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Hitze in Deutschland: „Wir werden sagen, damals fing es an”

Wissenschaft

FOCUS online Earth: Herr Latif, wir erleben gerade einen Sommer mit neuen Temperaturrekorden und einer außergewöhnlichen Hitzewelle. Wenn wir in einigen Jahrzehnten auf diesen Sommer zurückblicken: Werden wir dann sagen, das war damals noch ein vergleichsweise kühler Sommer? Mojib Latif: Ich glaube nicht, dass wir rückblickend sagen werden, dieser Sommer sei kühl gewesen. Aber wir werden sagen: Damals fing es an, dass wir den Klimawandel so richtig spüren. Nicht jeder Sommer wird so extrem sein. Doch die Richtung ist klar. Temperaturen über 40 Grad waren früher in Deutschland unbekannt. Heute erleben wir sie bereits. Und genau daran sieht man, wie stark sich unser Klima schon verändert hat. Wenn die Welt beim Klimaschutz auf dem aktuellen Kurs bleibt: Wie wird sich das Klima in Deutschland in den nächsten 10, 20 oder 30 Jahren entwickeln? Latif: Wir müssen davon ausgehen, dass die Erwärmung im Wesentlichen so weitergeht wie in den vergangenen Jahrzehnten. Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe: Zum einen ist das Klimasystem träge. Besonders die Ozeane reagieren nur langsam auf Veränderungen. Deshalb erwärmen sich Landregionen schneller als die Meere. Wenn wir global von knapp 1,5 Grad Erwärmung sprechen, liegen wir über Land bereits darüber. Europa und Deutschland sind deshalb stärker betroffen als der globale Durchschnitt. ANZEIGE ANZEIGE Der zweite Faktor ist die gesellschaftliche Trägheit. Entscheidend sind die weltweiten Treibhausgasemissionen – und diese steigen weiterhin. Für das Klima spielt es keine Rolle, wo genau das CO2 ausgestoßen wird, weil sich die Gase weltweit verteilen. Über den Experten Prof. Dr. Mojib Latif ist ein renommierter deutscher Meteorologe und Klimaforscher. Als Seniorprofessor am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel forscht er zu Ozeanströmungen und globaler Erwärmung. Zudem ist er Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg. Deutschland hat beim Klimaschutz einiges getan, und das sollte man nicht kleinreden. Aber weltweit gesehen reicht es nicht aus. Deshalb werden wir weitere Temperaturrekorde erleben. Ich halte es für gut möglich, dass wir in Deutschland innerhalb der kommenden 20 Jahre die Marke von 42 Grad überschreiten. Es gibt Berechnungen, wonach die aktuelle Hitzewelle ohne den Klimawandel mehrere Grad kühler ausgefallen wäre. Sind das noch Wetterextreme oder schon die Folgen des Klimawandels? Und spielt El Niño dabei bereits eine Rolle? Latif: Mit El Niño hat das derzeit in Europa noch nichts zu tun. Falls sich überhaupt ein Einfluss zeigen sollte, dann eher im Winter und auch dann nur schwach. Für die aktuelle Hitzewelle ist El Niño also nicht verantwortlich. Was wir jetzt erleben, ist ohne den menschengemachten Klimawandel nicht zu verstehen. Wenn Allzeitrekorde in Serie fallen, reicht das natürliche Wetterchaos als Erklärung nicht mehr aus. Es gibt einen zusätzlichen Faktor: die globale Erwärmung. Diese Entwicklung wurde seit Jahrzehnten vorhergesagt. Die jüngste Hitzewelle ist deshalb ein weiterer deutlicher Ausdruck dessen, was ein menschengemachter Klimawandel bedeutet. Und sie wird nicht die letzte bleiben. Was wird in Deutschland zum Alltag gehören, wenn die Emissionen nicht deutlich sinken? Latif: Ein zentrales Thema wird Wasser sein. Die Wasserreserven gehen weltweit zurück, aber auch in Deutschland. Der Klimawandel ist dabei ein entscheidender Faktor. Höhere Temperaturen erhöhen die Verdunstung, Böden trocknen schneller aus, und der Regen fällt oft nicht dort, wo das Wasser zuvor verdunstet ist. Schon jetzt erleben wir punktuell Wasserknappheit. Das wird sich verschärfen. Hinzu kommen mehr Wald- und Flächenbrände. Gleichzeitig sehen wir, dass unsere Infrastruktur auf diese Entwicklung nicht vorbereitet ist. Wenn Tropennächte fast 30 Grad erreichen, werden Wohnungen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zu echten Belastungsräumen. Welche Folgen haben solche extremen Hitzewellen konkret für die Gesundheit der Menschen und für das Gesundheitssystem? Latif: Die Auswirkungen sind massiv. In vielen Gebäuden, auch in Krankenhäusern, fehlt eine ausreichende Kühlung. Das wird bei extremer Hitze zu einem ernsthaften Problem. Menschen gehen ins Krankenhaus, um gesund zu werden, und geraten dort unter Umständen zusätzlich in Gefahr. Schon heute gibt es in Deutschland tausende Hitzetote, in Europa sind es in manchen Jahren zehntausende. Gleichzeitig stößt auch die übrige Infrastruktur an ihre Grenzen: Bahnen fallen aus, Straßen verformen sich, Autobahnen müssen gesperrt werden. Wir beginnen zu ahnen, was der Klimawandel für unseren Alltag tatsächlich bedeutet. Die neue Realität des Klimawandels hat begonnen. Neben Hitze gehört auch Starkregen zu den Folgen der Erderwärmung. Was erwartet uns hier? Latif: Auch das wird uns stärker treffen. Die höhere Verdunstung sorgt dafür, dass mehr Wasserdampf in der erwärmten Atmosphäre vorhanden ist. Wenn dann die Wetterlage passt, kann dieses Wasser in sehr kurzer Zeit als Starkregen herunterkommen. Deshalb ist es nicht entweder Dürre oder Starkregen, sondern beides zugleich. Genau das beobachten wir bereits. Deutschland hat beim Klimaschutz international durchaus Fortschritte gemacht. Aber ist das Land auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet? Latif: Nein, in keiner Weise. Deutschland hat beim Klimaschutz einiges erreicht. Wenn alle Länder ähnlich gehandelt hätten, würden wir heute international deutlich besser dastehen. Aber bei der Anpassung an die Folgen des Klimawandels bleibt viel zu tun. Das zeigt sich bei jeder Hitzewelle und bei jedem Starkregenereignis. Wir reagieren immer wieder überrascht, obwohl sich solche Ereignisse längst wiederholen. Reagiert die Politik schnell genug mit Klimaschutz oder Klimaanpassung? Latif: Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Andere Themen dominieren die politische Agenda, etwa Sicherheitsfragen oder große Reformvorhaben. Das sind ebenfalls kostspielige Bereiche, und für die Klimaanpassung bleibt dann oft zu wenig übrig. Dabei sagen zwar alle, dass Anpassung notwendig ist, aber am Ende stellt sich immer die Frage nach der Finanzierung. Gerade Krankenhäuser schlagen längst Alarm. Wenn sie gleichzeitig sparen müssen und sich zusätzlich an immer mehr Hitze anpassen sollen, gerät das System an seine Grenzen. Wir kommen so in eine Sackgasse, weil wir keine klaren Prioritäten setzen. Klimaanpassung braucht vor allem Zeit. Städte lassen sich nicht von heute auf morgen hitzefest umbauen. Wie gefährlich ist es, dass wir dabei hinterherhinken? Latif: Sehr gefährlich. Und deshalb muss die Anpassung jetzt schnell erfolgen. Wir werden nicht alles gleichzeitig schaffen, also müssen Prioritäten gesetzt werden. Für mich steht die Gesundheit an erster Stelle. Deshalb sollten zunächst Krankenhäuser, Seniorenheime, Kindergärten und Schulen geschützt werden. Dort ist die Verwundbarkeit besonders groß. Genau dort müssten wir sofort anfangen. Kommen wir noch einmal auf El Niño. Wie ist Ihre wissenschaftliche Einschätzung: Welche Intensität erwarten Sie, und was bedeutet das global? Latif: Es sieht derzeit nach einem starken bis sehr starken El Niño aus. In der Wissenschaft spricht man zwar nicht offiziell von einem „Super-El-Niño“, aber wir reden womöglich über eines der kräftigsten Ereignisse überhaupt. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt aktuell bei etwas über 60 Prozent. Die Temperaturen im tropischen Pazifik sind schon jetzt außergewöhnlich hoch, und das sehr früh im Jahr. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass wir dieses oder spätestens nächstes Jahr global die Marke von 1,5 Grad Erwärmung überschreiten werden. El Niño treibt die globale Temperatur zusätzlich nach oben. Was wären die globalen Folgen eines so starken El Niño? Latif: Ein starker El Niño kann den indischen Monsun abschwächen. In Südostasien drohen dann Trockenheit und Probleme im Bereich der tropischen Regenwälder, vor allem in Indonesien. Dort können auch Brände stärker eskalieren. Auf der anderen Seite des Pazifiks kommt es häufig zu heftigen Niederschlägen, Überschwemmungen und Erdrutschen. Auch Südafrika leidet oft unter Dürre. In Nordamerika, insbesondere in Kalifornien, bringt El Niño meist mehr Niederschläge. Für Europa sind die Auswirkungen dagegen eher schwach. Allenfalls im Winter gibt es eine leichte Tendenz zu kühlerem Wetter bei uns in Deutschland, aber das wird durch die allgemeine Erwärmung oft überlagert. Auch wenn Europa nicht direkt stark betroffen ist: Werden wir die Folgen über Preise und Lieferketten trotzdem spüren? Latif: Ja, das ist durchaus wahrscheinlich. Ich rechne weniger mit akuten Engpässen als mit Preissteigerungen bei bestimmten Produkten. Schon in den 1980er Jahren gab es großes Interesse daran, El Niño besser vorherzusagen, weil Unternehmen wussten, welche Auswirkungen das auf Rohstoffpreise haben kann. Ein Beispiel ist Kokosöl: Nach El-Niño-Ereignissen stiegen die Preise häufig stark, weil in Südostasien Trockenheit die Produktion beeinflusste. Daran sieht man: Solche Klimaphänomene können globale Lieferketten und Märkte beeinflussen. +++ Keine Klima-News mehr verpassen – abonnieren Sie unseren WhatsApp-Kanal +++

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