Zum anderen spielten auch die Hitzewellen dieses Sommers eine wichtige Rolle.
Denn durch die hohen Temperaturen und ausbleibenden ausgiebigen Regen sind die Pegelstände der Flüsse stark gesunken. Die Folge: Die Wasserkraftanlagen standen als Stromlieferant nicht mehr zur Verfügung. Daher mussten die Gaskraftwerke einspringen, was die Einspeicherung von Gas im bisherigen Sommer hemmte.
Hauptgrund für die niedrigen Füllstände: Der andauernde Irankrieg
Doch vor allem der seit rund sechs Monaten anhaltende Krieg zwischen dem Iran und den USA bringt die aktuelle Situation am weltweiten Gasmarkt durcheinander. Der Grund ist die Straße von Hormus, die weiterhin de facto gesperrt ist. Normalerweise wird rund ein Fünftel der weltweiten Exporte an Flüssigerdgas (LNG) durch die Meerenge verschifft. Da dies seit Monaten nicht mehr möglich ist, hat sich das Angebot von Gas spürbar reduziert.
Das macht sich auch beim Preis bemerkbar: Aktuell kostet eine Kilowattstunde fast 6,5 Cent und ist damit doppelt so teuer wie noch vor Kriegsbeginn. Das stellt Gashändler und Energieversorger hierzulande vor Probleme.
Der übliche Mechanismus auf dem Gasmarkt ist kaputt
Normalerweise kaufen sie im Sommer das Gas günstig ein und machen damit ihre Speicher für den Winter voll. Denn in der Regel ist das Gas in den warmen Monaten billiger. Im Winter, wenn die Preise wegen des erhöhten Heizbedarfs steigen, verkaufen sie das Gas zu höheren Preisen gewinnbringend.
Dieser Preisunterschied hat bislang auch meist gut funktioniert. Doch momentan ist er - bedingt durch die aktuell hohen Preise - kaputt. "Die Lage ist ungewöhnlich, und es zeigt eben, dass es keinen wirklichen Anreiz für die Händler gibt, Gas einzuspeichern", sagt Gasexperte Andreas Schröder, der beim Marktanalysedienst ICIS arbeitet.
Wirtschaftsministerin Reiche sieht keinen Handlungsbedarf
Diesen Anreiz könnte die Politik mit diversen Instrumenten schaffen, aber Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. Sie halte nichts davon, staatlich in den Markt einzugreifen, um die Speicher zu füllen. Das sei Aufgabe der Branche, so Reiche. Die Händler spekulieren derweil darauf, dass die Ministerin ihre Meinung ändert und die Regierung finanziell doch noch unterstützt.
Anders sieht es im europäischen Ausland aus: In den Niederlanden beispielsweise unterstützt die Regierung den Kauf von Gas mit milliardenschweren Subventionen. Auch Italien kauft trotz der aktuell hohen Gaspreise große Mengen an Flüssigerdgas. Frankreich und Polen haben vergleichbare Maßnahmen ergriffen. Klar ist: Die staatliche Gasreserve, die Deutschland aufbaut, wird voraussichtlich erst im Winter 2027/2028 bereitstehen.
Die Bundesnetzagentur bewertet die Lage gelassen
Die Forderungen nach staatlichem Eingreifen werden mit jeder Woche lauter, denn die Sorgen vor zu knappen Reserven im Winter wachsen. So forderten unter anderem Linken-Chefin Ines Schwerdtner und der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) den Bund zum Handeln auf.
Nach Ansicht der Bundesnetzagentur besteht dazu allerdings kein Anlass. In einer aktuellen Lagebewertung heißt es: Die Gasversorgung in Deutschland sei stabil, das Risiko gering. Allen voran die verschiedenen Importmöglichkeiten - vor allem aus Norwegen, aber auch Frankreich und Belgien - könnten den Bedarf abfedern, so die Einschätzung der Behörde. Zudem hätten die Gasspeicher durch den Ausbau der LNG-Terminals an Bedeutung verloren, heißt es weiter.
Kommen wir mit den bisherigen Gasreserven durch den Winter?
Die Energieversorgung sehen viele Fachleute mit Blick auf diesen Winter dennoch kritisch. "Wenn die bisherigen Importe so weiterlaufen wie kalkuliert, würde das Speicherbefülltempo ausreichen, um über einen normalen Winter zu kommen. Aber: Es kommt darauf an", sagt Georg Zachmann, Experte für den europäischen Strommarkt beim Thinktank Bruegel.
Auch Gasmarktanalyst Andreas Schröder ist mit seinem Urteil vorsichtig. "Es muss alles glatt laufen. Wenn der Winter deutlich kälter werden sollte als gedacht oder aber es zu technischen Problemen und Ausfällen an einer Pipeline oder einem LNG-Terminal kommen sollte, dann könnte es gegen Ende des Winters tatsächlich kritisch werden", sagt er.
Zumal Europa aktuell mehr denn je auf stabile Lieferungen aus den USA angewiesen ist. Denn der überwiegende Teil der Flüssigerdgas-Importe kommt inzwischen von dort. Diese neue Abhängigkeit ist - insbesondere in geopolitischen Krisenzeiten - nicht ohne Risiko, so Experte Schröder. Er betont: "Man ist bei niedrigen Füllständen darauf angewiesen, dass alles andere funktioniert".