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Hamburg in den 60ern und 70ern: Als die Stadt noch anders war

Unterhaltung

Stand: 25.10.2026 06:00 Uhr

Hamburg wird immer wieder porträtiert. Besonders interessant wird es, wenn Fotos eine Vergangenheit zeigen, die nicht weit zurückliegt - und doch ein ganz anderes Lebensgefühl abbildet. So wie bei Gisela Floto.

von Jens Büchsenmann

Eine Aufnahme von oben. Menschen gucken in die Luft, neugierig, über ihren Köpfen schweben Luftballons. Die älteren Frauen mit Hut und Lederhandtasche, die jungen Damen am Jungfernstieg ohne. Auch von den Männern haben nur die älteren einen Hut auf; aber Krawatte tragen alle, auch die jüngeren: Schlips und Kragen waren normal in den 60ern.

Umblättern. Nächste Seite. Ein Bus der Linie 78 von Fuhlsbüttel nach Volksdorf. Im Schneematsch winken fröhliche Eltern ihren Kindern zu, die gerade eingestiegen sind. Überhaupt Kinder: Hunderte von ihnen passen gerade auf die Doppelseite. Schauen hochkonzentriert an einem uniformierten Polizisten vorbei, auf die Bude des "Verkehrskasperles", verrät die Bildunterschrift. Es ist draußen, es ist kalt, alle haben sichtlich Spaß.

Mit der Leica auf Streifzug durch die Stadt

"Ich habe für mich die Stadt entdeckt und die Menschen. Ich glaube, das ist auch eines der positivsten Elemente für mich damals gewesen, wie positiv und fröhlich die Menschen meine unanständigen Anträge angenommen haben (lacht). Es war einfach ein Miteinander: Diese 'freie Jagd' war nicht gegen-, sondern miteinander. Das war wunderbar", sagt die Fotografin.

Ab 1962 entdeckte Gisela Floto als junge Frau ganz allein für sich die Stadt. Mit ihrer Leica M3 - so legendär wie der Kodak Tri-X-Schwarz-Weiß-Film. "Ich glaube ich habe so einen inneren Motor, dass ich weiß, bei welchem Licht ich welche Blende brauche."

"Es ist eine verloren gegangene Zeit"

"Freie Jagd" nannte sie ihr Streunen, damals noch ohne Auftrag einer Redaktion in der Zeitungsstadt Hamburg. Street Photography par excellence - wie ihr französisches Vorbild Henri Cartier-Bresson.

"Es ist schon eigenartig, weil es etwas Fröhliches und auch Trauriges für mich hat. Als ich damals nach Hamburg kam, war für mich alles frisch und neu. Es war auch eine Art von erkämpfter Freiheit, als junges Weib, das aus Berlin nach Hamburg gehen durfte. Es ist eine verloren gegangene Zeit, die es nicht mehr gibt. Damals war es für mich eine persönliche und auch eine fotografische Entdeckungsreise."

Hamburgs Straßen als großer Spielplatz

Auch Kinder sieht man auf diesen Fotos, viele Kinder. Hamburg ist ihr Spielplatz, wo sie ohne Aufpasser zugucken können beim Abriss alter Häuser, am Hafen barfuß im Wasser toben. Oder sie finden einen alten Sessel, mitten auf der Straße.

"Damals standen noch Sachen herum, und die Kinder haben das für sich in Anspruch genommen. Das war ihr Spielplatz", meint Floto. "Die sehen noch richtig niedlich angezogen aus. Das fand ich besonders, weil sie mich gar nicht bemerkt haben. Die haben gespielt und haben sich an den großen Möbeln gefreut."

Was geblieben ist - und was verloren ging

Wieviel Arbeit draußen erledigt wurde! Wie fröhlich man dabei war, am Hafen, mit Schippermütze auf dem Kopf und Zigarre im Gesicht. Wie auf dem Bild von den Barkassenführern und ihrem Chef, der stolz mit der Rolleiflex ein Erinnerungsfoto seiner Mannschaft schießt.

Heute sind die Trümmergrundstücke weg, die Baulücken geschlossen, die Straßen voller, die Autos größer. Die Menschen sehen jetzt ganz anders aus, "moderner" irgendwie, gesünder, aber auch mürrischer mit ihren Handys. Wir ahnen, was wir in diesen Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Aber Gisela Flotos warmherzige Schwarz-Weiß-Bilder zeigen auch, was wir alles verloren haben.

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