Harvard-KI erkennt biologisches Alter und Überlebenschancen bei Krebskranken aus einem Selfie
Ein Selfie sagt mehr als man denkt – zumindest, wenn eine künstliche Intelligenz (KI) draufschaut. Forscher der Harvard-Klinik Mass General Brigham haben ein KI-System entwickelt, das allein anhand eines Gesichtsfotos das biologische Alter schätzen soll. Auch die Überlebenswahrscheinlichkeit von Krebspatienten soll es vorhersagen können.
Die Ergebnisse haben die Forscher im Oktober 2026 im Fachjournal „Lancet Digital Health“ veröffentlicht.
Ein „Gedächtnis“ aus 40 Millionen Gesichtern
Kern des Systems ist ein sogenanntes Foundation-Modell namens FAHR-Face (Foundation Artificial Intelligence for Health Recognition). Damit das KI-Modell lernt, welche Merkmale ein Gesicht grundsätzlich ausmachen, haben die Forscher es mit 40 Millionen Gesichtsbildern trainiert. Im zweiten Schritt haben sie es auf zwei konkrete medizinische Aufgaben spezialisiert:
FAHR-FaceAge schätzt das biologische Alter einer Person aus einem Foto. Also nicht das tatsächliche Alter seit Geburt, sondern welchem Alter der Körper auf zellulärer und funktioneller Ebene tatsächlich entspricht. So kann ein rüstiger 75-Jähriger biologisch 65 sein, ein gebrechlicher 60-Jähriger dagegen 70.
FAHR-FaceSurvival sagt das Sterberisiko von Krebspatienten voraus, ebenfalls anhand eines Gesichtsfotos.
„Da die Bevölkerung altert, brauchen Ärzte bessere Wege, um die körperliche Belastbarkeit und Gebrechlichkeit von Patienten einzuschätzen, bevor sie intensive Behandlungen wie Bestrahlung, Operationen oder eine Chemotherapie empfehlen“, erklärt Studienleiter Raymond Mak, Radioonkologe am Mass General Brigham Cancer Institute.
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FaceAge: Wie alt ist der Körper wirklich?
FaceAge funktioniert bei allen Menschen, nicht nur bei Kranken. Das Programm schätzt das biologische Alter anhand eines Gesichtsfotos. Dabei achtet es vor allem auf drei Regionen:
die Falten zwischen Nase und Mundwinkeln (Nasolabialfalten)
die Stirn direkt über den Augen
die Schläfen
Was FaceAge herausfindet, deckt sich mit dem, was viele ahnen: Wie wir leben, sieht man uns an. Wer viel Alkohol trinkt, Drogen nimmt oder raucht, wird vom Programm älter geschätzt. Beim Rauchen war der Effekt am deutlichsten. Raucher sahen älter aus als Ex-Raucher, und Ex-Raucher älter als Menschen, die nie geraucht haben.
Selbst ausprobieren
Die Forschenden wollen das Modell an möglichst vielen unterschiedlichen Menschen testen und besser verstehen, wie biologisches Alter mit Lebensstil und Gesundheit zusammenhängt – denn wer älter wirkt als er ist, hat laut bisherigen Erkenntnissen tendenziell höhere Gesundheitsrisiken. Auf faceage.bwh.harvard.edu kann man das Modell daher mit eigenen Fotos ausprobieren. Es handelt sich dabei um ein ethisch geprüftes Forschungsprojekt der Harvard Medical School, keine reine Spielerei: Das Ergebnis ist ein Forschungswert, kein ärztlicher Befund.
Der Test dauert nur wenige Minuten: Zunächst muss man eine Einverständniserklärung zur Studienteilnahme bestätigen, dann folgen ein paar kurze Gesundheitsfragen, bevor man eigene Fotos hochlädt oder aufnimmt. Wichtig: Wer teilnimmt, gibt die Fotos sowie Gesundheitsangaben an eine US-Forschungseinrichtung weiter.
Austricksen lässt sich FaceAge dabei laut der Forscher übrigens kaum. Ob jemand lächelt, geschminkt ist, schlecht beleuchtet oder schräg fotografiert wurde – das geschätzte Alter blieb weitgehend gleich. „Das Ergebnis blieb auch bei den meisten getesteten plastisch-chirurgischen Eingriffen stabil“, berichtet Mak – etwa etwa Lidstraffungen, Facelifts oder Augenbrauenkorrekturen – „lediglich nach einer Nasenkorrektur war eine geringfügige Abweichung zu beobachten.“
FaceSurvival: Heilungsaussichten bei krebskranken Menschen
Bei Krebskranken haben die Forschenden zusätzlich geprüft, ob das mit FaceAge geschätzte Alter etwas über die Heilungsaussichten verrät. Dafür werteten sie Fotos von gut 38.000 Krebspatienten aus sechs Harvard-Kliniken aus und überprüften die Ergebnisse an knapp 4900 Patienten in den Niederlanden.
Das Ergebnis:
Wer laut FaceAge deutlich älter aussah, als er tatsächlich war, hatte schlechtere Überlebenschancen.
Von den Patienten, die mehr als 20 Jahre älter geschätzt wurden, starben 21 Prozent innerhalb von drei Monaten.
Bei denen, die mindestens zehn Jahre jünger wirkten, waren es nur gut sechs Prozent.
Ob das auch für gesunde Menschen gilt, wurde in dieser Studie nicht untersucht.
Aus demselben Modell haben die Forschenden FaceSurvival entwickelt. Es schätzt die Überlebenschancen von Krebspatienten direkt aus dem Foto. Dabei achtet es auf andere Stellen im Gesicht als FaceAge, vor allem auf die Partie unter den Augen und um den Nasenrücken.
Das Ergebnis:
Bei dem Viertel der Patienten mit dem höchsten Risikowert laut FaceSurvival war die Sterblichkeit mehr als dreimal so hoch wie bei dem Viertel mit dem niedrigsten.
Kein Ersatz für ärztliches Urteilsvermögen
So beeindruckend die Ergebnisse klingen – die Forschenden betonen ausdrücklich, dass ihr Werkzeug ärztliches Urteilsvermögen nicht ersetzen, sondern ergänzen soll. Ziel sei es, die ohnehin intuitive Einschätzung von Ärzten, wie „fit“ oder „gebrechlich“ ein Patient wirkt, objektiver, konsistenter und leichter skalierbar zu machen – etwa um zu entscheiden, ob jemand eine belastende Chemotherapie oder Operation gut verkraften würde.
Hugo Aerts, Mitautor der Studie und Leiter des KI-Programms am Mass General Brigham, sieht darin einen wichtigen methodischen Fortschritt:
„Dies ist unseres Wissens der erste Nachweis, dass ein KI-Modell das Überleben von Krebspatienten direkt aus einem einfachen Foto vorhersagen kann.“
Einschränkend muss man sagen: Die Studie wurde bislang nur an Krebspatienten aus Kliniken in wohlhabenden Ländern getestet. Ob sich die Ergebnisse auf andere Erkrankungen, Regionen oder stärker unterrepräsentierte Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, müssen künftige Studien erst noch zeigen. Auch klinische Studien, die den tatsächlichen Nutzen im Behandlungsalltag belegen, stehen noch aus.