Hertha-Chef Peter Görlich im Interview: "Berliner Weg auch leben"
rbb|24: In einer Woche geht die Saison los. Wie ist Ihre Gemütslage momentan? Freude, Anspannung, Nervosität? Peter Görlich: Ach, ich glaube, es ist so ein Mix aus allem. Und ich glaube, das ist auch genau richtig. Wir haben eine sehr gute Vorbereitung gemacht. Und jetzt freut man sich, dass das zu Ende ist und dass man zeigen kann, was man in den letzten sechs Wochen erarbeitet hat. Und darauf freue ich mich. Also, ich habe mehr Freude als jetzt in irgendeiner Art und Weise Anspannung oder Nervosität. rbb|24: Nach Ende der vergangenen Saison hat man sich sicherlich bei Hertha BSC viele Gedanken gemacht, wie es weitergeht. Der Aufstieg wurde nicht geschafft. Wie würden Sie beschreiben, was Sie in der neuen Saison vorhaben? Peter Görlich: Ein entscheidender Punkt ist, dass wir für uns alle mitgenommen haben: so wie es war, darf es nicht mehr sein. Das ist in vielen Dimensionen so analysiert worden. Wir haben finanziell sicherlich an der einen oder anderen Stelle über unsere Verhältnisse gelebt. Das mussten wir erst mal korrigieren. Es war ganz klar und sehr offen kommuniziert, dass wir Kaderkosten reduzieren und an der einen oder anderen Stelle Qualität verlieren werden. Wir haben uns aber auch sehr intensiv mit der fußballerischen Ausrichtung beschäftigt. Wenn man sich jetzt die Vorbereitung angeschaut hat, stellt man fest: Es ist eine andere Spielidee. Wir pressen höher. Wir haben viel höhere Intensität drin. Und das wollen wir auch in die Runde tragen. Da freuen wir uns drauf. rbb|24: Sie haben am Freitag getestet gegen den 1. FC Köln, einen Erstligisten. Wie fällt Ihr Fazit aus nach dem Spiel? Peter Görlich: Ich glaube, für uns war das ein sehr guter Test. Wir sind sehr froh darüber, auch wenn das ein paar Reisestrapazen mit sich gebracht hat, dass wir nochmal gegen Köln testen konnten. Weil, wie Sie richtig sagen, es ist ein Erstligist. Der kickt da, wo alle gerne hinmöchten. Und wir haben unsere Prinzipien durchgezogen. Die Spielidee hat man gesehen, wir haben unsere jungen Spieler reingeworfen, die das hervorragend gemacht haben. Also rundum ein zufriedenstellender Test bei extremen Wetterbedingungen. Und auch da haben wir gesehen, wir können diesen Spielstil durchziehen. rbb|24: Es haben viele Spieler den Verein verlassen. Sie haben gutes Geld eingenommen, überschlagen rund 25 Millionen Euro. Es ist aber erst ein Spieler geholt worden. Wird da noch etwas kommen in den nächsten Wochen? Peter Görlich: Lassen Sie mich eingangs nur sagen: Auch Fußballvereine haben Brutto-Netto-Rechnungen. Es mag sein, dass da irgendwelche Summen kursieren, aber am Ende des Tages müssen wir gucken, was ist davon übriggeblieben, was landet tatsächlich bei uns? Wir haben eine klare Marschroute ausgegeben, dass der Berliner Weg nicht nur auf der Tonspur ist, sondern dass wir den auch leben. Und wir glauben einfach daran, dass der beste Transfer der interne Transfer ist. Wir haben total spannende Jungs hochgezogen, teilweise Jungs, die noch nie im Herrenbereich Fußball gespielt haben. Und die haben auch gegen Köln ihren Mann gestanden. Wir haben einen externen Neuzugang dazu bekommen, mit Oluwaseun Adewumi. Wir haben ganz gezielt ein Profil gewählt, was bei uns im Kader so nicht vorhanden ist. Natürlich, und da machen wir doch gar keinen Hehl daraus, schauen wir uns noch an, was am Transfermarkt möglich ist. Wir haben noch vier Wochen. Von daher sind wir ruhig, weil wir eben auch festgestellt haben, der Prozess ist auf dem richtigen Weg. rbb|24: Wie sehr konnten Sie die ökonomische Situation durch die Verkäufe entspannen bei Hertha BSC? Peter Görlich: Die ökonomische Situation hat sich natürlich etwas entspannt. Aber die Situation ist noch nicht so, dass wir im Verein, also Gremien, Geschäftsführung, sportliche Leitung, diesen Prozess beenden können. Das wird uns noch etwas begleiten. Wir sind in einer Konsolidierungsphase. Wir werden sauber wirtschaften in der Zukunft und werden nichts Unvernünftiges tun. Aber wir leiten die richtigen Schritte ein. Nicht nur im Kontext Sport, sondern auch im Kontext der gesamten Commercials, die den Verein begleiten. Wir müssen Anleihen zurückzahlen. Es ist tatsächlich eine größere Transformation, die wir durchlaufen. Aber wir stellen fest, wir leiten die richtigen Schritte ein, investieren da, wo es notwendig ist, zum Beispiel in die medizinische Abteilung. Wir haben die höchste Verfügbarkeit in den letzten fünf Jahren in der Vorbereitung gehabt. Wir sind handlungsfähig, wir haben eine klare Strategie und fühlen uns damit sicher und werden an der einen oder anderen Stelle sicherlich auch noch mal nachjustieren können, weil wir es uns erarbeitet haben. rbb|24: Man erwartet im Fußball oft, dass irgendeine Art von Motto oder irgendein Ziel für die kommende Saison ausgesprochen wird. Was haben Sie sich da überlegt? Peter Görlich: Wir haben ein ganz klares Ziel: Ein einstelliger Tabellenplatz mit einer maximalen Ambition nach vorne. Und dafür werden wir hart arbeiten und haben hart gearbeitet und fühlen uns damit sehr wohl. Das ist vielleicht kein Slogan, aber das ist Teil der Strategie, dass wir den Club nachhaltig aufstellen wollen, damit auch folgende Generationen an diesem Club Freude haben und dass er weiterhin in der Stadt ein großes Gewicht hat. Die Akademie ist im Fokus. Da haben wir in den letzten Jahren vielleicht so an der einen oder anderen Stelle ein bisschen was versäumt. rbb|24: Nun sagen viele Experten: in der kommen Zweitliga-Saison kann eigentlich jeder jeden schlagen. Wie sehen Sie es? Peter Görlich: Wenn ich da in die jüngste Vergangenheit zurückblicke, stelle ich fest, dass es nicht allein ums Geld geht, sondern dass es um eine mannschaftliche Geschlossenheit geht, dass es um eine klare Identität des Fußballspiels geht, dass es mit Mut und Glaube zusammenhängt. Was die anderen machen, interessiert mich relativ wenig. Wir fokussieren uns vollkommen auf Hertha. Das ist unsere Aufgabe. Wenn es die vielen Experten dieser Welt so sehen, dass jeder jeden schlagen kann, haben wir ja auch eine gute Chance, dass wir den einen oder anderen schlagen werden. rbb|24: Was denken Sie, was wird das am kommenden Freitag für ein Spiel beim VfL Bochum? Peter Görlich: Es wird ein sehr interessantes Auftaktspiel. Wir sind ein bisschen stolz darüber, dass wir den Auftakt haben, mit einem großen Publikum in einer tollen Atmosphäre. Es wird ein geprägt sein durch ein Abtasten, durch eine Nervosität. Aber wir werden eine Mannschaft erleben von Hertha, die die Prinzipien, die sie sich erarbeitet hat, auch im Bochum umsetzen wird. Und da freuen wir uns drauf. Vielen Dank für das Gespräch.