„Höhle der Löwen“-Investorin Ensthaler: Start-up wird nicht besser, weil man Geld reinpumpt
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Berlin – Janna Ensthaler (41) kennt das Geschäft mit den Millionen. Die Unternehmerin und „Höhle der Löwen“-Investorin hat selbst mehrere Firmen gegründet und investiert in Start-ups. Jetzt geht sie mit den anderen Löwen in die 20. Jubiläumsstaffel (ab Montag, 7. September, um 20.15 Uhr bei Vox und jeweils eine Woche vorher bei RTL+) – und sieht bei schlauen Investments durchaus Parallelen zur Politik.
BILD: Frau Ensthaler, Sie investieren professionell. Wenn Deutschland ein Start-up wäre und Sie müssten heute entscheiden: Investieren oder Finger weg?
Janna Ensthaler: „Ich würde investieren – aber nur mit einem klaren Turnaround-Plan. Deutschland hat fantastische Assets: hervorragend ausgebildete Menschen, starke Unternehmen, Spitzenforschung und enormes Kapital. Wir haben kein Substanzproblem, wir haben ein Managementproblem. Der Staat ist zu teuer, zu langsam und zu kompliziert geworden. Als Investorin würde ich deshalb sagen: nicht abschreiben, sondern sanieren. Weniger Bürokratie, schnellere Entscheidungen, klare, messbare Ziele. Und ich würde sogar noch weitergehen: Wir Deutschen sollten anfangen, Deutschland als TINA-Investment zu begreifen – ‚There Is No Alternative‘“.
Was genau bedeutet das?
Ensthaler: „In der Finanzwelt beschreibt TINA ein Investment, zu dem es keine attraktive Alternative gibt. Für uns geht es aber um viel mehr als Rendite: Deutschland ist kein Start-up, das wir verkaufen, wenn es schlecht läuft. Es ist unsere Heimat und das Land, das wir unseren Kindern hinterlassen. Deshalb: Deutschland ist ein Turnaround-Investment, aus dem wir nicht aussteigen. There is no alternative.“
Was würde in Ihrem Deutschland-Investment-Memo stehen? „Management unfähig“? „Produkt gut, Kostenstruktur katastrophal“?
Ensthaler: „Ja, ungefähr das. Genau genommen würde in meinem Investment-Memo stehen: Management im besten Falle überfordert, Kostenstruktur katastrophal, Prozesse viel zu komplex – Turnaround dringend erforderlich. Wir haben uns einen Staat gebaut, der immer teurer wird und gleichzeitig bei seinen Kernaufgaben immer weniger liefert. In jedem Unternehmen wäre das ein Alarmsignal. Dann würde man Prozesse vereinfachen, Verantwortlichkeiten klären, Kosten senken und vor allem anfangen, Ergebnisse zu messen. Denn kein Investor würde akzeptieren, dass immer mehr Kapital eingesetzt wird, ohne zu fragen, was dabei eigentlich herauskommt.“
Was wäre Ihre erste Kündigung im deutschen Staat?
Ensthaler: „Es ist eher eine Denkweise, die ich sofort kündigen würde. Der Staat erhebt sich im Moment über den Bürger und behandelt ihn zu oft wie ein unfähiges Kind, das man kontrollieren muss. Ganz vergessen hat er dabei, dass der Bürger den Staat finanziert – und zwar mit höheren Abgaben als in vielen anderen Ländern. Ein guter Staat macht seine Bürger nicht kleiner. Er verwaltet nicht zum Selbstzweck und drangsaliert seine Bürger nicht mit unnötigen Verboten und jahrelangen Genehmigungsverfahren. Und er versucht nicht, seinen Bürgern vorzuschreiben, welche legalen Meinungen gesellschaftlich erwünscht sind. Ein guter Staat schafft Bedingungen, unter denen Bürger selbstständig vermögend, sicher und frei sein können. Er versteht sich als Dienstleister. Denn die Aufgabe, das Schicksal eines Landes mitzugestalten, müsste unter guter Führung demütig machen – nicht arrogant.“
Welches Ministerium würden Sie schließen?
Ensthaler: „Ich würde zunächst prüfen, welche Ministerien wir zusammenlegen können. Ein Kandidat wäre für mich das Entwicklungsministerium. Nicht, weil ich Entwicklungszusammenarbeit grundsätzlich abschaffen würde. Aber ich sehe nicht, warum wir dafür zwingend ein eigenes Ministerium brauchen. Und vor allem würde ich jeden einzelnen Fördereuro einem einfachen Test unterziehen: Erzielt das Projekt nachweisbar Wirkung oder dient es einem klaren strategischen Interesse Deutschlands? Wenn die Antwort auf beides ‚Nein‘ lautet, sollte der Staat es nicht finanzieren.“
Ist der Staatsapparat aus Ihrer Sicht zu groß?
Ensthaler: „Ja. Insgesamt ist unser Staatsapparat zu groß und zu ineffizient geworden. Mittlerweile arbeiten rund 5,4 Millionen Menschen im öffentlichen Dienst – fast jeder achte Erwerbstätige in Deutschland. Zum Vergleich: Deutschland hat eine Staatsquote von rund 50 Prozent des BIP, die Schweiz von rund 32 Prozent. Und gleichzeitig erleben die Bürger einen Staat, der bei Genehmigungen, Digitalisierung oder Infrastruktur häufig zu langsam ist. Das ist für mich das eigentliche Problem: Wir haben nicht zu wenig Staat. Wir haben zu viel Staat an den falschen Stellen und zu wenig Leistung an den richtigen.“
Welche Staatsleistung würden Sie streichen?
Ensthaler: „Die Subvention von Stillstand. Der deutsche Staat gibt zu viel Geld dafür aus, bestehende Strukturen künstlich am Leben zu halten – und zu wenig für unsere Zukunft. Ich würde deshalb jede Subvention einem einfachen Test unterziehen: Macht sie Deutschland in zehn Jahren produktiver, innovativer oder sicherer? Wenn nicht, gehört sie auf den Prüfstand. Der Staat sollte Zukunft ermöglichen, nicht Vergangenheit finanzieren.“
Und wie viel Geld würden Sie dem Staat geben, wenn er heute bei Ihnen um eine Finanzierungsrunde bittet?
Ensthaler: „Wenn Deutschland ein Unternehmen wäre? Mit dieser Führung: keinen Euro. Aber Heimat ist kein Investment, aus dem man einfach aussteigt, wenn die Zahlen nicht stimmen. Deshalb würde ich einen Vorschlag für eine neue Führungsmannschaft verlangen. Denn an der Substanz gibt es keinen Zweifel: Deutschland hat Potenzial. Das ist kein leerer Satz. Diesen Sommer allein habe ich das wieder von extrem erfolgreichen Unternehmern aus den USA und Griechenland gehört: ‚Deutschland hat kein Wirtschaftsproblem, Deutschland hat ein Regierungsproblem.‘ Aber auch das beste Unternehmen ist ohne eine leistungsfähige Führung nicht investierbar.“
Letzte Frage: Ihre persönlichen Highlights der neuen Staffel?