Hauptstadtgespräch mit Collien Fernandes: „Was ist, wenn mir ein Christian
Collien Fernandes ist wütend. Wütend auf ihren Ex-Mann Christian Ulmen und auf dessen Anwälte, die, wie sie es nennt, eine „Täterstrategie“ verfolgen: Nebenaspekte der Berichterstattung über ihren Fall zu bestreiten, um so den Eindruck zu erwecken, ihre Aussagen, ihre Vorwürfe stünden grundsätzlich infrage. „Fakt ist: Das, was passiert ist, ist passiert“, sagt Fernandes am Sonntagabend beim Tagesspiegel-Hauptstadtgespräch im Deutschen Theater. Es mache sie fassungslos, dass bewusst Zweifel an ihrer Schilderung gesät würden. Denn man nehme so auch mögliche Gewalttaten gegen sie in Kauf. „Es sollte auch bei ihm angekommen sein, dass ich Morddrohungen bekomme“, sagt Fernandes über Ulmen. „Was ist denn, wenn mir irgendwann so ein Christian-Ulmen-Ultra eine Kugel in den Kopf jagt?“ Das werfe sie ihrem Ex-Mann vor, „dass man so etwas bewusst riskiert“, sagt sie sichtlich emotional. 90 Minuten lang spricht Collien Fernandes unter dem Titel „Der Preis des Muts“ mit Tagesspiegel-Chefredakteur Christian Tretbar und der stellvertretenden Chefredakteurin Laura Himmelreich über ihren Fall, die gesellschaftliche und politische Debatte, die dieser ausgelöst hat, und die Konsequenzen, die es für sie persönlich hatte, damit an die Öffentlichkeit gegangen zu sein. Und sie kritisiert die deutsche Justiz, die auf dem Gebiet der digitalen Gewalt bisher eine Lücke im Strafrecht habe. Auf der Bühne erneuert sie detailliert ihre Vorwürfe: Ulmen habe in sozialen Netzwerken täuschend echt aussehende Fake-Profile unter ihrem Namen angelegt und über diese Accounts Chats und Gespräche mit sexuellen Inhalten geführt. Außerdem sei auf Mallorca im Jahr 2023 zu einem Vorfall gekommen, bei dem es um physische Gewalt ginge. Christian Ulmen hat sich bislang nur öffentlich über seinen Anwalt geäußert. Zum Vorwurf der physischen Gewalt, zu dem die Staatsanwaltschaft Potsdam aktuell ermittelt, ließ er mitteilen: „Es kam zu keinerlei einseitigen Gewalthandlungen und/oder Bedrohungen.“ Auch Fernandes sei wegen körperlicher Gewalt an ihm vorübergehend festgenommen worden. Chefredakteur Christian Tretbar sagte in seiner Anmoderation: „Für Christian Ulmen gilt die Unschuldsvermutung. Das hier ganz klar zu sagen, ist unsere journalistische Pflicht. Und es ist ein Grundprinzip des Rechtsstaats. Es ist ein Prinzip, das gilt, auch wenn es unbequem ist. Auch dann, wenn Vorwürfe schwer wiegen. Und auch, wenn ein Beschuldigter schweigt.“ Der Abend startet mit ein wenig Verspätung. Trotz der hohen Temperaturen ist der große Saal des Deutschen Theaters voll. Collien Fernandes gibt sich mal emotional, mal kämpferisch. Immer wieder gibt es Zwischenapplaus und schließlich Standing Ovations für sie. Wer ist die „verlorene Zwillingsschwester, die Pornos dreht“? Der Fall Ulmen/Fernandes wurde im März über eine „Spiegel“-Recherche öffentlich. Vergangene Woche hat das Hamburger Oberlandesgericht entschieden, dass die „Spiegel“-Berichterstattung in ihrem Kern unbestritten bleibt. Allerdings dürfe nicht der Verdacht erweckt werden, dass Ulmen Deepfake-Videos von Collien Fernandes selbst hergestellt oder verbreitet habe. Deepfake-Fotos jedoch schon. Dem kam das Magazin mit klarstellenden Sätzen im ursprünglichen Text nach. Außerdem mussten Zitate aus einer Mail Ulmens an seine Anwälte entfernt werden. Ulmens Anwälte veröffentlichten daraufhin eine Pressemitteilung, in der von „Vorverurteilung“ die Rede war, und von einer „an Hysterie grenzenden Folgeberichterstattung“. Fernandes sieht das als Affront. Man wisse nicht, wer ihre „verlorene Zwillingsschwester ist, die Pornos dreht“, und wie genau diese Videos, mit der ihr sehr ähnelnden Frau entstanden seien, sagt Fernandes sarkastisch. Aber es ändere nichts an dem Missbrauch, der geschehen sei. „Als wären die Leute nur deshalb auf die Straße gegangen, weil sie dachten, dieses Video, wo ich spermaverschmiert am Boden liege, hat der selber hergestellt.“ Fernandes hat inzwischen wieder Kontakt zu Ulmen Dennoch gehe die Strategie auf: Einige Medienberichte würden sich lesen, als sei an ihren Vorwürfen gegen Ulmen nichts mehr dran, sagt Fernandes. „Die Hassnachrichten werden wieder mehr, die Morddrohungen werden wieder mehr.“ Fernandes erzählt auch, dass sie mittlerweile wieder direkten Kontakt zu ihrem Ex-Mann habe, und sagt: „Ich bin wirklich erstaunt darüber, wie wenig man das sehen kann, was man getan hat.“ Würde Ulmen sich schämen oder die Schuld sehen, würde er anders reagieren. Sie erzählt von den Konsequenzen, welche die Taten ihres Ex-Mannes für sie haben. Ulmen habe etwa in ihrem Namen mit Masseuren geschrieben und unter anderem den Wunsch geäußert, dass nach der Massage auf ihr Gesicht ejakuliert werden solle. Auch habe er mehreren Männern aus der Film- und Fernsehbranche angebliche Vergewaltigungsfantasien beschrieben, in denen sie von zahlreichen Männern gleichzeitig missbraucht werde, weine, Schmerzen habe. Fernandes berichtet von der Angst, die sie hatte, nachdem sie von diesen Chats erfuhr, da sie nicht gewusst habe, mit welchen Männern Ulmen Kontakt hatte. „Das alles findet eben nicht nur hinter einem Computer statt, sondern hinter diesem Computer sitzen Menschen.“ Was ihr heute helfen würde, sich von dem Erlebten abzulenken, sei das Heimwerken, erzählt Fernandes. Sie renoviere gerade ein altes Haus und verbringe viel Zeit im Baumarkt. „Manchmal hilft es, einfach mal einen Hammer in die Hand zu nehmen.“ Auf dem Weg zum Bundestag habe sie neulich die Zugfahrt damit verbracht, grünen Lack aus ihren Haaren zu entfernen. Beim Bundestag war sie, um bei der Abgabe einer Petition dabei zu sein, die eine „nationale Strategie gegen männliche und digitale Gewalt“ fordert. In Deutschland stellen pornografische Deepfakes derzeit keinen expliziten Straftatbestand dar. Fernandes setzt sich seit Langem dafür ein, dass diese Gesetzeslücke geschlossen wird. Gefühle der Ohnmacht, Panikattacken Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) hatte im April einen Gesetzentwurf gegen digitale Gewalt vorgelegt, aufgrund des laufenden Verfahrens gegen Ulmen gebe es allerdings derzeit keinen direkten Kontakt mehr zur Ministerin, sagt Fernandes. Sollte ihr Verfahren fallen gelassen werden, weil es nicht ins Raster der deutschen Gesetzgebung passt, könne das von der Täterseite wiederum instrumentalisiert werden, befürchtet sie. „Das macht mir Angst.“ Wann wäre aus ihrer Sicht juristische Gerechtigkeit in ihrem Fall erreicht, fragt Laura Himmelreich sie auf der Bühne. Sie wäre bereits zufrieden, wenn „ein bisschen mehr als gar nichts“ passiere, antwortet Fernandes. Sie wünsche sich, dass es irgendwann selbstverständlich werde, Täter nicht zu schützen. Das sehe sie als wichtiges Zeichen an junge Menschen, auch an ihre eigene Tochter. „Wir müssen ein neues Selbstverständnis lernen, dass nicht das Opfer die Familie zerstört, sondern der Täter.“ An positive Aspekte ihrer Ehe kann und will sie derzeit nicht denken, lieber wolle sie neue schöne Erinnerungen schaffen. Fernandes erzählt auch von dunklen Momenten: Sie verspüre oft eine Ohnmacht, liege tagelang im Bett oder habe Panikattacken. „Wenn die Wut dann wieder da ist, versuche ich, die in etwas zu münzen, das hoffentlich Positives bewirken kann.“