Haufe Group: Warum der Mittelstand jetzt in Start-ups investieren sollte
Die Haufe Group aus Freiburg investiert strategisch in Start-ups und rät dem Mittelstand, aktiv zu werden. Warum die alte Kaufmannsmentalität im Umgang mit Gründern von Vorteil sein kann.
Managen die Haufe Group und Haufe Group Ventures: Birte Hackenjos und Jasper Roll. Foto: Haufe [M]
Freiburg/Düsseldorf. Die Haufe Group aus Freiburg hat sich vom Fachverlag zum digitalen Dienstleister gewandelt – und wächst, während andere Medienunternehmen schrumpfen. Geschäftsführerin Birte Hackenjos sieht in Künstlicher Intelligenz keine Bedrohung, sondern eine Chance: Schon seit dreieinhalb Jahren setzt das Unternehmen auf generative KI.
Gleichzeitig investiert die Haufe Group über ihren Venture-Arm in junge Unternehmen – und fordert den deutschen Mittelstand auf, es ihr gleichzutun. Im Gespräch erklären Hackenjos und Venture-Chef Jasper Roll, warum ChatGPT kein Ersatz für kuratierten Fachcontent ist, weshalb es in Deutschland an strategischen Käufern fehlt – und warum Transformation nie abgeschlossen ist.
Frau Hackenjos, die Haufe Group bietet Fachwissen zu Themen wie Personal und Recht und Programme zur Buchhaltung und Lohnsteuer an. Kann das nicht mittlerweile schon alles die Künstliche Intelligenz? Fürchten Sie um Ihr Geschäftsmodell?
Hackenjos: Überhaupt nicht. Die Chancen sind für uns erheblich größer als jede Bedrohung. Wir haben drei große Marken: Lexware für Kleinstunternehmer-Software, Haufe mit digitalem Fachcontent und die Haufe Akademie für Weiterbildung. Auf allen dreien verändert KI unsere Produkte. Wir arbeiten seit dreieinhalb Jahren mit generativer KI, also praktisch von Stunde null an. Und unsere Kunden schätzen unsere Lösungen.
Aber noch mal: Auf viele der Anliegen Ihrer Kunden hat auch die KI mittlerweile eine gute Antwort. Warum sollte jemand noch für Content von der Haufe Group bezahlen?
Hackenjos: Weil Large-Language-Modelle wie ChatGPT halluzinieren können – und wir weitgehend nicht. Unser Content ist kuratiert, von Fachautoren geschrieben, rechtlich geprüft. Wenn beispielsweise ein Personaler bei uns einen Arbeitsvertrag für einen befristet eingestellten Mitarbeiter sucht, bekommt er keine vage Antwort, sondern ein individualisiertes Muster, das rechtssicher ist. Das kann ein offenes Sprachmodell so nicht leisten.
Vita Haufe Group
Birte Hackenjos (57) ist seit 2020 CEO der Haufe Group SE. Die studierte Juristin kam vor 29 Jahren zum Unternehmen, als der damalige Rudolf-Haufe-Verlag begann, seine Inhalte zu digitalisieren. Vor ihrer Berufung zur Geschäftsführerin verantwortete sie das operative Geschäft. Hackenjos ist keine Angehörige der Gründerfamilie Haufe. Sie engagiert sich unter anderem im Vorstand des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Jasper Roll (37) leitet seit 2022 den Bereich Haufe Group Ventures. Bevor er nach Freiburg kam, war er zehn Jahre in der Berliner Start-up-Szene aktiv – unter anderem bei Audibene und Rocket Internet.
Die Haufe Group mit Sitz in Freiburg ist ein Anbieter digitaler Arbeits- und Weiterbildungslösungen für Unternehmen. Aus dem 1934 von Rudolf Haufe gegründeten Verlag ist eine Unternehmensgruppe mit drei großen Marken geworden: Lexware (Buchhaltungs- und Steuersoftware für Kleinunternehmer), Haufe (digitaler Fachcontent und Softwarelösungen zu Recht, Personal und Finanzen) und Haufe Akademie (berufliche Weiterbildung). Das Familienunternehmen beschäftigt rund 2700 Mitarbeiter und erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2025/26 (Stichtag 30. Juni) einen Umsatz von über 600 Millionen Euro. Der Umsatz wuchs um sieben Prozent.
Und trotzdem: Kann sich nicht jeder Kleinunternehmer seine Buchhaltung heute selbst zusammenprogrammieren?
Hackenjos: Einen Geburtstagskalender vielleicht. Aber Buchhaltung, Steuerrecht, Gehaltsabrechnung – das sind hochregulierte, teils zertifizierte Bereiche. Genau da sind wir stark: Steuern, Rechnungswesen, Arbeitsrecht, Compliance. Wer das selbst bastelt, geht erhebliche Risiken ein. Das wissen Unternehmer auch. Die breite Masse setzt auf professionelle Software. Da kommen wir ins Spiel.
Schützen Sie denn Ihre Inhalte davor, von großen KI-Anbietern abgegriffen und kostenlos in den Chatmodellen zur Verfügung gestellt zu werden?
Hackenjos: Alles, was hinter unseren Bezahlschranken liegt, schützen wir, soweit das technisch möglich ist. Einen hundertprozentigen Schutz gibt es nicht – irgendwo schwirrt vielleicht ein eingescanntes PDF herum. Aber wir sehen nicht, dass bei uns massenweise Inhalte abgezogen werden. Wir halten unsere Premiuminhalte bewusst zurück. Aber alles, was auf unseren Kanälen frei zugänglich ist – also Nachrichten, Whitepaper und dergleichen – darf über die KI gefunden werden. Im Sinne der Reichweite wollen wir das sogar.
Wie sieht die Haufe Group in fünf Jahren aus?
Hackenjos: Die Produkte werden sich nicht nur schrittweise verbessern, sondern möglicherweise ganz anders aussehen. Wir arbeiten an der Idee des agentischen Bereitstellens. KI-Agenten sollen unseren Kunden nicht nur Antworten liefern, sondern auch erste Arbeitsschritte abnehmen. Das Ziel bleibt: Menschen in Unternehmen die Arbeit erleichtern, damit sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren können. Da ist noch enormes Potenzial.
Christian Steiger
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Sie führen ein Familienunternehmen, sind aber selbst keine Haufe. Wie viel Gestaltungsfreiheit haben Sie als externe Geschäftsführerin?
Hackenjos: Sehr viel – und das unterscheidet uns vielleicht von anderen Familienunternehmen. Die Gesellschafter leben zum Teil hier in Freiburg, wir kennen uns, die Wege sind kurz. Es ist ein 100-Prozent-Familienunternehmen, aber mit großem Vertrauen in die Geschäftsführung. Von anderen familienfremden CEOs höre ich manchmal, dass das nicht so einfach ist. Bei uns funktioniert es – und das ermöglicht uns, auch mutige Entscheidungen zu treffen.
Mit der Haufe Akademie sind Sie ein großer Anbieter von Weiterbildungsmöglichkeiten. Eine aktuelle Erhebung der Unternehmensberatung McKinsey zeigt, dass die Ausgaben von Unternehmen für die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden im Vergleich zum Vorjahr um ein Viertel gesunken sind. Gleichzeitig sind die Veränderungen im Arbeitsmarkt durch KI und damit der Fortbildungsbedarf so hoch wie selten. Wie passt das zusammen?
Hackenjos: Gar nicht, und genau das ist das Problem. KI-Schulungen laufen bei uns sehr gut, die Nachfrage wächst. Aber bei klassischen Themen wie Führung oder Compliance wird gespart. Das ist kurzfristig gedacht. Wer seine Leute jetzt nicht weiterbildet, wird das in ein paar Jahren bereuen. Die Spreizung in der deutschen Wirtschaft ist enorm: Manche Unternehmen investieren massiv, andere haben gerade andere Sorgen – oder wissen schlicht nicht, wo sie anfangen sollen.
Lässt sich ein Muster erkennen – investieren große Konzerne eher in Weiterbildung als der Mittelstand?
Hackenjos: Nein, das lässt sich so nicht sagen. Wir sehen kein systemisches Muster, weder nach Unternehmensgröße noch nach Branche. Es ist eher eine Frage des jeweiligen Status quo im Unternehmen – und vor allem: Wer sitzt vorn dran, wie ist die Strategie? Das ist sehr individuell.
Personal
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Die Haufe Group ist im vergangenen Geschäftsjahr um sieben Prozent beim Umsatz gewachsen, in den Jahren zuvor um acht beziehungsweise zwölf Prozent. Wie haben Sie das geschafft, besonders in einem schwächelnden Medienmarkt?
Hackenjos: Indem wir nie stehen bleiben. Das klingt banal, aber ich meine es ernst. Wir versuchen permanent herauszufinden, was unsere Kunden brauchen, wie sich Technologie verändert und wie wir das nutzen können. Dazu gehört auch der Blick nach außen: Was machen Start-ups in unserem Bereich? Deshalb haben wir vor vier Jahren Haufe Group Ventures gegründet.
Kapital ist da – es muss nur mutiger allokiert werden. Jasper RollGeschäftsführer Haufe Group Ventures
Herr Roll, Sie leiten diesen Bereich. Der deutsche Mittelstand gilt als investitionsscheu, wenn es um Start-ups geht. Warum?
Roll: Viele trauen sich nicht. Sie kennen die Mechanismen nicht, haben keine Leute mit Start-up-Erfahrung im Haus. Dabei gibt es in fast jedem Unternehmen Menschen, die Lust auf so etwas hätten. Man muss ihnen nur ein Mandat geben – und sie dann auch machen lassen.
Braucht es in Deutschland ein anderes Investitionsumfeld?
Roll: Es geht um das, was am Ende fehlt: strategische Käufer. In Deutschland wird ordentlich gegründet, aber es gibt zu wenige Unternehmen, die junge Firmen später auch übernehmen. Genau da könnte der Mittelstand eine viel größere Rolle spielen. Wenn mehr etablierte Unternehmen bereit wären, sich an Start-ups zu beteiligen oder sie zu kaufen, würde das dem ganzen Ökosystem helfen – den Gründern, die eine Perspektive brauchen, und den Investoren, die irgendwann auch wieder aussteigen wollen. Kapital ist da – es muss nur mutiger allokiert werden.
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Wie finanziert ein Familienunternehmen wie die Haufe Group solche Investments?
Roll: Pragmatisch. Wir haben eine eigene GmbH gegründet und nutzen einen Teil dessen, was die Group ohnehin erwirtschaftet. Kein kompliziertes Fonds-Konstrukt, keine externen Geldgeber. Wir investieren aus eigener Kraft.
In welche Felder investieren Sie?
Roll: Wir bewegen uns immer in der B2B-Sparte und schauen uns Corporate Services an, also Lösungen, die Unternehmen helfen, sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Wir machen kein Hedging, investieren also nicht in direkte Wettbewerber.
Warum? Manche Investoren streuen breit und schauen, wer sich durchsetzt.
Roll: Das wäre nicht unser Stil. Ich halte es auch nicht für einen sinnvollen Weg, mit Gründern zu sprechen, sich Themen im Detail anzuschauen und sie dann im eigenen Portfolio nachzubauen. Es gibt Investoren, die in drei oder vier ähnliche Firmen gleichzeitig investieren und darauf setzen, dass der Gewinner schon dabei sein wird. Das passt nicht zu uns als Haufe Group, und es würde auch nicht zu mir persönlich passen. Wir wollen Partnerschaften auf Augenhöhe.
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Was sind für Sie gelungene Investmentfälle gewesen?
Roll: Ein Beispiel für einen gelungenen Einstieg von uns ist Hivebuy, eine Software für indirekten Einkauf. Wir haben zwar Content zu Einkaufsthemen, aber keine eigene digitale Lösung dafür. Ein weiteres spannendes Start-up, in das wir investiert haben, ist Dyno aus Offenburg, das betriebliche Altersvorsorge in provisionsfreien Tarifen anbietet – politisch gerade hochaktuell.
Frau Hackenjos, wie viel Kontrolle geben Sie bei den Investitionsentscheidungen ab?
Hackenjos: Gestaltungsfreiraum zu geben, verbunden mit der Verantwortung und dem nötigen Vertrauen in die Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer, halte ich generell für einen Erfolgsfaktor. Das gilt nicht nur für Jasper Roll, sondern für die Verantwortlichen aller Tochterfirmen.
Ohne Risikobereitschaft funktioniert Corporate Venturing nicht. Birte HackenjosGeschäftsführerin Haufe Group
Ich habe Jasper Roll geholt, weil er zehn Jahre Start-up-Erfahrung hat, den Markt kennt, die Mechanismen versteht. Wenn er ein Investment empfiehlt und wir vielleicht zögerlich wären, folgen wir in vielen Fällen seiner Einschätzung. Das gehört dazu. Klar ist auch: Nicht alles geht auf, wir hatten auch schon Fehlschläge. Aber ohne Risikobereitschaft funktioniert Corporate Venturing nicht.
Herr Roll, was ist der Vorteil von Mittelständlern als Investoren?
Roll: Wir als Familienunternehmen bringen einen anderen Blick mit. Es gibt bei uns noch den klassischen Kaufmann. Wenn wir den Handschlag bei einem Deal geben, dann gilt das auch. Das schätzen die Gründer, aber auch viele Venture-Capital-Fonds, mit denen wir gemeinsam investieren.
Was können Familienunternehmen noch besser machen?
Roll: Der Mittelstand sollte sich viel öfter mit Start-ups auf Augenhöhe unterhalten. Das ist auch wichtig, um jetzt noch aus einer Position der Stärke heraus investieren zu können. In ein paar Jahren werden sich einige Unternehmen aufgrund der wirtschaftlichen Lage vielleicht erst recht nicht mehr trauen. Die Umstände verdichten sich gerade, KI verändert ganze Geschäftsmodelle in Monaten, nicht in Jahren. Jetzt ist der Moment, um anzufangen. Wer wartet, bis der Druck zu groß wird, hat weniger Spielraum und weniger Ressourcen.
Haufe Group Campus in Freiburg: 100-Prozent-Familienunternehmen „mit großem Vertrauen in die Geschäftsführung“. Foto: Haufe Group
Was raten Sie anderen Familienunternehmern, die vor einer großen Transformation stehen?
Hackenjos: Erstens: Streicht das Bild vom Berg mit der Zielflagge oben aus euren Köpfen. Transformation ist kein Projekt mit Abschluss, sondern Dauerzustand. Zweitens: Schaut ins eigene Unternehmen. Ich erlebe oft, dass Unternehmer sagen: „Das Bestandsgeschäft schöpfen wir ab, und irgendwo bauen wir was Neues.“ Das ist häufig zu einfach gedacht. Im Bestand steckt oft noch enormes Innovationspotenzial. Drittens: Habt keine Angst vor Fehlern – oder besser gesagt: Habt Freude am Lernen. Und wenn etwas nicht funktioniert, beendet es schnell. Das tut weh, aber es ist besser, als ein halbes Jahr weiterzumachen in der Hoffnung, dass es doch noch wird.
Nach der Wahl in Sachsen-Anhalt stehen geplante Reformen wie die zur Rente wieder auf dem Prüfstand. Was braucht es von der Politik, damit Transformation in Deutschland besser gelingt?
Hackenjos: Sicherlich sind für Unternehmen klare Rahmenbedingungen immer hilfreich – auch einen Abbau von Bürokratie begrüßen wir. Trotz der aktuell wirtschaftlich herausfordernden Zeiten sollten wir aber nicht vergessen, dass Deutschland ein attraktiver Standort mit einer starken Wirtschaft ist. Wenn sich jetzt wie zuletzt abzeichnet, dass die Konjunktur langsam wieder Fahrt aufnimmt, entsteht für Unternehmerinnen und Unternehmer mehr Raum für mutige Entscheidungen und das Einschlagen neuer Wege. Den sollten wir nutzen.
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Erstpublikation: 13.09.2026, 17:57 Uhr.
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