Hitze in Deutschland: Politik tatenlos, Bevölkerung machtlos
Als sich Lars Werner von der Letzten Generation vor vier Jahren aus Protest für mehr Klimaschutz auf die Straße klebt, gibt es noch keine rund 12.500 Hitzetoten in Deutschland, wie das Robert-Koch-Institut jetzt für 2026 feststellt, ein Vielfaches der Vorjahre. Es werden auch noch keine Rekordtemperaturen für Juni und Juli in Westeuropa mit dem Durchschnittswert von 21,62 Grad gemessen. Und auf dem Rhein fahren noch problemlos Schiffe - nicht wie jetzt, wo der Pegelstand des größten deutschen Flusses wegen anhaltender Trockenheit fast im Stundentakt sinkt. Ist das vielleicht auch eine kleine Genugtuung für den Mann, der wegen seiner radikalen und umstrittenen Proteste zeitweise zu den meistgehassten Menschen in Deutschland gehörte? Der als sogenannter Klimaterrorist stigmatisiert wurde? Und der wegen der Straßenblockaden tausende Euro an Bußgeld berappen musste und sogar drei Wochen in einem Münchner Gefängnis in Präventivhaft saß? "Natürlich könnte ich jetzt sagen, ich habe es Euch doch immer gesagt, weil es absehbar war und in keinster Weise eine Überraschung", berichtet der Psychologe der DW. "Aber das wäre nicht konstruktiv und bringt niemandem etwas, auch mir nicht, außer Frust. Aber tatsächlich habe ich damals in meinen Vorträgen auch immer rauf und runter erzählt, dass der Rhein in den Hitzesommern irgendwann trockenlaufen und dass dies unglaubliche Auswirkungen auf die Wirtschaft haben wird." In Deutschland im Hochsommer 2026 passiert gerade etwas sehr Merkwürdiges: Während ganze Dörfer wegen riesiger Waldbrände evakuiert werden müssen, den Landwirten rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps durch die Trockenheit verlorengehen und Tiere notgeschlachtet werden müssen, während vor allem ältere Menschen in Kliniken, Altersheimen und Rettungswagen ohne Klimaanlagen akut gefährdet sind, hält die Bundesregierung erstaunlich still und hat trotz der offensichtlichen Notlage immer noch keinen Hitzegipfel einberufen. "Die Klimaschocks kommen jetzt natürlich näher, umso absurder ist es, wie sich unsere politischen Verantwortungsträger dazu verhalten", sagt Werner. "Es ist ja maximal irrational, jetzt wie die Bundesregierung herumzudoktern, wie zum Beispiel das LKW-Fahrverbot am Sonntag aufzuheben, und zu hoffen, damit irgendwie durchzukommen, ohne eine Klimaschutzpolitik auf lange oder wenigstens auf kurze Sicht zu machen. Und dann wieder das Thema zu ignorieren, wenn es wieder kälter wird." Fridays for Future Deutschland: Mobilisierung schwieriger als früher Die Bundesregierung muss zumindest nicht mehr befürchten, dass die Letzte Generation ihre Klimaschutzpolitik mit Straßenblockaden anprangert. Die Klimaaktivisten haben ihre Klebeproteste vor zwei Jahren eingestellt und ihren Namen abgelegt, entnervt von Anfeindungen, Bußgeldern und Gefängnisstrafen. Und so bleibt es vor allem an der Bewegung Fridays for Future Deutschland, die politischen Entscheidungsträger massiv für ihre - aus FFF-Sicht - Ambitionslosigkeit beim Klimaschutz zu kritisieren. "Die Bundesregierung tut in Sachen effektiver Klimapolitik quasi nichts. Es werden stattdessen diverse Scheinlösungen propagiert, zum Beispiel dass der Rhein tiefer gebuddelt werden soll oder dass das Sonntagsfahrverbot für LKWs aufgehoben wird", sagt die FFF-Sprecherin Linda Kastrup der DW. Dies seien kurzfristige Lösungen für die Symptome der Klimakrise, langfristig werde jedoch faktisch nichts getan. "Unser Kanzler ignoriert die Klimakrise gekonnt seit fast einem Jahr. Das ist leider die klimapolitische Realität, die wir in Deutschland gerade vorfinden." Deswegen demonstrierte die Klimaschutzbewegung auch vor einer Woche zusammen mit anderen Organisationen vor dem Kanzleramt in Berlin. Die Teilnehmerzahl: mehrere Hundert Demonstrantinnen und Demonstranten. Kein Vergleich zu den Protesten vor der Corona-Pandemie, als 2019 Hunderttausende Menschen für mehr Klimaschutz auf die Straße gingen. Dabei machen sich laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung 80 Prozent der Menschen in Deutschland Sorgen wegen des Klimawandels. Und mehr als die Hälfte fordert mehr staatliche Ausgaben für den Klimaschutz. Kastrups Erklärung für diesen Widerspruch: "Wenn Bundeskanzler Friedrich Merz Klimapolitik komplett vom Tisch wischt und ignoriert, wir allein in Deutschland Tausende Hitzetote haben und kein einziges Wort darüber fällt, dann lässt das natürlich bei auch all den Menschen im Privaten das Bild zurück, dass Klimaschutz egal ist, und dann ist es natürlich auch sehr schwierig, Menschen dazu zu motivieren, auf die Straße zu gehen." Hinzu kommt: Der Hass und die Anfeindungen im Netz auf Klimaaktivistinnen wie sie habe stark zugenommen. "Vor zwei Tagen habe ich bei Instagram ein Reel mit dem Friday-for-Future-Account ge-copostet. Da waren in kürzester Zeit 2000 Hasskommentare darunter, die frauenfeindlich waren, Klimawandelleugnungen, viele auch Bots." Protestforscher: Klimaschutz von Corona, Ukraine-Krieg und wirtschaftlichen Sorgen verdrängt Anruf bei Sebastian Haunss, Wissenschaftler am Institut für Protest- und Bewegungsforschung an der Universität Bremen. Auch er kann nicht verstehen, warum der Hitzesommer 2026 nicht zu vermehrten Klimaprotesten geführt hat. Ist die Bevölkerung in Deutschland in den vergangenen Jahren vielleicht "klimaschutzmüder" geworden? Und wie passt es zusammen, dass sich einerseits zunehmend Menschen Balkonkraftwerke zulegen, aber auf der anderen Seite hierzulande die Touren mit umweltschädlichen Kreuzfahrtschiffen boomen wie noch nie zuvor? Es gebe zwar gesellschaftliche Veränderungen pro Klimaschutz, aber gleichzeitig einen klaren Rückschritt gegenüber dem Bewusstsein, was eigentlich getan werden müsste, um den Klimawandelfolgen zu begegnen, konstatiert Haunss. "Zentral ist aber, dass diese Klimathemen viel konflikthafter und kontroverser geworden sind als vor sieben Jahren. Inzwischen hat sich eine starke Gegenposition etabliert. Politische Akteure wie die AfD, die ganz klar eine Gegen-Klimamaßnahmen-Agenda fährt. Und diese Akteure, international oder national, gab es vor ein paar Jahren noch nicht." Die Mobilisierungsfähigkeit von Organisationen wie Fridays for Future habe zwar abgenommen, an ihre Stelle sei aber eine sehr große Zahl lokaler Gruppen getreten, der Protestforscher nennt sie "Bewegungsfranchises": Students for Future, Scientists for Future, Parents for Future, jetzt auch Omas for Future. Die Klimabewegung existiere im Moment daher eher im Verborgenen und im Kleinen, könne aber jederzeit durch ein einschneidendes Ereignis Menschen wieder in großer Zahl auf die Straße bringen. "Dann kommt die Themenkonkurrenz dazu. Corona und der Ukraine-Krieg haben das Klimathema von der Spitze der Aufmerksamkeit verdrängt. Außerdem spielen aktuelle ökonomische Sorgen eine große Rolle." Plus die biografischen Veränderungen: "Menschen, die sehr jung waren, als sie angefangen haben, diesen Protest zu organisieren, sind inzwischen in anderen Lebensphasen und setzen andere Schwerpunkte. Teilweise haben sich auch ihre Themen verlagert und andere Themen stehen jetzt im Vordergrund, wie der Krieg in Gaza und die Palästina-Solidarität." Politik: Wie ernst nimmt die Regierung die Klimaschutzziele? Immerhin: SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider will angesichts von Hitze und Niedrigwasser das Thema Klimaanpassung ins Grundgesetz aufnehmen und hält diesen Schritt für "zwingend notwendig". Für den Hitzeschutz sollen so künftig nicht nur die Länder und Kommunen zuständig sein, sondern als Gemeinschaftsaufgabe auch der Bund. Doch CDU/CSU sträuben sich wegen "rechtlicher Probleme" gegen die Pläne Schneiders, Ende offen. Warum ist die Bundesregierung angesichts der wochenlangen Hitzewelle und dem Klimawandel mit allen Konsequenzen so zaghaft, wenn es um konkrete Klimaschutzmaßnahmen geht? "Es muss auf jeden Fall mehr getan werden und wir müssen schneller auf die sich zuspitzenden Entwicklungen reagieren", sagt die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, der DW. Sie hat gleichzeitig Verständnis dafür, dass weniger Menschen für Klimaschutz auf die Straße gehen, es herrsche ein "Ohnmachtsgefühl angesichts der multiplen Krisen, die wir zurzeit erleben". Und weiter: "Ich erlebe uns als SPD innerhalb der Koalition in der Tat als das Bollwerk zugunsten der Energiewende. Alle meine Kolleginnen und Kollegen aus der Fraktion würden gerne mehr Energiewende und Klimaschutz hinbekommen. Zugleich müssen wir auch Rückschritte für Klimaschutzmaßnahmen mitverantworten, um überhaupt Verständigungen in dieser Koalition hin zu bekommen." Deswegen habe sie auch zugestimmt, Flugreisen zu verbilligen und den Ausbau von Flughäfen als überragendes öffentliches Interesse einzustufen, was sie eigentlich falsch finde. Scheer, die seit Jahren für den zügigeren Ausbau der erneuerbaren Energien eintritt, scheut nicht den Konflikt mit CDU-Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche - der Politikerin, die in der Kritik steht, die Energiewende zu torpedieren. "Wer mit der Erzählung unterwegs ist, man halte an den Klimaschutzzielen fest, wie dies auch Katherina Reiche erklärt, muss auch in der Umsetzung dafür sorgen, dass die Ziele erreicht werden. Und dafür muss man verstärkt auf Erneuerbare setzen. Dazu passt nicht die Erzählung, die Förderung der Erneuerbaren sei zu teuer. Denn das stimmt einfach nicht." Deutschland hat sich jedenfalls im Rahmen des Pariser Klimaabkommens und über das nationale Klimaschutzgesetz verpflichtet, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu sein. Das heißt, bis dann dürfen nur noch so viele Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen, wie auch wieder aktiv gebunden oder gespeichert werden. Doch die jüngsten Äußerungen einiger Politiker lassen große Zweifel aufkommen, dass die Bundesregierung dieses Ziel mit großer Hartnäckigkeit verfolgt. "Ich kann's nicht regnen lassen, sonst tät ich's machen", sagte CSU-Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer. Während Bundeskanzler Friedrich Merz mitteilte: "Wir können den Klimawandel allein aus Deutschland oder Europa hinaus nicht aufhalten." "Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Klimaschutz", fordert Nina Scheer. "Aussagen, wie auch die unseres Bundeskanzlers, als er bei einer Befragung im Bundestag die Klimaschutzverantwortung Deutschlands unter Verweis auf einen Anteil von nur zwei Prozent der weltweiten Emissionen in Frage stellte, sind fatal, da sie ein Fragezeichen an dringenden Handlungsbedarf machen."