„Halo Campaign Evolved“ im Test: Früher war alles besser
Inhaltsverzeichnis Entschlossen schreitet die Streichersektion die Tonleiter hinauf. Heroisch biegt der Master Chief aus einem langen Flur ab und betritt einen weit offenen Raum. Völlig ungedeckt stehen Aliens der Allianz herum und debattieren. Sie schauen woanders hin, hören weder uns noch die Musik. Also bleiben wir kurz stehen und schlenzen eine Plasmagranate in die Gruppe. Wie ein Hühnerhaufen hüpfen die Gegner durcheinander. Weiterlesen nach der Anzeige Wie gut „Halo“ eigentlich ist, kann man im Laufe der Jahrzehnte durchaus vergessen. Zahllose Fortsetzungen, Spin-Offs, Adaptionen, Studiowechsel und der eine oder andere Neustart versperren den Blick. Doch schon das erste Spiel „Combat Evolved“ (in Deutschland „Kampf um die Zukunft“) ist ein unerschütterlicher Meilenstein. Vorher fühlten sich Ego-Shooter auf Spielekonsolen höchstens dann gut an, wenn man nicht wusste, wie viel besser sie mit Maus und Tastatur am PC waren. Doch sobald man die klassische „Halo“-Situation wieder durchlebt, sobald sich der Tunnelschlauch in die nächste Arena mit gut gemischten Gegnern öffnet, ist der Master Chief wieder voll da. Es ist wie Fahrradfahren. Bezeichnenderweise fühlt es sich für uns am allerbesten mit Xbox-Controller in der Hand an. Mit der Maus zielen wir schneller, aber das Hin und Her aus Nahkampfattacken, Granatenwürfen und ständigen Schusswaffenwechseln, während wir je nach Schildanzeige vorausstürmen oder in Deckung sprinten, steckt uns immer noch in den Fingern. Das neue „Halo: Campaign Evolved“ macht ein paar große und viele kleine Änderungen an der Kampagne, aber es fühlt sich einfach richtig an. Manchmal wirkt das Spiel altmodisch, aber immer unterhaltsam. Bild 1 von 22 „Halo Campaign Evolved“ im Test (22 Bilder) Neue Grafik, neue Schädel „Halo“ hat damals auch visuell Maßstäbe gesetzt. In der Beziehung ist es am schlechtesten gealtert. Deswegen haben die Entwickler die Welt im Wesentlichen neu gebaut. „Campaign Evolved“ ist ein Unreal-Engine-5-Spiel und genügt modernen Ansprüchen an einen richtig schicken Open-World-Shooter. Aus grünen Bodenflächen werden blühende Landschaften, der Warthog rumpelt über steinige Flächen, Lichter spiegeln sich im Meer und strahlen in die Tunnel hinein. Der Schauplatz sieht schon auf den ersten Blick richtig gut aus, doch vor allem der direkte Vergleich ist beeindruckend. „Halo“ ist endlich wieder schön. Die Änderungen am Gameplay sind dagegen eher fein. Viele Details wurden aus späteren Spielen in das Original-Abenteuer geholt. Ein paar Waffen aus den Fortsetzungen sind drin, man kann jetzt auch gegnerische Fahrzeuge kapern. Auch die Levels selbst wurden behutsam überarbeitet, um alte Designschwächen auszubügeln und um etwas mehr Platz für den neuen 4-Spieler-Online-Koop-Modus zu bieten. Testen konnten wir die Koop-Funktion leider nicht, unsere PC-Version beherrscht nicht einmal Split-Screen-Support. Doch zu viert stellen wir uns zumindest einige Passagen etwas nervig vor – spätestens, wenn wir uns mal wieder durch enge, labyrinthartige Gänge kämpfen. Bemerkt haben wir die Überarbeitungen eigentlich nur zweimal: Die berüchtigte Bibliothek ist jetzt besser und der Warthog bleibt beim Fahren etwas öfter hängen, weil die Geometrie komplexer ist. Weiterlesen nach der Anzeige Auch neu im Spiel sind zahlreiche Schädel: Die Sammel-Skulls sind wichtig, um Level noch einmal neu zusammengestellt zu spielen. Gefunden haben wir beim einmaligen Durchspielen der Kampagne kaum einen Skull, doch die Liste der neuen Modifikationen liest sich ermutigend. So kann man die mehr und weniger berühmten Missionen immer wieder anders erleben, sich selbst neue Herausforderungen stellen und vor allem mit Freunden spielen. Achselzucken am Anfang Eher kein neuer Meilenstein ist übrigens der komplett neu entwickelte Prolog. Die Extra-Kampagne beinhaltet einfach drei Level, von denen zwei überzeugen. Unterhaltsam ist der anfängliche Kampf in einem Allianz-Schiff, richtig abwechslungsreich dann die größere Schlacht in weit offenen Arenen, bevor alles mit einem müden Arcade-Gimmick endet. Dabei wird auch eine Geschichte erzählt, die man aber beim Spielen fast vergisst. Vielleicht liegt es am verpflichtenden Sidekick: Sergeant Johnson ist ein altmodischer Badass-Charakter wie aus einem Actionfilm der 1980er Jahre. Mit ihm gemeinsam die Level zu durchqueren, macht Spaß, aber das war’s auch. Dass er kaum je eine Gefühlsregung zeigt, ist seine wichtigste Eigenschaft. Interessanter macht ihn das aber nicht. Besonders lebendig wirkt keiner der auftauchenden Charaktere. Im Gedächtnis bleiben am ehesten die häufig auftauchenden Brutes, weil sie die Kämpfe mit ihrer aggressiven Taktik aufmischen. Die Geschichte des Hauptspiels dagegen ist nach wie vor gut, verknüpft dramatische Wendungen mit abwechslungsreich komponierten Levels. Der Inszenierung merkt man allerdings ihr Alter an. „Halo: Campaign Evolved“ ist nicht so cineastisch wie moderne Großproduktionen, es kommt in kurzen Zwischensequenzen auf den Punkt. Man fühlt sich schon wie in einer Weltraumoper – aber nicht wie im Kinosessel, sondern im Kampfanzug. Cortana oder Keyes erklären schnell, was zu tun ist, und dann wird endlich wieder geballert. Empfohlener redaktioneller Inhalt Mit Ihrer Zustimmung wird hier ein externes YouTube-Video (Google Ireland Limited) geladen. Fazit: Unverwüstlich und schöner denn je Viele Kleinigkeiten haben sich an dem Spiel verändert. Uns sind sie teils nicht aufgefallen, teils haben wir uns auch gefreut, wenn allzu lineare oder langwierige Passagen leicht überarbeitet wurden. „Halo: Campaign Evolved“ fühlt sich weitgehend wie ein richtiges Remake an. Es spielt sich, als hätten auch die Entwickler die Fan-Brille aufgehabt. Und sich dann in ein paar Fällen für behutsame Korrekturen entschieden. Wie sehr ist das neue „Halo“ wirklich eine gelungene Neuerfindung? Für alle, die sich mit Nostalgie an das Original und mit gemischten Gefühlen an die vielen Spiele dazwischen erinnern, ist es ein voller Erfolg. Für „Halo“-Ultras wollen wir uns aber kein Urteil erlauben. Wer „Combat Evolved“ auswendig kennt, wer sich noch erinnert, wo die Schädel im Original versteckt waren, der stört sich vielleicht an Detailänderungen, die uns nicht aufgefallen sind. „Halo: Campaign Evolved“ ist für Xbox Series X/S, Playstation 5 und Windows erhältlich. Es ist ohne Zusatzkosten im Game Pass Ultimate und PC Game Pass enthalten. Im „Early-Access“ ist das Spiel gegen Aufpreis ab dem 23. Juli erhältlich, die Normalversion startet am 28. Juli.