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Hitzewellen: Gebäude und Mietrecht bisher nicht auf Klimaerwärmung vorbereitet

Wissenschaft

Stand: 04.07.2026 08:44 Uhr Trotz zunehmender Hitzewellen haben sich Vermieter und Politik bislang wenig mit der Wärmeentwicklung in Wohnungen befasst. In den Niederlanden hat ein Citizen-Science-Projekt das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. von Clemens Haug, MDR WISSEN Tomke Meyer und Cem Mutlu kennen sich zwar nicht, aber sie haben vieles gemeinsam: Beide leben unter dem Dach, beide können nicht viel Geld für ihre Miete ausgeben und beide sind gerade richtig froh, dass die jüngste Hitzewelle erst einmal vorüber ist. Mutlu wohnt in einem Haus aus der Nachkriegszeit im Essener Norden, Meyer in einem in den 1990er Jahren eilig sanierten Gründerzeitaltbau im Leipziger Süden. Beide Häuser wurden energetisch bisher nicht saniert, heizen sich im Sommer also stark auf und kühlen im Winter schnell aus. Hitzewelle in der Wohnung: Wenn Wohnen zur Belastung wird "In der letzten Woche war es hier im Haus permanent 30 Grad warm", erzählt Mutlu. In seinem Wohnzimmer hat er eine kleine Miniklimaanlage aufgestellt, einen sogenannten Monoblock, ein Geschenk seiner Mutter. Anders als sogenannte Splitgeräte benötigt diese Anlage kein Außenteil, das an der Gebäudewand montiert werden muss. Es genügt, einen Schlauch durch das Fenster zu führen und die Öffnung rundherum gut abzudichten. "Sie sorgt nicht dafür, dass es hier wirklich angenehm wird, aber immerhin geht die Luftfeuchtigkeit raus und ich werde von dem Ding angepustet", sagt er. Die Klimaanlage sei außerdem sehr laut. Mutlu schaltet sie nachts deshalb aus, aus Rücksicht auf die Nachbarn. Langfristig will er umziehen, statt weitere Sommer hier auszuhalten. "Das ist absolut nicht erträglich", sagt er. Tomke Meyer versucht mit ihrer Mitbewohnerin, so gut es geht, die Sonne draußen zu halten. Auf der einen Seite der Wohnung haben die Dachfenster Rollos. Zudem behilft sie sich damit, das Glas tagsüber mit großformatigen Zeitungen abzukleben. Allerdings hilft das nur bis zum Nachmittag. "Wenn dann die Sonne daraufknallt und die Temperaturen Höhepunkte erreichen, wie in den letzten Tagen, dann schmilzt der Klebstoff des Klebebands." Die Zeitung fällt herunter und es wird heiß. "Ich denke seit den fünf Jahren, die ich da lebe, jeden Sommer regelmäßig darüber nach, umzuziehen", bilanziert sie. Allein das Angebot bezahlbarer Wohnungen in Leipzig ist wie in fast allen Ballungsräumen ziemlich knapp. Wie vielen deutschen Mieterinnen und Mietern es vergangene Woche erging wie Tomke Meyer und Cem Mutlu, ist erstaunlicherweise unbekannt. "Uns fehlt bislang eine breite Datenlage: Wie viele Mieterinnen sind betroffen, bei welchen Gebäuden werden eigentlich welche Temperaturgrenzen überschritten und wie häufig passiert das", sagt Anna Wolff, Referentin für Wohnungs- und Mietenpolitik beim Deutschen Mieterbund. Das Unwissen von Behörden, Verbänden und Verbraucherschützern ist symptomatisch: In einer traditionell eher kühlen Region wie Deutschland sind lang anhaltende Hitzewellen mit tropischen Nächten über 20 Grad immer noch ein Novum. Im Winter haben Mieterinnen und Mieter einen rechtlichen Anspruch darauf, dass sie ihre Wohnung tagsüber auf mindestens 20 Grad heizen können. Andernfalls können sie unter anderem die Miete mindern. Eine Obergrenze für die Temperaturen gibt es dagegen nicht. Allenfalls haben Gerichte einigen Klägern die Möglichkeit zugesprochen, einen Mietvertrag fristlos zu kündigen, wenn die Bedingungen gar zu unerträglich wurden. Dabei zeigen Daten der europäischen Statistikbehörde Eurostat, dass sich das Verhältnis zwischen Heiz- und Kühlbedarf stark verschiebt. Die Tage, an denen es großen Heizbedarf gibt, nehmen kontinuierlich ab, dafür steigen die Tage mit Kühlungsbedarf stark an. Citizen Science macht Hitzestress in Wohnungen sichtbar In den Niederlanden macht die Öffentlichkeit aktuell einen ähnlichen Lernprozess durch. Nachdem Medienberichte über Hitzestress in Wohnungen 2021 ein enormes Echo ausgelöst hatten, starteten ein Verbund aus Hochschulen in Delft und Amsterdam, eine öffentlich-rechtliche Redaktion und die Stiftung Waag-Futurelab das Citizen-Science-Projekt "Thermo-Staat". Die Projektverantwortlichen gewannen rund 100 Bürgerinnen und Bürger als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in eigener Sache. Die Teilnehmer gehörten dabei zu drei Gruppen: Mieterinnen und Mieter von staatlich geförderten Sozialwohnungen, Bewohnerinnen privat vermieteter Wohnungen sowie Eigenheimbesitzerinnen und -besitzer. Das Ergebnis lieferte erstmals Daten zu den konkreten Auswirkungen der Hitzewellen auf die verschiedenen Gruppen. "Vorher war häufig zu hören: Das ist nur ein Problem von ein paar Einzelnen, die sich ständig beschweren", sagt Nehis Osage vom Waag-Futurelab. "Dadurch, dass wir den Menschen geholfen haben, ihre Situation mit validierten Daten sichtbar zu machen, und Experten das bestätigt haben, ist eine Debatte in Gang gekommen." Studie zeigt: Mieter leiden besonders unter Hitze Recht wenig überraschend, blieb es in den Eigentumswohnungen insgesamt am kühlsten. Sie verfügten häufig über außen liegende Verschattungsmöglichkeiten, und konnten also durch große Fensterläden oder Rollos verhindern, dass die Sonne die Räume hinter den Glasfenstern stark aufheizte. Während der Hitzewelle im September blieben die Durchschnittstemperaturen hier mit 24,9 Grad Celsius im Vergleich zu den anderen beiden Gruppen am geringsten. In den Sozialwohnungen stiegen die Durchschnittstemperaturen auf 25,3 Grad Celsius. Außen liegende Verschattungselemente gab es hier oft nicht. Am schlechtesten schnitt allerdings die Gruppe der Bewohner privater Mietwohnungen ab, hier stiegen die Temperaturen auf durchschnittlich 26,8 Grad. Das Team von Thermo-Staat sieht darin einen Hinweis darauf, dass private Vermieter bislang am wenigsten unternommen haben, um ihre Mieterinnen und Mieter vor der Hitze zu schützen, wenngleich diese Gruppe im Projekt mit nur vier Teilnehmenden sehr klein war. ARD Mediathek Hitzeschutz für Mieter: Wer trägt die Verantwortung? Dass Mieterinnen und Mieter im Nachteil sind, sieht aber auch Anna Wolff vom Deutschen Mieterbund. "Sie haben per se weniger Handlungsmöglichkeiten als Immobilieneigentümer, können nicht einfach eine Markise installieren und auch nicht das Gebäude isolieren." Hinzu kommt, dass sich nun an vielen Orten die autofreundliche Stadtplanung der Nachkriegszeit rächt. "Bis zu 70 Prozent der Bevölkerung von Großstädten sind Mieterinnen und Mieter", sagt Wolff. "Gerade dort, wo es viele verdichtete Flächen gibt, haben wir ein Hitzeschutzproblem." Es wärmt sich über den Tag auf. In der Nacht fehlen Frischluftschneisen und Grünflächen, die dazu beitragen, dass sich die Stadt wieder abkühlen kann." Eine Stadt umzubauen, ist allerdings ein langwieriger Prozess. "Es ist heiß. Da nützt mir Stadtplanung wenig, weil ich schnell eine Lösung brauche", sagt Clemens Felsmann, Professor für Gebäudeenergietechnik an der TU Dresden. Er hält den Ruf nach schnellen technischen Lösungen für nachvollziehbar, warnt zugleich aber vor hohen Stromkosten und unbeabsichtigten Schäden. Die können auftreten, wenn sich wie auf einem Glas mit einem kalten Getränk Kondenswasser an Stellen bildet, die man nicht sofort sieht. "Das macht sich manchmal erst über längere Zeiträume bemerkbar. Dann geht es aber an die sprichwörtliche Bausubstanz, und das will niemand haben: Schimmelpilzbildung und Bauschäden durch Auffeuchtungen." Gebäudeschutz gegen Hitze: Welche Lösungen helfen? Felsmann ist sich aber mit vielen anderen Experten einig: Baulicher Hitzeschutz ist notwendig. Dazu gehören neben passiven Methoden wie Verschattung und lichtfilterndem Fensterglas, auch Ansätze wie Klimaanlagen, vor allem dort, wo sich vulnerable Gruppen aufhalten, wie alte und kranke Menschen oder auch Kinder. Günstig seien dabei vor allem Geräte, die heizen und kühlen können, sagt Felsmann und verweist auf bestimmte Wärmepumpen. Die Verantwortung einseitig den Eigentümerinnen und Eigentümern zuzuschieben, davon hält Mieterschützerin Anna Wolff aber nichts. "Man kann die Vermieter nicht allein für den Hitzeschutz verantwortlich machen. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Thema und es wird entsprechende Förderungen brauchen."

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