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Hickhack: Europa sucht Luftabwehr

Welt

Startseite Politik Heilloses PAC-Hickhack: Während Trump zaudert, tüfteln Europäer an Patriot-Alternative Von: Karsten-Dirk Hinzmann Uns auf Google folgen Berlin und Warschau konkurrieren um eine Werkstatt für Abwehrraketen. Aber das bewährte System könnte ohnehin überholt sein: Das US-Monopol ist in Gefahr. Berlin – „Insbesondere für die Ukraine sind Patriot-Systeme mit PAC-2- und PAC-3-Abfangraketen die wichtigste Antwort auf die russischen Raketenangriffe“, schreibt Joseph Trevithick. Laut des Autors des Magazins The War Zone (TWZ) erlebt das Patriot-Luftabwehrsystem eine Renaissance, getrieben vom Ukraine-Krieg und Donald Trumps Angriff im Nahen Osten. PAC (Patriot Advanced Capability) bezeichnet eine Serie von Abfangraketen für das Boden-Luft-Flugabwehrsystem, das seit Ende der 1980er Jahre den Luftraum über den USA und der NATO sichert. Jetzt soll das gesamte System näher an die NATO-Ostflanke rücken – mit Instandsetzungs- und Wartungskapazitäten, um die Berlin und Warschau konkurrieren. Parallel zum NATO-Gipfel in Ankara im Juli sind Hersteller Lockheed Martin beziehungsweise die USA mit Deutschland, den Niederlanden, Polen und Schweden übereingekommen, „die Einrichtung einer speziellen Wartungseinrichtung für die im Patriot-System zur Raketenabwehr verwendeten PAC-3-Flugkörper in Europa zu prüfen“, wie das Magazin hartpunkt schreibt. Dieser Ansatz soll die Lieferketten festigen und die ukrainische Luftverteidigung stärken. Für die Ukraine wird ebenfalls eine aktive Rolle überdacht – welche genau, bleibt zu klären. Auch die Genehmigung zum Bau von Patriot-Raketen durch US-Präsident Donald Trump könnte widerrufen werden, wie der Focus schreibt. Darum das Hin und Her mit den Patriot: Die Amerikaner haben Angst vor Industriespionage Demzufolge fürchteten die Herstellerfirmen, die Ukraine könnte ihre Raketen besser und günstiger produzieren. PAC-Raketen sollen aber zunächst aus Bayern kommen: aus dem zusammen mit MBDA Deutschland betriebenen Werk COMLOG in Schrobenhausen. Von dort soll zunächst die Bundeswehr bis 2028 mit dem Raketentyp PAC-2 GEM-T (Guidance Enhanced Missile-Tactical) nachgerüstet werden; anschließend käme die Ukraine an die Reihe. Dieser ältere Raketentyp soll im Gegensatz zur PAC-3 MSE (Missile Segment Enhancement) keine ballistischen Ziele von der Qualität der Hyperschallrakete Kh-47M2 Kinshal bekämpfen können, sondern eher für Kurzstrecken- und bestimmte Mittelstreckenbedrohungen ausgelegt sein. Laut TWZ werde auch Lockheed wieder ältere PAC bauen, weil die Amerikaner wohl alles nehmen müssen, was sie bekommen können. „Der entscheidende Maßstab im heutigen Umfeld ist wohl nicht, wie zuverlässig ein einzelner Abfangkörper eine einzelne Rakete zerstört, sondern vielmehr, welche Kosten entstehen, um eine erforderliche Abfangwahrscheinlichkeit über mehrere Schüsse und Salven hinweg zu erreichen, sowie die Fähigkeit, Arsenale in einem andauernden Konflikt wieder aufzufüllen.“ Nach der jetzt anlaufenden Raketenproduktion in Deutschland für die älteren Modelle halte er für sinnvoll, „den Technologietransfer für andere Abfangraketen nach Deutschland fortzusetzen“, schreibt Borys Gulkevych für das Magazin Defense Express. Aber die Produktion der PAC-3 in Europa soll ausgeschlossen sein, so Lars Hoffmann in hartpunkt im Juni. Die Amerikaner hätten Angst vor Industriespionage: „Besonders wichtig ist ein kleiner Radarsucher in der Spitze der PAC-3-Rakete. Er erkennt das Ziel kurz vor dem Einschlag und lenkt die Rakete direkt darauf zu. Das Bauteil wird von Boeing in Huntsville im US-Bundesstaat Alabama hergestellt“, schreibt der Focus. Aber die USA scheinen hin- und hergerissen. Die stellvertretende polnische Verteidigungsministerin jedenfalls macht sich noch Hoffnungen darauf, einen Produktionsstandort zugesprochen zu bekommen – oder zumindest ein anderes Stück vom Kuchen: „Wir tun alles, um sicherzustellen, dass, wenn nicht die Produktion, so doch zumindest ein Servicezentrum, das ebenfalls von entscheidender Bedeutung ist, innerhalb der Europäischen Union errichtet wird“, sagte Magdalena Sobkowiak-Czarnecka gegenüber dem Sender RMF FM. Sie geht davon aus, dass sie um diesen Standort mit Deutschland wird wetteifern müssen. Der Defense Express mutmaßt, dass Deutschland mit dem Werk in Schrobenhausen aus dem Rennen sein könnte: Die Konzentration von Produktion und Wartung in einem Land provoziere möglicherweise Sicherheitsbedenken. Trumps Zickzack-Kurs motiviert Europäer: „Wendepunkt in der Verteidigungsindustrie“ Im September wollen sich die USA entschieden haben. Bei Lockheed beziehungsweise Raytheon laufen die Bestellungen über, angetrieben vom Ukraine-Krieg wie auch von den Spannungen im Nahen Osten. Laut hartpunkt würden die Amerikaner gerade 18 Kunden versorgen wollen: 2022, im Jahr des Ausbruchs des Ukraine-Krieges, hatte beispielsweise die Schweiz fünf Patriot-Einheiten geordert und sollte von diesem Jahr an bis 2028 beliefert werden. Mit den beiden Kriegen haben sich für den Hersteller aber die Prioritäten verschoben – mehr als 1000 Raketen sollen die USA samt den Golf-Staaten im Nahen Osten verpulvert haben. Konsequenz für die Schweiz: weitere fünf Jahre Wartezeit. Offenbar fehlt den Herstellern beziehungsweise der Regierung unter Präsident Donald Trump ein Plan, wie dem steigenden Bedarf Herr zu werden sein wird. Eine Alternative ist kaum in Sicht. Die bisherigen Abwehrwaffen Iris-T von Diehl Defence und Samp/T aus Frankreich müssen noch ausreifen, um der Patriot Paroli bieten zu können. Der ukrainische Drohnen-Gigant Fire Point arbeitet unermüdlich an der Entwicklung seiner eigenen Abwehrrakete „Freyja“, „doch das ballistische Abwehrsystem benötigt noch Investitionen, Entwicklungsarbeit und Tests, bevor es diese Rolle erfüllen kann“, urteilen die Politico-Autoren Chris Lunday und Veronika Melkozerova. Mit dem auch in Deutschland operierenden Rüstungsunternehmen Frankenburg Technologies sei, nach Firmenangaben, jetzt ein „Wendepunkt in der Verteidigungsindustrie“ erreicht. Patriot-Beichte bei NATO-Gipfel: „Möglichkeit einer Produktion jenseits der US-Grenzen absolut offen“ Die vor zwei Jahren gegründete estnische Rüstungsschmiede will künftig aus einem Werk in Lettland heraus die Drohnen- und Raketenabwehr bezahlbar machen. „Mit Mark I, Mark II und Mark X entwickelt Frankenburg ein neues Modell für die Luft- und Raketenabwehr, das auf kostengünstigem Raketendesign, skalierbarer Produktion und nachhaltigen Kosten pro Abfangeinsatz basiert“, beschreibt Geschäftsführer Kusti Salm seine Mission. Das Frankenburg-Flaggschiff soll als Mark X Raketen und ballistische Flugkörper bekämpfen: mit einer Reichweite von bis zu 2000 Kilometern, einer Kadenz von 16 Abfangraketen pro zehn Sekunden und der Möglichkeit, die Startrampen innerhalb von zehn Minuten nachzuladen – nach Werksangaben. Noch aber scheint die PAC-3-MSE das Maß aller Dinge zu sein. Und den USA ist wohl bewusst, dass auch ihre Industrie zu schmale Schultern hat, um die Sicherheit der westlichen Welt zu schaffen. „Wir lassen die Möglichkeit einer Produktion jenseits der US-Grenzen absolut offen“, sagte Michael Duffey am Rande des NATO-Gipfels in Ankara, wie Reuters berichtet. Die Nachrichtenagentur interpretiert die Aussage des US-Unterstaatssekretärs für Verteidigung auf Geheiß von Präsident Donald Trump als Entgegenkommen an die eigene Industrie beziehungsweise an sein Militär. Bisher hatte nur Japan außerhalb der USA Patriots produzieren dürfen. Durch die weitere Auslagerung könnte sich die US-Industrie stärker auf den Bedarf der eigenen Truppen konzentrieren. Möglicherweise hat aber das Patriot-System seinen Zenit auch schon überschritten – eventuell verlangt der Drohnenkrieg nämlich andere Qualitäten von einer Abwehrwaffe, und die Patriot ist in ihrer Leistungsfähigkeit schlichtweg vom Krieg überholt worden. „Der entscheidende Maßstab im heutigen Umfeld ist wohl nicht, wie zuverlässig ein einzelner Abfangkörper eine einzelne Rakete zerstört, sondern vielmehr, welche Kosten entstehen, um eine erforderliche Abfangwahrscheinlichkeit über mehrere Schüsse und Salven hinweg zu erreichen, sowie die Fähigkeit, Arsenale in einem andauernden Konflikt wieder aufzufüllen“, schreibt Fabian Hoffmann. Der hartpunkt-Autor sieht dadurch die Ukraine in der Zukunft technologisch vorn.

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