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Harald Lesch: „Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke“

Wissenschaft

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Wer mit Harald Lesch spricht, versteht schnell, warum der Astrophysiker im deutschsprachigen Raum so populär ist: Selbst komplizierte Zusammenhänge erklärt der 66-Jährige mit Verve, Humor und einer beneidenswerten Leichtigkeit. Er ist seit 1995 Professor am Lehrstuhl für Astronomie und Astrophysik – Beobachtende und Experimentelle Astronomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Frage: Herr Lesch, Sie äußern sich in der Öffentlichkeit zu Themen wie Atomenergie, Bildung, Klimawandel oder Musik. Tun Sie nur so oder sind Sie wirklich einer der letzten Universalgelehrten?

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Harald Lesch: Mein Weg ist die Lehre im allgemeinen Sinn. Ich belehre meine Studenten, Vortragshörer oder Fernsehzuschauer. Das Erklären fällt mir leicht, das kann ich gut, deshalb mache ich es.

Frage: Das wird aber nicht von allen gehört. Auch in diesem Hitzesommer waren manche Politiker ob der Ereignisse gemäss eigenen Worten „überrascht“. Wie sollte man ihnen begegnen?

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Lesch: Wenn AfD-Politiker Tino Chrupalla in einem Gespräch sagt, der Sommer sei für ihn ganz normal gewesen, muss sofort der Aufschrei unter Wissenschaftlern losgehen. Das war kein normaler Sommer, sondern der zweitwärmste in Deutschland. Man muss ihn mit Fakten bombardieren. Er darf gar nicht erst die Gelegenheit bekommen, bloß Meinungen zu präsentieren. Von dieser Sorte populistischer Äußerungen gibt es leider viele.

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Frage: Mischen sich Forscher zu wenig ein?

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Lesch: Viele Universitäten sprechen bei Festtagsreden gerne vom Wettbewerb um die besten Köpfe. Dass diese besten Köpfe bei den drängenden Fragen unserer Zeit so schweigsam sind, ist beschämend. Gerade die Wissenschaft, die von der Gesellschaft über Steuern finanziert wird, scheint nicht zu erkennen, was für eine Bringschuld sie hat.

Frage: Ist die Zurückhaltung der Forscher nicht auch verständlich? Sie wollen unparteiisch sein.

Lesch: In Zeiten, in denen parlamentarische Demokratien durch populistische Bewegungen gefährdet werden, halte ich es für brandgefährlich, wenn Wissenschaftler unpolitisch bleiben. Wenn man unter solchen Bedingungen nicht aktiv wird, wann dann? Sich stattdessen hinter Flachbildschirmen zu verstecken, ist sehr beschaulich. Oft haben die Leute einfach Angst, in die Diskussion gezogen zu werden.

Frage: Was steht für die Wissenschaft als Institution auf dem Spiel, wenn sie stumm bleibt?

Lesch: Wenn diese Herrschaften von rechts- oder linksaußen an die Macht kommen – wir sehen ja die Wahlen in Deutschland –, weiß ich nicht, was sie mit den Universitäten und Schulen machen. In ihren Programmen steht einiges drin, was uns hochgradig alarmieren muss.

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Frage: Wie erleben Sie die Politikerinnen und Politiker? Schließlich haben ganz Mittel- und Westeuropa extreme Hitze und Trockenheit erlebt.

Lesch: Wenn eine Naturkatastrophe innerhalb weniger Tage 15.000 Menschen tötet – so ist es laut Robert-Koch-Institut bei der Hitzewelle in Deutschland geschehen –, stünde die Politik normalerweise geschlossen da und würde Beileidsbekundungen abgeben. Aber bei der größten Naturkatastrophe, die wir je erlebt haben, hörte man nichts. Man hat sich auf politischer Seite gar nicht getraut, sich diesem Monstersommer entgegenzustellen.

Frage: Kann dieser Schock eine politische Kehrtwende bewirken?

Lesch: Vielleicht entsteht jetzt endlich der Konsens, dass neben dem Klimaschutz auch die Klimaanpassung mitgedacht werden muss. Hitzeschutz oder Wassermanagement werden künftig eine Riesenrolle spielen. Und das Tolle an der Anpassung ist: Hier kann man sofort handeln.

Frage: Wie?

Lesch: Wer anpackt, statt nur zu reden, erfährt Selbstwirksamkeit. Zum Beispiel durch die Mitgliedschaft in einer Energiegenossenschaft oder den Einzug in den Gemeinderat, um Wasserrückhaltemaßnahmen zu fordern, Moore wieder zu vernässen oder Flussauen zuschützen. Wir müssen von der Redeebene runter auf die Handlungsebene. Da passiert viel Gutes.

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Frage: Engagieren Sie sich selbst?

Lesch: Meine Frau und ich sind bei einem Riesenprojekt namens „Energiewende in Bürgerhände“ aktiv. Alles, was ich mache, steht im Zusammenhang mit einer Energiegenossenschaft. Und das wirkt: Ich sehe Menschen, die nicht nur reden, sondern Photovoltaikanlagen und Windräder bauen und Energie speichern.

Frage: Ist die Speichertechnologie denn wirklich schon so weit, um eine stabile Versorgung zu garantieren?

Lesch: Kalifornien hat es diesen März geschafft, 43 Prozent seines Strommarktes tagsüber mit Batterien zu regeln – laden, wenn Sonne da ist, und entladen bei Bedarf. Hierzulande kann man die Netzbetreiber mit solchen Erfolgen regelrecht schockieren, die können sich das gar nicht vorstellen. Aber es funktioniert.

Frage: In der Schweiz wurden kürzlich die Szenarien mit den verschiedenen Bandbreiten für die künftige Klimaerwärmung präsentiert: Es gibt extrem, mittel und minimal. Welche Variante wird es sein?

Lesch: Es wird wahrscheinlich schlimmer als die schlimmste Variante. Das zeigen die aktuellen Erfahrungen. Die pessimistischen Szenarien sind alle übertroffen worden: bei der Gletscherschmelze, dem Permafrostauftauen und der Meereserwärmung. Wir hatten viele Effekte gar nicht auf dem Schirm – zum Beispiel, dass durch die Erwärmung weniger Wolken entstehen, weil die warme Luft so viel Wasser aufnimmt. Das führt dazu, dass sich die Ozeane extrem erwärmen.

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Frage: Trotzdem bezeichnen Sie sich als Optimisten. Weshalb?

Lesch: In Europa können wir handeln und andere zum Klimaschutz anstecken – aus historischer Verantwortung, aber auch aus Zukunftslust. Die Anpassung ans Klima und der Klimaschutz werden wichtige wirtschaftliche Faktoren sein. Der Ausbau der Energienetze in einer Kreislaufwirtschaft bietet enorme Potenziale.

Frage: Aber?

Lesch: Wir in Mitteleuropa scheinen alles zu verschlafen. Die Franzosen denken über neue Kernkraftwerke nach, und in der Schweiz gibt es dieselbe Diskussion. Kernkraftwerke aber sind eine völlig veraltete Technologie, die machen im Grunde nur Wasser heiß. Leider sagen uns die Klimaprojektionen, dass wir in Zukunft mit Wasser viel sorgfältiger umgehen müssen. Es wird auch in Europa knapp.

Frage: Weshalb?

Lesch: Wenn es im Winter nicht mehr regnet, gibt es im Frühjahr kein Schmelzwasser mehr. Die Flüsse trocknen aus. Strom können wir bei einer Dürre über Sonne und Wind erzeugen. Aber Wasser können wir nicht künstlich herstellen.

Frage: Welche Veränderungen kommen beim Niederschlag auf uns zu?

Lesch: Statistisch sehen wir immer mehr Extremwetterereignisse: Hitzewellen, Dürren und Starkregen. Die Hitzewellen fallen durch den Klimawandel etwa vier Grad wärmer aus. Beim Niederschlag bedeutet das: insgesamt weniger Regen, aber wenn es regnet, dann als dramatische Starkregenereignisse.

Frage: Wie können wir dieses Wasser in der Landschaft halten?

Lesch: Wir müssen verhindern, dass es über landwirtschaftliche Monokulturen wegsaust und den Boden mitreißt. Wir brauchen eine ökologische Land- und Forstwirtschaft, in der Totholz im Wald liegen bleibt, um Wasser wie ein Schwamm zu speichern und langsam abzugeben. Wasserspeicherprojekte müssen für uns Europäer ganz oben auf der Prioritätenliste stehen. Deshalb dürfen Energievorschläge niemals auf Technologien basieren, die Wasser erhitzen oder Kühlverfahren benötigen.

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Frage: Wie lässt sich das politisch umsetzen?

Lesch: Durch Aufklärung. Auch die Franzosen mussten diesen Sommer mehrere ihrer 57 Kernreaktoren wegen Wassermangels abschalten. Sie werden umdenken müssen. Niemand, der bei Verstand ist, baut heute noch Kernkraftwerke – außer Staaten, die sie für die Plutoniumproduktion für Atombomben brauchen.

Frage: Sie machen sich auch Sorgen wegen des Energie- und Wasserbedarfs von Rechenzentren für künstliche Intelligenz.

Lesch: Die Rechenzentren erleben gerade einen Boom. Allein in Deutschland sind 150 neue geplant, weil Europa eine eigene Software entwickeln und unabhängig von den USA werden will. Diese Dinger brauchen enorm viel Strom und Kühlung. Es gibt bereits Bürgerproteste, weil die Menschen nicht wollen, dass ihnen das Grundwasser entzogen wird. Da muss die Politik dringend regulierend eingreifen. Die künstliche Intelligenz ist wie ein „irdischer Außerirdischer“.

Frage: Was heißt das?

Lesch: Die KI ist uns haushoch überlegen, aber wurde von uns geschaffen. Wir sollten der KI nicht leichtfertig unser Herz und unsere Seele öffnen. Als Professor erlebe ich den allmählichen Niedergang der Universität, weil sie sich der KI hinwirft. Ich fordere: Bis zum Bachelor sollte die Nutzung von KI zur Aufgabenlösung verboten sein. Erst wenn das Gehirn trainiert ist, darf man damit arbeiten.

Frage: Sollte KI auch an Schulen reguliert werden?

Lesch: Schulen müssen KI verbieten, damit es einen klaren Tatbestand von Betrug gibt. Die Schüler müssen erst ihre Gehirne trainieren. Das aber wird dauern. Stand jetzt ist KI eine dramatische Form der Digitalisierung und eine reine Geldverdienmaschine als Geschäftsmodell. Ich halte es für bedauerlich, dass wir unser Leben so durchökonomisiert haben, dass solche Modelle politisch gefördert werden. Wir bewegen uns momentan vom Natürlichen weg.

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Frage: Sie prangern eine allgemeine Entfremdung von der Natur an. Wie lässt sich das überwinden?

Lesch: Schauen wir uns an, was im Hier und Jetzt unsere Optionen sind. In Bayern gibt es die Gemeinde Wildpoldsried im Allgäu: Seit 25 Jahren produzieren sie sechs- bis siebenmal mehr erneuerbaren Strom, als sie selbst verbrauchen, und verdienen viel Geld damit. Oder nehmen wir Schulen, die sich vorgenommen haben, in wenigen Jahren klimaneutral zu werden. Lehrkräfte, Schüler und Eltern arbeiten da gemeinsam an diesem großen Thema.

Frage: Sie sagen also, wir müssen die positiven Beispiele bekannter machen?

Lesch: Genau. Das ist eine Sisyphusarbeit, aber nach Albert Camus müssen wir uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Man muss nach vorn blicken, Schritt für Schritt vorgehen und solche Beispiele immer wieder zeigen. In Warschau wurde eine achtspurige Hauptverkehrsstraße auf zwei Spuren verengt und komplett begrünt. Dort stehen jetzt Bäume, Bänke und Stühle, und die Menschen sitzen im Schatten und genießen es. Auch Paris, Barcelona oder Kopenhagen zeigen, wie es geht.

Frage: Sie plädieren für einfache Maßnahmen?

Lesch: Ja. Ein Riesenthema sind für mich die Schulen. Sie sind Reaktoren, um eine Geisteshaltung für die Zukunft zu erzeugen. Schulen müssen raus in die Natur, in die Wälder. Da darf es nicht sein, dass Ausflüge scheitern, weil Eltern den Zettel nicht unterschreiben, aus Angst, das Kind könnte dreckig werden. Ich komme gerade aus dem Bayerischen Wald. Der wird seit 50 Jahren in Ruhe gelassen. Trotz Borkenkäfer und Stürmen ist dort eine unglaubliche Artenvielfalt entstanden, und der Wald speichert riesige Mengen Wasser.

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Frage: Was können wir daraus lernen, auch im Hinblick auf die Zukunft unserer Kinder?

Lesch: Wir müssen Kindern zeigen, dass es in der Natur etwas zu holen gibt. Und um sie vor der KI zu schützen, sollten wir sie ein Handwerk lernen lassen – etwas, das man mit den eigenen Händen macht. Ein Handwerk, das auf Einzelstücken und manuellem Geschick beruht, kann eine KI nicht ersetzen. KI kann nur automatisieren.

Frage: Wenn man Ihnen so zuhört, könnte man meinen, Sie seien über die Jahre zu einem Grünen geworden.

Lesch: Die Grünen sind die einzige Partei in Deutschland, die die Ergebnisse der Naturwissenschaften von Anfang an ernst genommen hat. Auch wenn ich manche ihrer gesellschaftspolitischen Entscheidungen nicht nachvollziehen kann: Beim Klimaschutz würde ich mich dazuzählen. Aber mein Parteibuch ist das Grundgesetz.

Frage: Sie sprechen oft sehr leidenschaftlich über das Vorlesen und gemütliche Stunden auf dem Sofa. Passt das zu Ihrem sonst so energiegeladenen Alltag?

Lesch: Diese Pausen sind eine wichtige Quelle meines Optimismus. Ich brauche diese ritualisierten Phasen des Feierabends, um meine Zeitkultur zu bereinigen. Tagsüber mit den Kollegen anpacken und abends gemütlich zusammensitzen, ein Bierchen trinken und den Tag abschließen. Das ist meine dörfliche Prägung. Ich komme aus einer Familie mit Kneipe, mein Vater war Bauer, Hausmetzger und Starkstromelektriker. Mein Sohn ist auch wieder Handwerker geworden. Das einzige schwarze Schaf in der Familie ist dieser Astrophysiker hier.

Frage: Wie hat Ihre Familie auf diesen ungewöhnlichen Karriereweg reagiert?

Lesch: Sie hat lange damit gekämpft. Meine Großmutter meinte mal: „Junge, kannst du mit Horoskopen überhaupt Geld verdienen?“ Ich musste ihr erst erklären, dass ich Astronom bin und kein Astrologe. Auf Familienfesten hieß es immer: „Wie lange willst du das noch machen? Geh doch in eine ordentliche Firma.“ Aber als meine Eltern später meinen Habilitationsvortrag in Bonn hörten, sagte mein Vater am Ende zu mir: „Jetzt habe ich dich verstanden.“ Das war wie ein Segen für mich.

Dieser Text erschien zuerst im Schweizer „Tages-Anzeiger“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance LENA.

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