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"Halte ich für sehr gefährlich": Arzt äußert sich zu neuem Beauty-Trend unter Männern

Nation

Looksmaxxing hin, Body Positivity her: Groß zu sein ist in den Augen vieler Menschen ein Attraktivitätsfaktor bei Männern. Für "Short kings" kann das belastend sein. Um ihr Ideal zu erreichen, greifen manche zu drastischen Maßnahmen.

Große Männer sind attraktiv. Die Aussage mag simpel und verallgemeinernd klingen, aber ganz abstreiten lässt sie sich nicht. Sowohl in der Liebe als auch im Job wird häufig bevorzugt, wer groß ist – das belegen Befragungen und Studien seit Jahren.

In einer repräsentativen Parship-Umfrage gaben etwa 6 von 10 heterosexuellen Frauen an, dass ihr Partner mindestens fünf Zentimeter größer sein müsse; ein Viertel der befragten Männer fühlte sich derweil von einer größeren Frau verunsichert. Studien zeigen zudem, dass größere Männer tendenziell häufiger in Führungspositionen gelangen und höhere Einkommen erzielen. Klar: Nur weil größere Menschen häufiger in Führungspositionen sind, heißt das nicht automatisch, dass ihre Größe dafür verantwortlich ist. Aber das Gefühl bleibt: Größere Männer sind attraktiver und erfolgreicher als kleine.

Und genau das stellt einige Männer vor ein Problem. Denn anders als bei der Frisur oder Muskelmasse kann man an seiner Körpergröße nur wenig ändern.

Bei Männern, die kleiner als der Durchschnitt sind – in Deutschland liegt der laut Statistischem Bundesamt bei 1,79 Meter –, kann das erheblichen Leidensdruck auslösen. Um sich davon zu befreien, entscheiden sich manche für einen drastischen Schritt: eine kosmetische Beinverlängerung.

Deutscher Influencer lässt sich die Beine um 20 Zentimeter verlängern

Einer, der das schon hinter sich hat, ist Leon Otremba. "Es fühlt sich geil an, so groß zu sein", erklärte er vor einer Weile dem ZDF. "Ich kann verstehen, warum die Frauen auf 1,90 stehen." Der Influencer hat in den vergangenen Jahren auf Social Media enorm viel Aufmerksamkeit erregt, weil er durch mehrere Eingriffe um mehr als 20 Zentimeter gewachsen ist. Ursprünglich war er rund 1,71 Meter groß, mittlerweile misst er nach eigenen Angaben 1,92 Meter.

Er habe lange Zeit sehr unter seiner Körpergröße gelitten, erzählt er in diversen Interviews. "Das Selbstwertgefühl war auf jeden Fall nicht ausreichend, sonst hätte ich diese Operation nicht gemacht", erklärte er etwa gegenüber Deutschlandfunk Nova. Nun sei er endlich im Einklang mit sich selbst.

Ende gut, alles gut, könnte man meinen. Aber so einfach ist es nicht.

"Kosmetische Beinverlängerungen sind sowohl bei Frauen als auch Männern ein Thema. In den vergangenen Jahren gab es dafür mehrere Beispiele aus TV-Formaten wie GNTM oder Bachelor", erklärt Ulrich Lenze gegenüber watson. Er ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Sekretär der Gesellschaft für Extremitätenverlängerung und -rekonstruktion. Belastbare Zahlen für einen Anstieg der OP-Zahlen im Bereich kosmetischer Beinverlängerungen gebe es zwar weder für Deutschland noch für das Ausland. "Aber es ist richtig, dass sich auch sehr viele Männer mit dem Thema beschäftigen und eine Beinverlängerung anstreben."

Das gilt nicht nur für Berichte in klassischen Medien, sondern auch auf Social Media. Dort berichten Influencer wie Otremba von ihren Beinverlängerungen, wie groß die Schmerzen sind und wie viel ihnen die Rehabilitation abverlangt hat, aber auch wie glücklich sie danach sind. Gleichzeitig werben spezielle Kliniken mit Slogans wie "Live Life Taller" und verbreiten Vorher-Nacher-Bilder von Patienten, die ein breites Lächeln im Gesicht tragen. Ulrich Lenze sieht diesen Einfluss von Social Media kritisch.

Bein-OP zieht monatelange Rehabilitation nach sich

Wer ein paar Zentimeter größer werden will, muss sich zunächst einer OP unterziehen, bei der der Knochen gezielt durchtrennt wird. Die beiden Knochenenden werden anschließend über einen Zeitraum von mehreren Wochen auseinandergezogen, zum Beispiel mittels eines Verlängerungsnagels innerhalb des Knochens. Ein Millimeter pro Tag sind es laut Lenze im Schnitt.

Wer also sechs, acht oder mehr Zentimeter "wachsen" will, braucht eine Menge Geduld. Und selbst wenn die Wunschlänge erreicht ist, muss der Knochen erst noch aushärten, was dem Experten zufolge das "Doppelte und Dreifache" dieser Zeit dauern kann.

Das bringt einige Herausforderungen mit sich. "Bis der Knochen ausreichend stabil ist, müssen die Patienten in der Regel auf Krücken gehen", erklärt Lenze. Manche Kliniken versprechen zwar, dass kurze Zeit nach der OP bereits eine "Vollbelastung" möglich sei. Doch Lenze wirft ein: "Die Belastung des Implantats bei einem Menschen, der 110 Kilo wiegt, ist eine andere als bei einem Menschen, der 50 Kilo wiegt."

Hinzu käme, dass nicht nur der Knochen in die Länge gezogen werde, sondern auch Muskeln Sehnen und Bänder. "Deshalb müssen die Patienten nach der OP konsequent Eigenübungen und intensiv Physiotherapie machen." Wie schnell die Heilung verläuft, hängt also auch von der Mitarbeit der Patienten ab.

Mit welchen Kosten man für eine Beinverlängerung rechnen muss

Leon Otremba ließ sich sowohl die Oberschenkel als auch die Unterschenkel verlängern und musste dem ZDF-Bericht zufolge (mit Unterbrechungen) zwei Jahre lang auf Krücken gehen. Bis er wieder komplett ohne Probleme laufen kann, wird es wohl noch länger dauern.

Doch wer sich für eine Beinverlängerung entscheidet, braucht nicht nur körperlich viel Durchhaltevermögen. Auch finanziell wird einem einiges abverlangt, wie Ulrich Lenze weiß:

Manche Männer zahlen für ihren Traum vom Großsein einen sechsstelligen Betrag. Das kann sich nicht jeder leisten. Daher weichen manche auf Kliniken im Ausland aus, zum Beispiel in der Türkei. Doch das hat durchaus seine Schattenseiten. "Vorsichtig gesagt wird in einigen Kliniken im Ausland im Fließbandverfahren operiert", meint Lenze. Darüber hinaus mangele es manchen Chirurg:innen im Ausland vermutlich an Erfahrung, mit Komplikationen und Problemen umzugehen.

"Deshalb sehen wir in Deutschland vermehrt Patienten, die sich im Ausland operieren lassen und anschließend mit teils schwerwiegenden Komplikationen zu uns kommen, um sozusagen den Karren aus dem Dreck zu ziehen", berichtet Lenze. Wer also eine Beinverlängerung aus Kostengründen im Ausland durchführen lässt, zahlt am Ende womöglich mehr.

Der Facharzt mahnt daher: "Es ist aus meiner Sicht die größte kosmetische Operation überhaupt und da Geld durch eine OP im Ausland sparen zu wollen, halte ich für sehr gefährlich."

Auf Social Media werden die Risiken teils ausgeblendet

Eine andere Gefahr sieht Lenze in den Influencer:innen, die die kosmetische Beinverlängerung mitunter idealisieren und Risiken ausblenden. Das könne dazu führen, dass manche ihrer Follower:innen sich leichtfertig für eine OP entscheiden, die in seltenen, aber dafür umso tragischeren Fällen schiefgehen kann.

In Interviews macht Otremba aus den Strapazen nach seiner ersten Bein-OP in der Türkei zwar kein Geheimnis. "Es war brutal schmerzhaft. Ich hab wirklich eine Woche komplett durchgeheult", erzählt er etwa dem ZDF. "Mein Körper hat extrem rebelliert. Ich habe zu kämpfen gehabt mit extremem Schwindel, Übelkeit, Brechen." Auch unter Panikattacken habe er gelitten.

Später zeigte er sich jedoch überzeugt von den Eingriffen. Dem ZDF zufolge betreute er zwischenzeitlich sogar die Social-Media-Kanäle des Becker-Betz-Institute in Deutschland, wo er sich zuvor operieren lassen hatte. Ob das immer noch der Fall ist und wie es ihm aktuell mit seinen verlängerten Beinen geht, ist unklar. Derzeit ist keines von Otrembas Social-Media-Profilen auffindbar.

Für Ulrich Lenze steht derweil fest: "Eine kosmetische Beinverlängerung ist ein aufwendiges, aber zumindest in Deutschland weitgehend sicheres Verfahren". Wer sich dafür entscheidet, sollte das jedoch nur bei Ärzt:innen durchführen lassen, die eine entsprechende Expertise aufweisen.

Am Ende bleibt die Frage, wie viel einem ein paar Zentimeter Körpergröße wert sind. Manche Männer sind nach der Beinverlängerung zwar glücklicher, gleichzeitig wurde ihnen dafür aber eine Menge Geld und Lebenszeit abverlangt. Wer sich für diesen Weg entscheidet, sollte deshalb nicht nur wissen, wie groß er werden möchte, sondern auch, welchen Preis er bereit ist, dafür zu zahlen.

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