Homburg: Christian Streich erzählt Beckenbauer-Anekdote
So viele Leute seien wohl noch nie bei einer Lesung der HomBuch gewesen, meinte Festivalleiter Hans-Joachim Burgardt erfreut, als er auf die voll besetzte Tribüne des Homburger Waldstadions blickte. Möglich gemacht hatte diesen Erfolg einer der großen Sympathieträger im deutschen Fußball, der langjährige Bundesligatrainer Christian Streich. Ihn in dieses Stadion zu locken wäre wohl nicht jedem Veranstalter an jedem Ort gelungen.
Aber: Streich verbindet etwas damit, schließlich trug er zwei Jahre lang das Trikot des FC Homburg. Unter anderem jenes legendäre mit der verbotenen Kondom-Werbung. Sogar in die Bundesliga stieg er 1989 auf mit den Grün-Weißen, wo er dann zu zehn Einsätzen kam. „Einer Ihrer größten Erfolge“, meinte im Scherz Streichs Gesprächspartner an jenem Abend, der SR-Sportreporter Thomas Wollscheid.
Denn Streichs eigentliche und überaus erfolgreiche Karriere fand erst im Trainergeschäft statt: Zwölf Jahre lang trainierte er seinen Herzens-Club, den SC Freiburg. Und weil er dort in Interviews und Pressekonferenzen häufig überraschende und schlagfertige Aussagen tätigte, oft auch über den Tellerrand des Fußballgeschehens hinaus, erarbeitete sich der Südbadener mitsamt dem alemannischen Dialekt einen gewissen Kultstatus. Bei der Fußballweltmeisterschaft im Sommer fungierte er dann als Experte und Kommentator des ZDF.
Streich macht im Gegensatz zu manchen Protagonisten des Fußballgeschäfts einen intellektuelleren Eindruck. Kein Wunder also, dass er auch bei einem Lesefestival wie der HomBuch eine gute Figur abgab. Gut, das erste seiner Lieblingsbücher, „Elf Freunde müsst ihr sein“ von Sammy Drechsel, konnte man bei einem Fußballverrückten wie ihm erwarten.
Das „Welt-Epos Moby Dick“, wie Streich es nannte, gehört dagegen zu jener Literatur, die Mario Basler und Stefan Effenberg eher nicht auf dem Nachttisch liegen haben. Der schwere Wälzer von Herman Melville aus dem Jahre 1851, in dem der auf Rache sinnende Kapitän Ahab Jagd nach Moby Dick, dem weißen Wal macht, hat durchaus etwas mit der Situation von Trainer und Mannschaft zu tun: Streich las nicht jene Passage, in der sich Ahab seiner Mannschaft stellt und ihr klarmacht, dass das anstehende Match gewonnen werden muss – nein, natürlich nicht, sondern dass Moby Dick erlegt werden muss.
Wollscheid bezog die Passage eher auf die Politik – sicher lässt sich Kapitän Ahab mit so manchem dem Wahnsinn nahen Präsidenten vergleichen. Das griff Streich auf, um scharfe Kritik an Putin, Trump und der AfD zu üben. Dann wiederum kehrte der Humor zurück ins Waldstadion: Zum einen, weil der Trainer sich fragte, wieso er als „anders“ bezeichnet wurde, weil er immer mit dem Fahrrad die 1,3 Kilometer ins Stadion fuhr – das müsste man doch eigentlich umgekehrt sehen. „Alle, die das mit dem Auto machen, fand ich so befremdlich und anders“, sagte er.
„Wird es den Trainer Christian Streich noch einmal geben?“, fragte Wollscheid anschließend. „Ich weiß es nicht, weil ich nicht so weit denke. Ich vermute eher nicht“, lautete die Antwort.
Auf eine wunderbare Anekdote musste der Moderator seinen Gast noch unbedingt ansprechen, Streich erzählte sie gerne. Er sei nie vor Fernsehauftritten in die Maske gegangen – bis da einmal Franz Beckenbauer neben ihm stand. Auf Streichs Widerworte habe der Kaiser einfach seine Worte wiederholt: „Jetzt gehst du in die Maske.“ Worauf dem Trainer keine Wahl mehr blieb: „Da bin ich sofort gegangen.“