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Hamburg: Therapiezentrum Ankerland hilft schwer traumatisiertem Tim (5) zurück ins Leben

Wissenschaft

Als Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Krüger den knapp fünfjährigen Tim* kennenlernte, gab der Kleine ein „trauriges Bild“ ab. „Das Kerlchen“, wie Krüger ihn liebevoll tituliert, zeigte schwerste psychische Auffälligkeiten: Tagsüber gebärdete Tim sich oft wütend und aggressiv, fand im Kindergarten zu anderen keinen Kontakt. Nachts kamen die Ängste. Mit Wucht. Stunde um Stunde quälte sich der Junge in den Schlaf, um kurz darauf von Albträumen hochzuschrecken. Immer wieder nässte Tim sich ein, auch den Stuhlgang hatte er nicht unter Kontrolle.

Erst Bereitschaftspflege, dann Pflegefamilie

„Das Leben hat es nicht gut gemeint“, sagt man floskelhaft. Auf Tim trifft das aber irgendwie zu. Nur wenige Stunden alt, musste der Neugeborene von seiner psychisch schwer kranken Mutter getrennt werden. Nicht ansatzweise war die Frau in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern.

Tim kam in die Bereitschaftspflege, eine Art Krisenpflegefamilie, um in der ersten Lebensphase versorgt zu sein. Als sich aber zeigte, dass die Mutter das Kind nicht zurücknehmen könnte, vermittelte das Jugendamt eine Pflegefamilie.

Pflegefamilie vernachlässigt Baby

Erst nach mehr als zwei Jahren stellte sich heraus, dass man das Baby dort zumindest massiv vernachlässigt hatte, es unterernährt und unterentwickelt war. Raus aus der Familie, rein in die nächste Pflegefamilie, die bald gefunden wurde.

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Und Tim hatte Glück. Das Ehepaar, selbst erfahrene Eltern von schon älteren Kindern, wollte dem Kind mit aller Macht ein gutes Leben ermöglichen. Zwei Jahre kämpfte es um den Jungen, versuchte seine offensichtlichen seelischen Verletzungen mit Hingabe und Herzenswärme zu heilen.

Doch die Liebe allein stieß an Grenzen. Das war der Zeitpunkt, als sich Tims neue Familie Hilfe bei Ankerland und ihrem Leiter Andreas Krüger suchte.

Ankerland hilft schwer traumatisierten Kindern

Ankerland in Hamburg ist Deutschlands einziges tagesklinisches Angebot für schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche, das sich zu 100 Prozent aus Spenden finanziert. Opfer von Vernachlässigung, körperlicher Gewalt oder Missbrauch erhalten hier eine intensivtherapeutische Behandlung, ihre Bezugspersonen – seien es Verwandte, Pflegeeltern oder Sozialpädagogen – Begleitung und Rat.

Vor allem die ganz Kleinen mit schwierigen Biografien hat Ankerland im Blick. Die Kinder hätten keinerlei bildhafte Erinnerung an das, was sie erlitten haben, erklärt Krüger. „Explizite Gedächtnisfunktionen“ seien erst ab circa drei Jahren verfügbar. Doch gerade die bildhaft nicht erinnerlichen, sehr frühen Traumata hätten oftmals besonders schwere und lebenslange Auswirkungen auf die Opfer.

Wie behandelt man Kinder, die nicht erahnen, was sie im tiefsten Innern quält? Krüger: „Das Unaussprechliche findet Ausdruck in Kunst-, Körper- und Musiktherapie. Unsere Patienten lernen in der sprachorientierten Therapie, ihre Empfindungen und ihr Verhalten zu verstehen und erlangen Handlungskompetenzen, die sie der eigenen Ohnmacht entgegensetzen können.“

Nach neun Jahren war Tim „im Leben angekommen“

Das braucht, neben guter Zusammenarbeit des beteiligten Hilfesystems, vor allem Zeit. Anders als im kapazitär heillos überforderten System der klassischen stationären Kinder- und Jugendpsychiatrie, die in der Regel nur Wochen bis Monate mit traumatisierten Kindern arbeiten kann, bekommen die kleinen Patienten bei Ankerland so lange Unterstützung, bis Trauma-Folgestörungen überwunden sind beziehungsweise die Kinder sich zuverlässig im Alltag zurechtfinden. Im Schnitt dauere das drei bis fünf Jahre, so Krüger. Bei Tim waren es neun. „Aber dann war er im Leben angekommen.“

Hilfe für die vielen Namenlosen anderen

Zeit, die Geld kostet. Viel Geld. 1,6 Millionen Euro müssen Andreas Krüger und sein Team derzeit jährlich einsammeln, um das Traumazentrum in Hamburg betreiben zu können. „Das lässt mich manchmal schlecht schlafen“, sagt Krüger. „Aber die Kinder sind jede Mühe und jeden Cent wert.“

Aktuell erhält sein Haus auch Unterstützung von der Tribute to Bambi Stiftung. Diese fördert seit mehr als 20 Jahren deutschlandweit Hilfsprojekte für Kinder und Jugendliche in Not, macht auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam und erhält Spenden auch über Charity-Veranstaltungen.

Bei der diesjährigen Gala am 15. Oktober 2026 in Berlin werden etwa 300 Gäste aus Gesellschaft, Kultur, Wirtschaft und Politik erwartet, um für die Jüngsten und Belastetsten der Gesellschaft zu trommeln und Spenden zu sammeln. Für Kinder wie Tim und die vielen Namenlosen anderen.

*Name von der Redaktion geändert

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