Historische Trockenheit: Warum Deutschland das Wasser ausgeht - und was das kostet
Mitte Juli wählte Carsten Schneider (SPD) große Worte, um auf ein großes Problem aufmerksam zu machen. „Wasser ist unsere wertvollste Ressource“, sagte der Bundesumweltminister bei einer Veranstaltung in Berlin. Doch diese Ressource wird zunehmend rar. Laut einer Auswertung aus Schneiders Ministerium hat Deutschland in den vergangenen 25 Jahren 60 Milliarden Kubikmeter Wasser verloren. Das klingt schon nach viel. Das Ausmaß wird aber erst richtig klar, wenn man genauer hinschaut. Es geht nämlich grob gerechnet um das Wasservolumen des Bodensees, des Starnberger Sees, des Ammersees, des Chiemsees und der Müritz zusammen. Die Lage ist also dramatisch. Und sie scheint sich zu verschlimmern. Nach Zahlen der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) führen deutsche Flüsse derzeit an vielen Stellen teils gefährliches Niedrigwasser. Auch Regenschauer, wie am Samstag, haben die Wasserstände nur kurz steigen lassen: „Insgesamt überwiegt die weiterhin sinkende Tendenz“, heißt es in dem Bericht. Noch niedriger als 2018 Dabei ist an vielen Orten kaum mehr etwas da, das sinken könnte. Der Rhein hat zuletzt bereits an der ersten Messstelle einen historischen Tiefststand erreicht. In Köln wurde am Samstag ein Stand von 68 Zentimetern gemessen, das ist ein Zentimeter weniger als der bisherige Negativrekord vom 23. Oktober 2018. Auch am Pegel Kaub zwischen Koblenz und Wiesbaden sank das Wasser zuletzt stark. Am Freitag rutschte der Stand dort auf nur noch 25 Zentimeter. Dem Informationssystem „Niwis“ zufolge, wiesen zuletzt rund 44 Prozent der Messstellen am Rhein extrem niedriges Wasser aus. An der Elbe waren es 16 Prozent und gar 78 Prozent an der Donau. „Was wir hier im Moment erleben, ist besonders und verdient auch entsprechende Aufmerksamkeit“, sagt Jens Schwanen, Geschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB). Dabei hält er vor allem den Zeitpunkt des Niedrigwassers für bedenklich: „Für mich war bislang das Jahrhundertniedrigwasser 2018 die Referenz“, sagt Schwanen. „Jetzt sehe ich aber mit Sorge: Die Pegel sind jetzt schon niedriger, als sie 2018 waren. Und wir sind auch viel früher im Jahr.“ Eine Besserung sieht Schwanen kaum. „Wir haben ein Klimawandelproblem“, sagt er. „Das kriegen Sie nicht weg, das ist jetzt da.“ Die Gletscherschmelze bleibe zunehmend aus, ebenso die Schneefälle in den Bergen, der Bodensee falle trocken. „Wo soll denn das Wasser für den Rhein herkommen?“ Die Gründe für die Trockenheit sind tatsächlich simpel. In Deutschland fällt seit Jahren hauptsächlich im Süden zu wenig Regen. Oder besser: der falsche. „Die Aufzeichnungen und statistischen Auswertungen zeigen einen eindeutigen Trend“, sagt Michael Buschlinger, Experte für Hydrologie und Hydraulik. „Die Frosttage sind zwischen 1881 und 2020 um rund 23 Tage pro Jahr weniger geworden, wohingegen die Sommertage im gleichen Messzeitraum um rund 24 Tage zugenommen haben.“ In diesem Zeitraum ist jedoch dem Experten zufolge keine Zunahme von Tagen mit hohen Niederschlägen zu beobachten. Über das Jahr gesehen nehme die Summe der Niederschläge zwar zu, sei aber auf andere Art verteilt. „Für Deutschland heißt das: mehr Niederschlag im Winter mit Vorsättigung der Böden und Auftreten von Flusshochwasserereignissen“, sagt Buschlinger. „Im Sommer hingegen müssen wir zunehmend mit Dürreperioden und Starkregen- oder kurzen Flusshochwasserereignissen rechnen.“ Für die Einzugsgebiete und Gewässer bedeute das im Sommer vermehrt Niedrigwasser mit niedrigen Gewässerpegeln. Niedrigwasser dämpft die Wirtschaft Die Folgen sind alarmierend. Durch anhaltende Trockenheit und wochenlange Hitze sinken nicht nur die Flusspegel, sondern auch die Grundwasserspiegel. Die Landwirtschaft muss mit Ernteausfällen rechnen, ganze Ökosysteme geraten in Schieflage – mit unkalkulierbaren Folgen für Flora und Fauna. Und auch das Risiko für verheerende Waldbrände, wie sie gerade Teile Frankreichs und Spaniens heimsuchen, steigt laut Experten auch in Deutschland. Schon heute reagieren manche Regionen auf die Lage mit strikten Maßnahmen: München verbot seinen Einwohnern zuletzt die Wassernutzung für bestimmte Zwecke. Untersagt sind etwa das Bewässern privater Rasen- und Hofflächen, das Befüllen privater Schwimmbecken und Springbrunnen sowie die Autowäsche außerhalb gewerblicher Waschanlagen. Bei Missachtung können Geldbußen von bis zu 50.000 Euro verhängt werden. Besonders unmittelbar trifft der Wassermangel aber die Wirtschaft. Auf rund 25 Milliarden Euro schätzt Umweltminister Schneider den jährlichen Schaden durch die Trockenheit, wenn keine schnellen Gegenmaßnahmen getroffen werden. 25 Milliarden Euro – das entspricht fast dem gesamten Jahresbudget, das der Bund für Straßen, Schienen und Wasserwege ausgibt. Allein zwischen Juli und September könnte das Niedrigwasser das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 bis 0,2 Prozent dämpfen, rechnet das Kieler Institut für Weltwirtschaft vor – das wären eine Milliarde bis zwei Milliarden Euro im dritten Quartal. Das liegt primär daran, dass große Transportschiffe den Rhein, der vielen als „Rückgrat der deutschen Logistik“ gilt, nicht mehr befahren können. Die Straße und die Schiene können dieses Aufkommen jedoch kaum ersetzen. Also müssen kleinere Schiffe mit weniger Tiefgang herhalten, die aber nur wesentlich weniger Ladung fassen. Höhere Transportkosten und Verzögerungen sind die Folge. Betroffen sind davon hauptsächlich Branchen, die auf große Rohstoffmengen angewiesen sind, etwa die Chemie-, Stahl- oder Rohölindustrie. Zuletzt sprachen bereits drei Industrieverbände davon, dass Binnenschiffe derzeit nur noch rund ein Drittel bis die Hälfte der üblichen Ladung befördern könnten. Die Frachtkosten hätten sich nahezu vervierfacht. Das führe dazu, dass etwa die Versorgung der Stahlindustrie akut gefährdet sei, so die Warnung. Der Branchenriese Thyssenkrupp teilte zuletzt mit, seine Produktion bereits gedrosselt zu haben. Aber auch die Tourismusbranche gerät unter Druck. Anbieter von Kreuzfahrten müssen vor allem entlang der Donau Touren umplanen oder absagen. Mit Folgen auch für Gastronomie, Hotellerie und Einzelhandel entlang des Flusses. Die Politik tut wenig Schifffahrtsvertreter Schwanen fürchtet, dass die Krise unmittelbar zu Preissteigerungen führen könnte: „Alles, was mehr Aufwand produziert und zu Kostensteigerungen führt, wird natürlich immer nach unten weitergereicht“, sagt er. Konkret sieht er noch höhere Treibstoffkosten als mögliches Problem. Aber auch Alltagsgüter könnten betroffen sein: „Dinge, die wir bei Amazon und Temu bestellen, kommen über Rotterdam rein und werden dann mit dem Containerschiff über den Rhein ins Hinterland transportiert“, sagt Schwanen. „Da kann es jetzt zu Verzögerungen kommen und auch zu Preissteigerungen.“ Die Politik erscheint angesichts dessen jedoch auffallend untätig. Experten betonen seit Jahren, dass kurzfristige Nutzungsverbote wie in München nichts am Dauerproblem der Trockenheit ändern. Dafür bräuchte es gesunde Moore, Wälder und Auen, die Wasser langfristig speichern. Diese möchte Umweltminister Schneider eigentlich mit seinem Gesetz zur Stärkung der natürlichen Infrastruktur (NATIF) schützen. Schneider sieht es als eine Art Gegenpart zum Infrastrukturgesetz: Wie Straßen oder Brücken sollen auch Naturflächen fortan „von überragendem öffentlichen Interesse“ sein – und auch so behandelt werden. Doch das Vorhaben steckt seit Monaten in der Ressortabstimmung fest. Weder beim Entlastungskabinett noch bei anderen Gipfeln schaffte es das Gesetz auf die Tagesordnung. Es gebe noch Widerstände, sagte Schneider zuletzt. Und meint damit unter anderem Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), die Naturschutz im Zweifel als Hemmschuh für die Wirtschaft sieht. Schneider kündigte hingegen an, „felsenfest“ bei seinem Vorhaben bleiben zu wollen. Doch auch an anderer Stelle tut die Bundesregierung wenig, um die Niedrigwasser-Probleme zu lösen. So wurde jüngst angekündigt, dass die vom Bund bereitgestellte Förderung für die Modernisierung der Binnenschiffsflotte 2027 von bislang 36 auf 17,6 Millionen Euro halbiert werden soll. Das schließt auch die Förderung besonderer Schiffstypen ein, die auch bei Niedrigwasser genutzt werden können. Dabei hatte das Bundesverkehrsministerium (BMV) erst kürzlich auf eine kleine Anfrage der Grünen geantwortet, dass diese für die Befahrung des Rheins bei Niedrigwasser unerlässlich seien. „Unter Schwarz-Rot wird die Binnenschifffahrt systematisch ausgetrocknet“, kritisiert Tarek Al-Wazir, Berichterstatter Binnenschifffahrt der Grünen-Bundestagsfraktion. „Dabei stehen wir erneut vor einer Situation, in der ein volkswirtschaftlicher Schaden in Milliardenhöhe entstehen kann.“ Auch Schwanen vom Schifffahrtsverband warnt davor, das Thema auf die lange Bank zu schieben: „Ich kann nur davor warnen, in diesen Zustand zu verfallen, den ich gerne als politische Amnesie bezeichne“, sagt er. „Lassen Sie es die nächsten sechs Wochen regnen, wir haben normale Pegelstände – und alle in Berlin lehnen sich zurück und sagen: Da haben wir ja noch mal Glück gehabt.“ Das sei, sagt er, höchst gefährlich. „Denn die Taktung wird höher, wir werden dauerhaft mit Niedrigwasser zu kämpfen haben.“