Hamburgs ZRE: Kostenexplosion von 234 auf 780 Mio. Euro
Weithin sichtbar von der Autobahn A 7 entsteht in Hamburg ein Vorzeigeprojekt: das Zentrum für Ressourcen und Energie (ZRE). Noch stehen nur riesige Betonwände und viele Kräne, aber wenn alles fertig ist, soll hier Müll sortiert, verwertet und verbrannt werden. Vor allem aber sollen von hier aus über rund 40.000 Haushalte mit Strom und knapp ebenso viele mit Fernwärme versorgt werden. Eigentlich sollte die Anlage längst fertiggestellt sein. Doch bisher wird dort vor allem eines verbrannt: viel Geld. Mindestens 780 Millionen Euro soll die Anlage kosten, ursprünglich sollten es 234 Millionen sein. Kürzlich gab der Aufsichtsrat der Stadtreinigung eine Tranche von 97 Millionen Euro frei, zur unmittelbaren Sicherung des Baufortschritts. Da es sich um ein hochkomplexes industrielles Großprojekt handele, könnten aber „weitere Finanzierungsbedarfe“ nicht ausgeschlossen werden, sagte dazu ein Sprecher der Umweltbehörde der F.A.Z. Sprich, es wird eventuell noch teurer. Das erinnert an die Elbphilharmonie. Die kostete am Ende 866 Millionen Euro, ursprünglich veranschlagt war nur ein Bruchteil davon. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Die Hamburger Senatsregierung hat lange wenig Geldsorgen gehabt. Die gute wirtschaftliche Lage ließ die Kasse klingeln. Doch neuerdings muss sie sparen, kürzlich wurden unpopuläre Einschnitte verkündet. Auch vor diesem Hintergrund fällt die Kritik nun scharf aus. Opposition: Bei dem Projekt wurden Probleme „vertuscht“ Bei der Müllverbrennungsanlage gab es ein „Kontrolldefizit“, sagt Thilo Kleibauer, haushaltspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion, der F.A.Z. „Da ist viel bei der Steuerung schiefgelaufen.“ Vor 2026 wurde bei dem Projekt demnach offenbar versucht, die Probleme zu „vertuschen“. Zudem sei die Senatsregierung wohl zu leichtgläubig Projekt herangegangen, habe die Komplexität der Umsetzung ihrer ambitionierten Klimaschutzziele unterschätzt. Umweltsenatorin in Hamburg ist seit dem vergangenen Jahr die Grüne Katharina Fegebank, sie sitzt auch dem Aufsichtsrat der Stadtreinigung vor. Fegebank wies kürzlich jede Verantwortung für die Misere von sich. Ein von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte erstellter Bericht zeige, dass dem Aufsichtsrat „essenzielle Informationen“ über Kosten und Termine lange Zeit schlicht vorenthalten worden seien, sagte Fegebank. Sie sprach von einem „Vertrauensbruch“. Ein Sprecher ihrer Behörde sagte dazu der F.A.Z., die damalige operative Führung habe das Kontrollgremium bis Ende 2025 trotz mehrfacher Nachfrage über die Lage des Projektes unzureichend und verspätet unterrichtet. „Der Aufsichtsrat konnte daher über diese Entwicklungen nicht rechtzeitig informiert sein.“ Ohne dass dessen Name explizit genannt wurde, richtete sich die Kritik von Fegebank offenbar an Rüdiger Siechau, der bis Ende letzten Jahres Geschäftsführer der Stadtreinigung war. Er hat mittlerweile ein Hausverbot auf dem Gelände der Stadtreinigung und der ZRE. Die Stadtreinigung prüft rechtliche Schritte gegen ihn. Versucht die Senatsregierung einen Parteifreund zu schonen? Aus Sicht der Opposition greift das aber zu kurz. CDU-Mann Kleibauer kritisiert, die Schuld werde von der Senatsregierung nun Siechau in die Schuhe geschoben, da dadurch keine politische Verantwortung übernommen werden müsse. Aber das sei unzureichend. Fraglich sei, ob Fegebank ihrer Aufsichtspflicht ausreichend nachgekommen sei. In der Kritik steht auch Holger Lange (SPD), der seit 2015 – und noch bis August – kaufmännischer Geschäftsführer der Stadtreinigung ist. Er war einst Staatsrat in der Behörde für Umwelt und Energie, wechselte dann an die Spitze des städtischen Versorgers – die CDU fordert nun seinen Rücktritt. Fragen richten sich auch an Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD). Der müsse die Aufarbeitung des Falles nun zur Chefsache machen, fordert die Hamburger FDP. Hinzu kommt: Nicht nur die Müllverbrennungsanlage wird deutlich teurer, sondern auch mehrere andere Projekte von städtischen Unternehmen, die die Umweltbehörde kontrolliert. Die Antwort der Senatsregierung auf eine Kleine Anfrage der CDU zeigt Kostensteigerungen bei mehr als 30 weiteren Projekten, es drohen Mehrkosten von rund 1,4 Milliarden Euro. So stiegen etwa die Kosten für ein neues Gaskraftwerk im „Energiepark Hafen“ von 452 auf 786 Millionen Euro, weiterhin die für die Fernwärmeleitung unter der Elbe von 290 auf 375 Millionen Euro. Zur Begründung für die gestiegenen Kosten verweist die Regierung in der Kleinen Anfrage unter anderem auf stark gestiegene Baupreise sowie auf geopolitische Entwicklungen. Zahlen dürften das am Ende die Verbraucher über die Gebühren. Lange Zeit hatten es die gute wirtschaftliche Lage und die hohe Dividende von Hapag-Lloyd, an dem Hamburg beteiligt ist, der Senatsregierung erlaubt, reihenweise neue Großprojekte anzustoßen. Doch die guten Zeiten sind vorbei, auch die Hansestadt muss sparen. Ende Juni stellten Tschentscher und Finanzsenator Andreas Dressel (beide SPD) die Eckpunkte für den kommenden Haushalt vor, inklusive einiger „bitterer Pillen“. So sollen etwa die Kita-Gebühren deutlich steigen, ebenso soll die Wochenarbeitszeit der städtischen Beamten erhöht werden.