„Holger, ich halte es nicht mehr aus“: Windrad raubt Anwohnern den Schlaf
Startseite Deutschland „Ich halte es nicht mehr aus“: Windrad raubt Anwohnern den Schlaf – und wird nun zurückgebaut Von: Jennifer Lanzinger Uns auf Google folgen Es sollte zur Einnahmequelle werden und ließ Einwohner verzweifeln. Nach jahrelangem Kampf wird ein Windrad nun zurückgebaut. Oberwiera – Es galt seinerzeit als höchstes Windrad Sachsens und sollte rechnerisch bis zu 5.000 Privathaushalte mit Strom versorgen. Doch nun soll das Windrad in Oberwiera im Landkreis Zwickau abgerissen. Es dürfte ein wohl einmaliger Vorgang bundesweit sein. Einwohner haben lange gegen die 10 Millionen teure Anlage gekämpft, mit Erfolg. Das Windrad in Oberwiera sollte eine neue Einnahmequelle sein, doch vielen Einwohnern raubte es den Schlaf. „Holger, ich halte es nicht mehr aus“, hätte Holger Quellmalz, ehrenamtlicher Bürgermeister von Oberwiera im Landkreis Zwickau, zu Hören bekommen. Einwohner hatten ihn verzweifelt beiseitegenommen und ihr Leid geklagt. „Wir haben keine Industrie. Unser größter Gewerbesteuerzahler ist die Agrargenossenschaft“, erklärt der CDU-Politiker. Und so keimte die Hoffnung auf die neue Einnahmequelle, zumal der Betreiber dort ebenfalls wohne. Einwohner zeigen sich nach Errichtung von Windrad verzweifelt Mit einer Nabenhöhe von 169 Metern galt es seinerzeit als höchstes Windrad Sachsens, sollte rechnerisch bis zu 5.000 Privathaushalte mit Strom versorgen. Ein Zweites baugleichen Typs sollte später hinzukommen. Doch der Wind hat sich in dem Dorf mit gut 1.000 Einwohnern spürbar gedreht. Solche Vorhaben seien hier nicht mehr mehrheitsfähig, konstatiert Quellmalz. Seit Ende 2023 erhitzt das Windrad die Gemüter bereits und raubt so manchem Einwohner den Schlaf. Holger Quellmalz habe sich ein Bild von den Geräuschen gemacht. Er sei nachts, wenn andere Geräuschquellen verstummt sind, im Dorf spazieren gegangen. Dann habe auch er „diese Geräusche deutlich wahrgenommen“. Er spricht von einem dauerhaften Brummen. „Es klingt, wie wenn man aus einem Flugzeug steigt und die Turbine läuft noch.“ Und den Geräuschen ist offenbar nicht einmal bei geschlossenen Fenstern zu entkommen. Eine 34-Jährige aus dem Dorf berichtet, dass die Geräusche „einen wahnsinnig gemacht“ haben. 2021 sei sie mit ihrem Mann zugezogen, gemeinsam hätten die beiden ein Haus gebaut. Das Windrad wurde kurze Zeit später in gut 1000 Metern Entfernung errichtet. Sie sei keine „Windrad-Gegnerin“, doch sei der Brummton selbst bei geschlossenen Fenstern im Obergeschoss ihres Hauses zu hören. „Man muss sich das vorstellen, wie wenn die ganze Zeit ein Flugzeug über einem kreist. Alle Mühen haben keine Erleichterung gebracht Um Abhilfe zu schaffen, wurden verschiedene Optionen probiert: von der Abschaltung nachts bis zum aufwendigen Wechsel des Getriebes per Kran. Doch wirkliche Abhilfe hat all das nicht gebracht. Der Betreiber habe vieles versucht, betont die 34-Jährige anerkennend. Dagegen fühlten sich Bürger von der zuständigen Behörde im Landratsamt im Stich gelassen. Sie habe trotz der fortdauernden Beschwerden nach dem Getriebetausch eine vollumfängliche Betriebsfreigabe erteilt, erklärt die Anwohnerin und macht aus ihrem Unverständnis darüber keinen Hehl. Windrad-Hersteller Vestas führt die Probleme auf Anfrage der dpa auf „eine einmalige Kombination standortspezifischer Rahmenbedingungen und anlagenspezifischer Charakteristika“ zurück. Brummgeräusche von Windrädern sind selten Laut Bundesverband Windenergie (BWE) wurden voriges Jahr in Deutschland 958 Windenergieanlagen an Land neu in Betrieb genommen und 456 stillgelegt. Damit liefern inzwischen mehr als 29.200 Windräder Strom. Beschwerden über störende Geräusche seien dabei sehr selten, heißt es. Die weit überwiegende Zahl der Windenergieanlagen laufe über viele Jahre hinweg ohne Auffälligkeiten. Die Akzeptanz in der Bevölkerung hat laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Fachagentur Wind und Solar zwar zuletzt etwas abgenommen. 69 Prozent der Bevölkerung stehen dem Ausbau der Windkraft aber positiv gegenüber. „Hörbare, tieffrequente Brummgeräusche von Windrädern gibt es, aber sie sind selten“, erläutert Professorin Gundula Hübner von der Universität Halle-Wittenberg. Die Umweltpsychologin forscht zur Akzeptanz von Windenergie und der Wirkung von Geräuschen auf Anwohnerinnen und Anwohner. Dazu gebe es Studien an unterschiedlichen Orten. Doch habe es stets nur wenige Menschen gegeben, die unter Stressreaktionen wie Einschlaf- und Konzentrationsproblemen oder auch schlechter Laune litten. Rückbau des Windrads soll schon bald beginnen Die Betroffenen in Oberwiera in Sachsen sind kurz vor dem Ziel. Mitte Juli soll der Rückbau beginnen, bestätigt Unternehmer Andreas Berger. Man habe sich einvernehmlich mit dem Anlagenbetreiber geeinigt, heißt es auch bei Vestas. Die Frage nach den Kosten bleibt unbeantwortet. Berger stellt klar, dass dafür keine Steuergelder fließen. Rechtlich möglich wäre es, an dem Standort ein neues Windrad zu bauen, sagt er. Derzeit sei das aber nicht geplant. Der Abriss ist offensichtlich einmalig in Deutschland. Dem Branchenverband BWE sind keine vergleichbaren Fälle bekannt, in denen ein Windrad aus diesem Grund komplett zurückgebaut wurde, wie ein Sprecher auf Anfrage erklärt. Doch der lange Kampf der Anwohner wirkt nach. „Ich möchte kein Windrad mehr in Oberwiera“, sagt Bürgermeister Quellmalz. Dabei habe man noch Glück, dass der Betreiber im Ort wohne und kein ferner Finanzinvestor sei. Die Gemeinde wehrt sich nun nicht nur gegen das ursprünglich geplante zweite Windrad. Der Ortschef kramt eine Karte hervor. Er zeigt auf zwei farbige Flecken. Dort sehe der neue Regionalplan weitere Standorte für Windräder vor. Dagegen kündigt er Widerstand an - notfalls auch mit juristischen Mitteln.