„Hier liegt die Lücke“: Pädagoge erklärt, warum schlechte Pisa-Ergebnisse schon vor der Schule beginnen
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„Hier liegt die Lücke“: Pädagoge erklärt, warum schlechte Pisa-Ergebnisse schon vor der Schule beginnen
Von: Sophia Sichtermann
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Laut der Pisa-Studie haben sich deutsche Schüler erneut verschlechtert. Ein Pädagoge erklärt, dass es bereits Lösungen gibt – und warum sie nicht umgesetzt werden.
Hamburg – Alle drei Jahre wird die Pisa-Studie (engl. „Programme for International Student Assessment“) durchgeführt, bei der die Kompetenzen von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern international verglichen werden. An der diesjährigen Studie haben rund 760.000 Jugendliche aus 91 Ländern teilgenommen. Die Pisa-Untersuchung gibt es seit dem Jahr 2000 – die Ergebnisse für Deutschland sind seitdem auf und ab gegangen, seit 2015 gibt es jedes Mal eine Verschlechterung. So auch dieses Mal.
Bei jeder Pisa-Studie werden die Jugendlichen in den Kompetenzbereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften getestet, wobei dieses Mal letzteres im Mittelpunkt steht. In allen drei Bereichen schnitten Jugendliche in Deutschland so schlecht ab wie noch nie. In den Naturwissenschaften verfehlen 27 Prozent das Mindestniveau – zehn Prozentpunkte mehr als 2015. Auch die Lesekompetenz hat nachgelassen: 32 Prozent der getesteten Jugendlichen verfehlen das Mindestniveau und liegen damit knapp unter dem OECD-Durchschnitt von 31 Prozent.
Pädagoge: Erkenntnisse aus der Wissenschaft kommen nicht in der Schule und Kita an
Auch in Mathematik hat sich die Leistung verschlechtert: 34 Prozent der 15-Jährigen bleiben unter dem Mindestniveau – 17 Prozentpunkte mehr als 2015. „Insgesamt erreicht Deutschland nur noch das Durchschnittsniveau der OECD-Staaten“, sagt Samuel Greiff, nationaler Pisa-Studienleiter, in einer Pressekonferenz.
Die Tests messen den Leistungsstand von 15-Jährigen – doch der Bildungsweg beginnt schon vor der Schule. Gerhard Friedrich beschäftigt sich genau damit: Der Diplom-Pädagoge und Privatdozent für Allgemeine Didaktik forscht seit mehr als 25 Jahren zur frühen mathematischen Bildung. Er sieht in den Ergebnissen einen Hinweis darauf, dass Erkenntnisse aus der Wissenschaft nicht in ausreichendem Maß bei den Pädagogen ankommen, die täglich mit Kindern arbeiten. „Pädagogische Fachkräfte arbeiten jeden Tag mit Kindern. Sie müssen dieses Wissen nicht in einer mündlichen Prüfung abrufen oder in einer Masterarbeit korrekt zitieren können, sondern es in konkreten Situationen für ihr pädagogisches Handeln nutzen können“, sagt Friedrich der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Dafür müsse wissenschaftliches Wissen zugänglich, verständlich und mit den Erfahrungen aus der Praxis verbindbar sein. „Diese Verbindung gelingt bislang viel zu selten. Hier liegt die Lücke“, erklärt der Pädagoge. Die Wissenschaft folge vorrangig ihrer eigenen Logik: Erfolg werde an der Resonanz in der Fachgemeinschaft gemessen – nicht daran, wie gut Erkenntnisse in der Praxis ankommen. „Das Wissen zirkuliert damit häufig im Wissenschaftssystem.“
Erzieherinnen und Erzieher werden zu wenig in der Forschung berücksichtigt
Friedrich beschreibt, dass frühkindliche Bildungseinrichtungen institutionell noch immer nicht mit demselben Ernst behandelt würden wie Schulen und Hochschulen. Darin liege ein Paradoxon: „Wir sprechen der frühen Kindheit völlig zu Recht eine enorme Bedeutung zu und geben gleichzeitig dem Erfahrungswissen derjenigen kaum Gewicht, die täglich mit den Kindern arbeiten.“ Pädagogische Wirklichkeit entstehe jedoch nicht unter kontrollierten Bedingungen, sondern „mit konkreten Kindern in konkreten Situationen.“
In einem solchen konkreten Umfeld arbeitet Friedrich derzeit in Herbolzheim, einer Stadt in Baden-Württemberg. Seit rund einem Jahr forscht er dort gemeinsam mit sieben Kitas und der pädagogischen Fachberatung als Experte aus der Wissenschaft. Jede Einrichtung übernimmt einen fachlichen Schwerpunkt, erprobt Inhalte, beobachtet die Kinder und bringt ihre Erfahrungen in die gemeinsame Arbeit ein. Was dabei entsteht, ist kein einseitiger Wissenstransfer, sondern ein echtes Wechselspiel: „Ich bringe mathematisch-didaktisches Wissen ein. Die Fachkräfte kennen die Kinder, ihr Spiel und die konkreten Situationen in ihren Einrichtungen. Beides bringen wir zusammen“, sagt Friedrich.
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