Hausärzte schlagen Alarm
Startseite Wirtschaft Krankschreibung ab Tag eins: Ärzte laufen Sturm gegen Merz-Pläne – und nennen das wahre Problem Von: Marcel Reich Uns auf Google folgen Die Regierung will Krankschreibungen verschärfen. Hausärzte warnen vor Symbolpolitik, Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen und mehr Bürokratie. Frankfurt – Die Bundesregierung will Krankschreibungen erschweren – doch ausgerechnet die Ärzte, die sie ausstellen, laufen Sturm dagegen. Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband hat die geplanten Reformen von Union und SPD als „reine Symbolpolitik“ bezeichnet. Statt die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, solle die Koalition lieber den „Wildwuchs“ bei Videosprechstunden-Anbietern stoppen, sagte die Bundesvorsitzende des Verbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, der Rheinischen Post. Das echte Missbrauchspotenzial liege dort – nicht in den Arztpraxen. Regierung will Krankschreibungen verschärfen Union und SPD haben in ihrem Reformpaket vereinbart, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen. Zudem soll eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung künftig grundsätzlich schon für den ersten Krankheitstag erforderlich sein – bisher gilt die Pflicht erst ab dem vierten Tag. Bundeskanzler Friedrich Merz begründet die Pläne mit zu vielen Krankentagen. Unionsfraktionschef Jens Spahn verweist auf rund 18 Krankheitstage pro Arbeitnehmer im Jahr und fragt, ob die Deutschen tatsächlich „so viel kränker sind“ als andere Europäer. Attest soll ab dem ersten Krankheitstag kommen Merz stellt klar, dass die neue Regel nicht automatisch einen Arztbesuch am ersten Krankheitstag bedeutet. Im ZDF sagte er: „Sie müssen nicht am ersten Tag in die Arztpraxis. Sie müssen vom ersten Tag eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung haben.“ Die konkrete Ausgestaltung soll erst im Gesetzgebungsverfahren festgelegt werden. Regierungssprecher Stefan Kornelius bestätigte, dass Ärzte eine Arbeitsunfähigkeit auch rückwirkend bescheinigen können. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst warb für pragmatische Lösungen. Er halte es für klug, wenn Arbeitnehmer auch erst am zweiten oder dritten Tag beim Arzt vorstellig werden könnten und die Bescheinigung für die vorhergehenden Tage nachreichten. Fest steht bislang: Die Videosprechstunde soll erhalten bleiben. Hausärzte sehen reine Symbolpolitik Die Ärzteschaft reagiert mit scharfer Kritik. Die Bundesvorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Nicola Buhlinger-Göpfarth, sagte der Rheinischen Post, die Pläne würden „weder den Krankenstand senken noch Missbrauch verhindern“. Das eigentliche Problem seien anonyme Videosprechstunden-Plattformen, die teils aggressiv mit schnellen Krankschreibungen werben. „Wenn irgendwo großes Missbrauchspotenzial liegt, dann bei anonymen Plattformen, die damit Profit machen und ihre Kunden nicht einmal kennen. Dort ist Betrug Tür und Tor geöffnet und nicht in unseren Praxen!“, so Buhlinger-Göpfarth. Ärzte warnen vor Missbrauch bei Online-Plattformen Der Hausärztinnen- und Hausärzteverband rechnet mit mindestens 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. Verbandschef Markus Blumenthal-Beier warnte im Interview mit NDR Info: „Es werden in dieser Kombination mehrere Millionen mehr Patientinnen und Patienten in unsere sowieso schon sehr vollen Praxen drängen.“ Viele Menschen kämen dann vor allem wegen einer Bescheinigung. „Die Kranken, die uns dringend brauchen, die werden viel länger warten müssen.“ Auch Krankenkassen warnen vor vollen Wartezimmern und zusätzlicher Bürokratie. Praxen rechnen mit Millionen zusätzlichen Besuchen Die Datenlage stützt die Skepsis der Ärzteschaft. Nach Analysen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung und der Barmer gibt es keine Hinweise darauf, dass die Telefon-Krankschreibung ein wesentlicher Treiber höherer Fehlzeiten ist. Ihr Anteil lag zuletzt lediglich bei 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Blumenthal-Beier widerspricht Merz direkt: „Mit der telefonischen Krankschreibung hat das alles gar nichts zu tun.“ Telefonische Krankschreibung ist selten Kritik kommt inzwischen auch aus den eigenen Reihen der Koalition. Der SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis fordert eine wissenschaftliche Grundlage für die geplanten Verschärfungen. „Tiefgreifende Änderungen bei den Regelungen zur Arbeitsunfähigkeit müssen auf einer belastbaren wissenschaftlichen und empirischen Grundlage beruhen“, sagte er. Derzeit gebe es keine Belege, dass die Krankschreibung per Telefon ursächlich für einen Anstieg der Krankenstände sei. SPD fordert wissenschaftliche Grundlage Gleichzeitig macht die SPD deutlich, dass die Regelung Teil eines Kompromisses mit der Union ist. Diese hatte ursprünglich einen Karenztag ohne Lohnfortzahlung gefordert – was die SPD ablehnte. SPD-Parteichef Lars Klingbeil verteidigt den Kompromiss grundsätzlich, macht aber deutlich, dass die Umsetzung noch offen ist. „Natürlich müssen wir das jetzt so machen, dass niemand krank zur Arbeit geht“, sagte er im ZDF. Viele Krankmeldungen wurden früher nicht erfasst Tatsächlich ist der Anstieg der Krankentage vielschichtig. Laut Daten der Betriebskrankenkassen stiegen die gemeldeten Arbeitsunfähigkeitstage von 18 Tagen im Jahr 2016 auf 22 Tage. Experten schätzen, dass 40 bis 60 Prozent dieses Anstiegs auf die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsmeldung zurückzuführen ist, die seit 2022 Pflicht ist. Damit werden alle Krankmeldungen automatisch von Arztpraxen an Krankenkassen übermittelt – früher gingen viele Meldungen schlicht verloren. Den restlichen Anstieg erklären Experten mit einer tatsächlich höheren Krankheitslast, unter anderem durch Atemwegserkrankungen und Covid-19. (Verwendete Quellen: Spiegel, Tagesschau, dpa) (mare)