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Hertha schlägt Braunschweig: Elf Thorsteinssons müsst ihr sein

Sport

Jón Dagur Thorsteinsson hatte bislang alles andere als eine einfache Zeit bei Hertha BSC. Der Isländer wechselte im August 2024 zum Fußball-Zweitligisten, kam jedoch nie so richtig in Berlin an. Thorsteinsson wurde stets ein einwandfreier Charakter bescheinigt, doch der Knoten wollte für den Offensivspieler nicht platzen. Nach zahlreichen glücklosen Auftritten verlieh Hertha ihn im vergangenen Winter sogar zu Brann Bergen nach Norwegen.

Im Sommer trat Thorsteinsson wieder seinen Dienst in Berlin an. Niemand glaubte so wirklich daran, dass der 27-Jährige nochmal eine größere Rolle bei Hertha spielen würde. Das Kapitel schien auserzählt. Doch Trainer Stefan Leitl lobte seinen Schützling, stellte klar, ihn nicht abgeben zu wollen. Die Fans waren skeptisch.

Nach dem dritten Spieltag der laufenden Saison gegen Eintracht Braunschweig scheint die Geschichte Thorsteinssons jedoch nahtlos in neue Erzählung der Blau-Weißen einzureihen - sie könnte regelrecht symbolisch für den Neuanfang im Westend stehen.

Wie schon im Pokal beim 1. FC Saarbrücken stand Thorsteinsson in Braunschweig als Ersatz des abgewanderten Marten Winkler in der Berliner Startelf. In Saarbrücken hatte der 55-fache Nationalspieler Islands zwar erste Ansätze, aber auch viele unglückliche Aktionen gezeigt. Leitl schenkte ihm am Freitagabend dennoch erneut das Vertrauen.

Und Thorsteinsson sollte es in einer Art zurückzahlen, wie es ihm bei Hertha zuvor noch nie gelungen war. Der Flügelspieler war einer der auffälligsten Akteure in Braunschweig. Er erzielte den zwischenzeitlichen 1:2-Anschlusstreffer (43. Minute), den er zuvor selbst herausragend eingeleitet hatte. Zudem spielte er den entscheidenden Pass vor dem 2:2 von Josip Brekalo (45.+3) und auch die Flanke, die Braunschweigs Kevin Ehlers zum 3:2 für Hertha ins eigene Tor grätschte (53.).

Thorsteinsson wirbelte wie entfesselt über rechts, kreierte zahlreiche Torchancen und war zudem auch gegen den Ball immens eifrig. So wurde er ohne Zweifel zu einem der Matchwinner für Hertha. Seine bislang beste Leistung im blau-weißen Trikot steht stellvertretend dafür, was Vertrauen vom Trainer, eine klare Spielidee und ein guter Teamgeist aus einem Fußballer herausholen können.

Damit steht Thorsteinsson in einer Reihe mit Spielern wie Marius Gersbeck, Kevin Sessa, Deyovaisio Zeefuik oder Sebastian Grönning, die nach den so namhaften Abgängen des Herthaner Transfersommers von der zweiten in die erste Reihe gerückt sind - und dank eben jener Faktoren zu ungeahnten Leistungen ansetzen.

Eine Frage, die sich nach den ersten drei Siegen zum Saisonauftakt allerdings stellte, war: Wie wird die Mannschaft, die bislang nur in Führung ging, mit Rückschlägen umgehen? Wenn einmal nicht "alles" in die richtige Richtung läuft? Die Hauptstädter sollten am Freitagabend eine beeindruckende Antwort darauf geben.

Denn in Braunschweig begann die Begegnung mit dem 0:2-Rückstand alles andere als glücklich. Ein individueller Fehler von Innenverteidiger Niklas Kolbe (9.) und eine kollektive Unachtsamkeit bei einer Eintracht-Ecke (33.) führten zum ersten Fehlstart der jungen Spielzeit.

Und Hertha? Steckte nach kurzem Schütteln nicht auf, knüpfte weiter an den erfolgreichen Spielstil der vergangenen Wochen an: klare, variable Abläufe im Spielaufbau, viel Bewegung abseits des Balls, offensives Denken und aggressives (Gegen-)Pressing. Es ist genau jene klare Spielidee, die den Spielern vergangenes Jahr so oft fehlte und die ihnen nun auch in schweren Zeiten auf dem Feld Halt geben kann.

Thorsteinsson (43.) und ein genialer Schlenzer von Kapitän Josip Brekalo (45.+3) brachten Hertha mit dem 1:2 und 2:2 kurz vor Halbzeitpfiff zurück ins Spiel. "Ich hatte in keinem Moment das Gefühl, dass wir nervös wären oder nicht zurückkommen würden. Nach dem 2:2 habe ich in der Halbzeit die Energie gespürt, das fand ich so geil", zeigte sich Neuzugang Mads Pedersen nach seinem Debüt begeistert.

Sicherlich hatte Hertha am dritten Spieltag auch immer wieder etwas Glück. Doch das Glück ist bekanntlich mit den Tüchtigen - und Hertha gehört mit der neuen Spielphilosophie ohne Zweifel in dieses Lager: Resilienz durch klare Identität.

Natürlich ist es glücklich, wenn Braunschweigs Ehlers in der 53. das Eigentor zur Berliner Führung erzielt. Doch das Tor kann eben nur fallen, weil Hertha zuvor einen wunderbaren Angriff samt Zauberpass von Soufian Gouram auf Thorsteinsson vortrug. Hertha erzwingt solche Situationen und wurde hier belohnt.

So auch beim 4:2 - ein verwandelter Elfmeter von Brekalo. Ein Elfmeter mag sich wie ein Geschenk anfühlen. Der Strafstoß kann jedoch nur entstehen, weil Hertha Braunschweig mit den zahlreichen neu einstudierten Standardvarianten permanent stresste und sich Lino Tempelmann in der 68. Minute gegen den bei einer Ecke einlaufenden Kolbe nicht mehr anders zu helfen wusste, als den Abwehrhünen regelwidrig festzuhalten. Erneut erzwang Hertha eine Situation für sich. "In Spielen wie diesem kannst du deine Mentalität zeigen", so Kapitän Brekalo nach Abpfiff.

Nach einem Kontertor durch Joker Oluwaseun Adewumi (87.) und einem Anschlusstreffer von Jan Urbich (88.) endete Begegnung mit einem spektakulären 5:3 für Hertha. Es ist ein Ergebnis, das offensichtlich Raum für Kritik öffnet. Hertha machte in diesem Spiel nicht alles richtig, erlaubte sich zu viele individuelle Fehler und war aus dem Spiel heraus im letzten Angriffsdrittel oft nicht effektiv genug.

Es fehlte allgemein etwas an Präzision und sicherer Konterabsicherung. Braunschweig bereitete Herthas Manndeckung durch viele gegenläufige Bewegung große Probleme, riss den Berliner Defensivverbund immer wieder auf und hätte so durch Aaron Opoku in der 41. Minute das 3:0 erzielen können. Das scharfe Umschaltspiel der Eintracht brachte die hoch stehende "alte Dame" zeitweise an ihre Grenzen.

Es gibt viele Stellschrauben, an denen Trainer Leitl nun wieder drehen muss. Aber das Lob überwiegt. Lob für eine weiterhin neu zusammengefügte Mannschaft, die durch Teamgeist und klare Spielmuster in ein zunächst äußerst gebrauchtes Spiel zurückfand und es letztendlich sogar drehte. Lob für Spieler, die bereits als Fehleinkäufe galten und nun ihre Qualität unter Beweis stellen. Und Lob für einen Trainer, der den neuen Weg bislang bemerkenswert gut gestaltet und moderiert.

Hertha scheint das erste Mal seit Jahren zu einer eigenen sportlichen Identität zu finden. Das kann mehr wert sein als jeder vermeintliche Starspieler, der den Verein im Sommer verließ. Und Spieler wie Thorsteinsson endlich ankommen lassen. Vier Siege in vier Spielen zeigen, dass sich Hertha auf dem richtigen Weg befindet.

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