Hatte Journalistin „Dinge im Vertrauen erzählt“: Entführte Block
Die Tochter von Christina Block hat sich laut ihrer Anwältin besorgt über die Beschlagnahmung von Tonaufnahmen der „Zeit“ geäußert. Das berichtet das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ über den 82. Prozesstag am Dienstag.
„Sie ist sehr erschüttert, dass jetzt diese Sicherstellung erfolgt ist. Sie hat der Journalistin Dinge im Vertrauen erzählt“, zitiert das Magazin die Anwältin.
Vor dem Landgericht Hamburg wird derzeit über einen Entführungsfall verhandelt. Die 53-jährige Christina Block wird beschuldigt, wegen eines Sorgerechtsstreits die Entführung zweier ihrer Kinder vom Wohnort ihres Ex-Mannes bei einer israelischen Sicherheitsfirma beauftragt zu haben. Block bestreitet die Vorwürfe.
Christina Blocks jüngste Tochter spricht im Podcast „House of Block“ der „Zeit“ unter anderem über die Nacht, in der sie als 13-Jährige gemeinsam mit ihrem Bruder in ein Auto gezerrt worden sei. Auch der Vater der Kinder kommt in dem Podcast zu Wort. Dieser sehe den Vorfall laut seinem Anwalt „gelassen“, schreibt der „Spiegel“. Weiter sagte der Anwalt demnach: „Die Sachen, die er da gesagt hat, entsprechen der Wahrheit.“
Die Staatsanwaltschaft und das Landeskriminalamt Hamburg hatten am Montag eine Durchsuchung der Redaktionsräume angedroht und die Tonaufnahmen der „Zeit“ sichergestellt.
Medien und Verbände in dem Vorfall einen weitreichenden Angriff auf die Pressefreiheit und das Prinzip des Quellenschutzes. Die „Zeit“ gibt an, die Aufnahmen versiegelt an die Staatsanwaltschaft herausgegeben zu haben – die Datenträger können daher nicht sofort eingesehen werden.
Auch bei der Privatwohnung der „Zeit“-Journalistin Anne Kunze tauchten die Beamten auf. Kunze hatte die Interviews geführt. „Als sich herausgestellt hat, dass die Aufnahmen nicht im Verlag sind, sondern bei mir in Berlin, hat es nicht lange gedauert, bis Beamte in meinem Wohnzimmer gestanden sind“, sagt sie in einer am Mittwoch veröffentlichten Sonderfolge des Podcasts.
Ihr sei angedroht worden, ihren Laptop „mit etlichen Recherchen und Zeit-Interna“ zu beschlagnahmen. Daraufhin habe man sich entschieden, die Aufnahmen herauszugeben.
Die „Zeit“ hatte Aufnahmen teilweise bewusst nicht veröffentlicht
Die Ermittlungsbehörden erhoffen sich mit der Beschlagnahmung wohl, Passagen der Interviews zu hören zu bekommen, die nicht im Podcast veröffentlicht worden sind. Das Gericht erwartet sich laut dem Medium „Legal Tribune Online“ von den Tonaufzeichnungen „potenzielle Beweisbedeutung“.
Es erscheine möglich, dass neue, bisher nicht zur Akte und in die Hauptverhandlung gelangte Umstände, die für die Schuld- und Rechtsfolgenfrage von Bedeutung sind, Gegenstand der Gespräche waren, gibt das Medium eine Erklärung der Gerichtspressestelle wieder.
Anne Kunze hielt in der Podcastfolge über ihre Interviews zum Fall fest: „In den etwa 80 Stunden, die wir miteinander gesprochen haben, haben sie mir auch Dinge erzählt, die nicht in die Öffentlichkeit gehören.“ Man habe sich daher „bewusst entschieden, diese Töne nicht zu verwenden“.
Laut ihrer Anwältin hatte sich die interviewte jüngste Tochter von Christina Block darauf verlassen, dass ihre Aussagen vertraulich bleiben, schreibt der „Spiegel“. Sie habe gebeten, das „noch einmal ausdrücklich so mitzuteilen“. Der Vorfall habe die heute 15-Jährige „sehr mitgenommen“ und sie fühle sich „einfach schlecht“.
„Zeit“-Chefredakteur spricht von „kleinem Albtraum“
Auch Jochen Wegner, der gemeinsam mit Giovanni di Lorenzo die Chefredaktion der „Zeit“ anführt, nannte den Vorfall gegenüber „NDR Info“ einen „kleinen Albtraum“. Er sagte: „Da sind Leute drauf, die gar nicht in dem Podcast vorkommen. Auch die Kinder haben Aussagen getätigt, von denen sie nie dachten, dass sie verwendet würden, sei es vor Gericht oder in den Medien.“
Giovanni di Lorenzo widersprach währenddessen der Darstellung des Hamburger Landgerichts, die „Zeit“ habe die Aufnahmen freiwillig herausgegeben. „Wir sind stark unter Druck gesetzt worden“, zitiert ihn die Deutsche Presse-Agentur. „Mit der Übergabe konnten wir eine Durchsuchung abwenden und immerhin vermeiden, dass noch viel mehr Unterlagen und Material beschlagnahmt werden.“
In einer Stellungnahme der Zeitung sagten Di Lorenzo und Wegner: „Zur Pressefreiheit gehört insbesondere der Quellenschutz, der für unabhängig berichtende Medien entscheidend ist. Wir werden uns deshalb mit allen rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen.“ (kko mit dpa)