Hat er den Mord an Tupac Shakur in seinen Memoiren gestanden?
Dass der Angeklagte zum Hauptbelastungszeugen der Staatsanwaltschaft wird, kommt auch in den Vereinigten Staaten eher selten vor. Während des Mordprozesses nach den tödlichen Schüssen auf die Hip-Hop-Legende Tupac Shakur vor fast 30 Jahren schob der stellvertretende Bezirksstaatsanwalt von Clark County, Binu Palal, dem früheren Bandenführer Duane „Keffe D“ Davis am Montag die ungewöhnliche Doppelrolle dennoch zu. „Davis hat zwar nicht den Abzug betätigt. Aber er hat die Schüsse als Racheakt nach einer Prügelei mit seinem Neffen orchestriert“, fasste der Jurist in seinem Eröffnungsplädoyer vor Gericht in Las Vegas (Nevada) zusammen. „Erstaunlicherweise werden sie das auch von Davis selbst hören“, ließ er die Geschworenen wissen. Palal spielte auf die Memoiren an, die der Angeklagte im Jahr 2019 unter dem Titel „Compton Street Legend“ veröffentlicht hatte. Davis, ein ehemaliger Führer der kalifornischen South Side Compton Crips, hatte in dem Buch eine Auseinandersetzung seines Neffen Orlando Anderson mit Shakur und dessen Entourage aus Mitgliedern der rivalisierenden Mob Piru Bloods in einer Hotellobby am Abend des 7. September 1996 beschrieben. Der Angeklagte habe anschließend eine Pistole und einen weißen Cadillac besorgt, um sich mit dem inzwischen verstorbenen Anderson und zwei weiteren Begleitern auf die Suche nach Shakur zu machen. Als sie die schwarze Limousine mit dem Rapper auf dem Beifahrersitz an einer Ampel entdeckten, eröffnete sein Neffe angeblich das Feuer. „Dass die Typen meinen Neffen angegriffen haben, gab uns grünes Licht, etwas zu tun“, verwies Davis in seinen Erinnerungen auf ein mögliches Motiv. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Dem Bandenführer droht lebenslange Haft Der damals 25 Jahre alte Shakur, der mit Titeln wie „All Eyez On Me“ und „California Love“ bis heute als einer der einflussreichsten Vertreter des amerikanischen Rap gilt, starb einige Tage später im Krankenhaus. Sein Freund Marion „Suge“ Knight, Musikproduzent und während des Anschlags am Steuer der Limousine, erlitt eine Schussverletzung. Nach verschiedenen polizeilichen Anhörungen hatten die Justizbehörden Davis vor drei Jahren schließlich verhaftet. Sie sollen dem früheren Bandenführer in der Vergangenheit zwar zugesichert haben, ihn für die Schüsse auf Shakur nicht zur Verantwortung zu ziehen. Da Davis seine Rolle bei dem Anschlag auf dem Strip in Las Vegas in seinen Memoiren öffentlich gemacht habe, fühlten sie sich laut Staatsanwaltschaft aber nicht länger an die Zusage gebunden. Bei einem Schuldspruch während des für etwa vier Wochen geplanten Prozesses droht dem früheren Bandenführer nach einer Mordanklage lebenslange Haft. Davis‘ Verteidiger Michael Sanft versuchte derweil, mit seinem Eröffnungsplädoyer Zweifel bei den Geschworenen zu streuen. Der Angeklagte habe seine Rolle bei dem Anschlag auf Shakur in seinen Memoiren bewusst übertrieben, um mehr Bücher zu verkaufen. Zudem soll Davis große Teile der Erinnerungen seinem Mitautor Yusuf Jah überlassen haben. Wie Jah, ein Lehrer und Autor aus Los Angeles, den Ermittlern in der Vergangenheit sagte, glaube er nicht, dass der mutmaßliche Strippenzieher des Mordes an Shakur sein eigenes Buch von Anfang bis Ende gelesen habe. „Welche Beweise kann die Staatsanwaltschaft 30 Jahre nach dem Verbrechen vorlegen?“, deutete der Verteidiger Sanft mögliche Versäumnisse an. Der Anklage sei es nicht einmal gelungen, Zeugen zu finden, die ihre Theorie über einen von Davis orchestrierten Racheakt stützten. Dass rivalisierende Gangs ihre Auseinandersetzungen grundsätzlich ohne Polizei, Staatsanwalt und Gericht austragen, bestätigte auch der pensionierte Beamte Garry Dale. Dale, der nach den Schüssen vor fast 30 Jahren im Notarztwagen mit Shakur ins Krankenhaus fuhr, erinnerte sich am Montag im Zeugenstand an eine Unterhaltung mit dem schwerverletzten Rapper. Auf die Frage, wer für den Anschlag verantwortlich sei, soll Shakur damals keinen Namen genannt haben. „Wir werden uns selbst darum kümmern“, ließ der gebürtige New Yorker wissen. Sechs Tage später starb Shakur im University Medical Center of Southern Nevada.