Hat der Mensch die Sprache am Lagerfeuer entdeckt?
Stand: 05.09.2026 15:20 Uhr
Charles Darwin bezeichnete 1871 das Feuer als die größte Entdeckung der Menschheit – neben der Sprache. 145 Jahre später haben jetzt Forschende aus Schottland und den USA beides in Zusammenhang gebracht. Sie vermuten, dass die komplexe Sprache des Menschen am Lagerfeuer entstand.
von Jonas Arand, MDR WISSEN
Der moderne Mensch entdeckte das Feuer vor knapp zwei Millionen Jahren. Zur gleichen Zeit entwickelten sich auch die Regionen im Gehirn, die für die Sprache verantwortlich sind, etwa das Broca-Areal, das die Bewegungen von Mund, Zunge, Kiefer und Kehlkopf steuert. Hängt also beides zusammen?
Keine wesentlichen Unterschiede in der Kommunikation zwischen Mensch und Affe
Die Wissenschaftler vermuten, dass am Lagerfeuer das Geschichtenerzählen entstanden sein kann. Denn eigentlich – das legen Untersuchungen aus dem Tierreich nahe – braucht es für vieles keine so komplexe sprachliche Kommunikation, wie wir sie betreiben.
"Obwohl andere Arten all diese Fähigkeiten teilen, bleibt ein grundlegendes Rätsel bestehen: Wir finden kaum Belege für wesentliche Unterschiede in der Kommunikation zwischen Menschen und Affen, obwohl wir von Belegen für die Einzigartigkeit des Menschen umgeben sind", erklärt Catherine Hobaiter, Psychologin und Neurowissenschaftlerin an der Universität St. Andrews in Schottland und Erstautorin der neuen Studie. "Trotz ihrer unglaublich vielfältigen und reichen Kommunikationsformen und Kulturen erfindet kein anderer Affe die Algebra, schreibt König Lear oder begibt sich in den interstellaren Raum."
Feuer verlängert den Tag – und stößt Wellen im Hirn an
Mit Hilfe des Feuers verlängerten die Menschen einst ihren Tag, hatten Zeit zusammen abseits von Nahrungssuche und anderen pragmatischen Aufgaben, für die es keine komplexen Kommunikationsformen braucht. Nach verrichteter Arbeit wurde es gesellig, die ersten Schritte zur Sprache über Geschichtenerzählen begannen. Und das lag nicht nur daran, dass Menschen zusammenkamen und das so etwas wie Freizeit entstand. Auch das Feuer an sich spielte eine entscheidende Rolle.
Die Farbe der Flammen sei ideal für das Beisammensein, es emittiert nahezu kein Blaulicht und ermöglicht so eine Verlängerung des Tages, ohne den Schlaf negativ zu beeinflussen. Dazu führt das Flackern des Feuers zu diversen Prozessen im Gehirn, die eine Synchronität zwischen verschiedenen Individuen schafft.
Des Weiteren wirkt dieses Flackern auch auf bestimmte Hirnwellen. Zum einen werden Delta-Wellen aktiv, die im Zusammenhang mit verbesserter kognitiver Leistung, besonders bezogen auf Aufmerksamkeit und Gedächtnis, stehen. Zum anderen werden Alpha-Wellen unterdrückt, was soziale Kompetenz stärkt. Auch auf das Sprechtempo wirkt sich das Flackern aus und bedingt so die fürs Geschichtenerzählen verringerte Sprechgeschwindigkeit.
Infrarotes Licht wirkt sich auf den Stoffwechsel aus
Das infrarote Licht am Lagerfeuer habe die Entwicklung von Sprache beschleunigt, so die Forschenden. Denn es befeuert den Stoffwechsel in den Mitochondrien, den Kraftwerken unserer Zellen. Das nächtliche Sitzen am Feuerlicht könnte im Laufe der menschlichen Evolution erhebliche energetische Vorteile mit sich gebracht haben, indem es den Bedarf an Kalorien aus der Nahrung und an Schlaf verringerte. Das könnte mehr Raum für kognitive Prozesse gegeben haben.
Der Anthropologe Nathaniel Dominy vom Dartmouth College (Hanover, USA) und Mitautor der Studie, fasst zusammen: "Feuerlicht ist das Produkt einer chemischen Reaktion, und man könnte meinen, es sei bestens erforscht. Das ist es auch, aber nicht die Eigenschaften, die unsere Aufmerksamkeit fesseln und uns fokussieren lassen, die Harmonie und Kooperation fördern."
Catherine Hobaiter fügt hinzu: "Es ist immer wieder faszinierend, darüber nachzudenken, wie die Sprache entstanden ist. Was war das erste Wort? Die erste Geschichte? Aber meist bleiben wir dabei Gedankenspielen in geselliger Runde. Daher ist es besonders spannend, überprüfbare Vorhersagen aufstellen zu können und die Frage zu stellen, ob wir letztendlich doch der erzählende Affe sind."
pm/jar