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Hitze in Frankreich Wenn Klimaanlagen zum Politikum werden

Welt

Vergangene Woche brutzelte sich Komiker Oliver Giraud bei 40 Grad im Schatten auf dem Zinkdach einer typischen Pariser Dachgeschosswohnung ein Ei. Seine Zubereitungsempfehlung: die Pfanne auf dem silbrig-gleißenden Vordach vorheizen, Ei rein, Käse darauf, fünf Minuten in der glühenden Sonne - fertig ist das "Ei nach Bauernart". Giraud lädt zum Schluss seines Reels noch alle ein, einen Abstecher ins Theater zu machen, denn das sei klimatisiert. Womit der Mann den Nerv der aktuell äußerst hitzig geführten Debatte getroffen hatte: den Kulturkampf um die Klimaanlage. Rechte spricht von "Klimatisierungsplan" Befeuert hat ihn der rechtsnationale Rassemblement National (RN). Die Partei um Fraktionschefin Marine Le Pen verspricht einen großen Klimatisierungsplan für den Fall, dass sie die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr gewinnt: Es sei doch "absurd", so Le Pen, die Menschen vor Hitze "sterben zu lassen". Und Parteichef Jordan Bardella veröffentlichte ein Reel auf seinem Instagram-Account, in dem er Frankreich Rückständigkeit bescheinigte. Es brauche keine "Ökologie aus der Steinzeit", sondern einen "großen Plan der Klimatisierung". Den hat die Partei jetzt rasch ausbuchstabiert. Bei einer Pressekonferenz kündigte sie an, dass sie - für den Fall, dass die Partei den nächsten Präsidenten oder die nächste Präsidentin stellen werde - 40 Milliarden Euro in die Klimatisierung des Landes investieren wolle. 20 Milliarden sollen in öffentliche Einrichtungen fließen, wobei Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Altenheime priorisiert werden. Weitere 20 Milliarden sollen den Privathaushalten als Null-Zins-Kredite zur Verfügung gestellt werden. Hitze als populäres Thema Der Rassemblement National hat hier sein Gespür für ein äußerst populäres Thema bewiesen: Wegen der enormen Hitzewelle sind in Frankreich Züge ausgefallen, ganze Landstriche ohne Strom geblieben; die Behörden haben bislang 1000 Hitze-Tote gezählt, mehrere Kinder sind qualvoll in Autos gestorben und die Zahl der Badetoten ist drastisch in die Höhe geschnellt. Die politischen Kontrahenten des Rassemblement National prangern eine opportunistische Wende an. Schließlich habe ausgerechnet der RN die Erkenntnisse des Weltklimarates immer wieder in Frage gestellt, habe Einsparungen bei Gebäudesanierung, Umweltverbänden und dem Schutz von Biodiversität gefordert und die Begrenzung der Flächenversiegelung abgelehnt. Die Partei weist diese Kritik von sich und erinnert an den großen Renovierungsplan, den sie bereits 2025 vorgestellt habe. Bloße passive Anpassungen an den Klimawandel reichten nicht aus, es brauche großflächig Klimatisierung. Andere Parteien in Zugzwang Dass der RN nun ernst macht und einen Finanzierungsplan seiner Klimatisierungsoffensive vorgelegt hat, bringt die anderen Parteien in Zugzwang: Regierungssprecherin Maud Bregeon erklärte im Fernsehsender France 2, die Regierung sei ja für Klimatisierung, und zwar überall da, wo es notwendig sei. Allein, das könne nicht die einzige Antwort auf den Klimawandel sein. Auch Grünenchefin Marine Tondelier versicherte, Klimatisierung sei für ihre Partei kein Tabu, doch individuell installierte Klimaanlagen heizten die Stadt nur noch mehr auf. Doch bei 40 Grad im Schatten ist es dem Rassemblement National ein Leichtes, die politischen Konkurrenten als Zauderer und Verbotsparteien hinzustellen. Dabei haben die Regierungen unter Präsident Emmanuel Macron in den vergangenen zehn Jahren einiges angestoßen, um das Land auf die stetig steigenden Temperaturen vorzubereiten: großflächig angelegte Gebäudesanierung, reduzierte Umsatzsteuer für Wärmepumpen, Anreize zur Elektrifizierung des Autos. Auch und gerade das seit über 25 Jahren sozialistisch geführte Rathaus von Paris setzt auf klimasensible Stadtplanung: Begrünung von Plätzen und Schulhöfen, mehr Fahrradwege, mehr Wasserspender. Klimaanlagen sind bestellt Frankreich hat außerdem nach dem heißen und im Nachhinein traumatischen Sommer 2003 mit insgesamt 15.000 Hitzetoten einen Hitze-Alarmplan entwickelt. Er sieht unter anderem Warnhinweise und Verhaltensempfehlungen vor, ambulante Pflegekräfte werden in Alarmbereitschaft versetzt und bei Stufe Rot - wie zuletzt - zieht der Premierminister die Koordination der Maßnahmen an sich. Und so hat Premier Sebastien Lecornu einen interministeriellen Krisenstab eingerichtet. Auch und gerade bei der Hitzebeständigkeit des Strom- und Bahnnetzes gibt es Verbesserungsbedarf. Und für die Krankenhäuser und Altenheime hat die Regierung eine Großbestellung aufgegeben: 30.000 Klimaanlagen - ein Anfang, aber nicht das Ende des Kulturkampfes.

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