Homosexualität als Sünde Nmecha im Netzwerk radikaler Christen?
Aus im Sechzehntelfinale. Gegen Paraguay. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft mal wieder am Boden, zum dritten Mal nacheinander bei einer Weltmeisterschaft. Felix Nmecha erlebt das verlorene Elfmeterschießen an der Seitenlinie. Schon nach der ersten Halbzeit war er ausgewechselt worden. Nmecha sieht als Randfigur, wie Jonathan Tah einen Elfmeter über das Tor schießt. Eine Kampagne beginnt in der sechsten Minute Beim Auftakt hatten die beiden noch im Mittelpunkt des Mittelkreises gestanden. Mit vier Spielern des Gegners Curaçao beteten sie Arm in Arm. Die Bilder erreichten Milliarden Menschen auf allen Kanälen. "Wir glauben alle, dass Jesus verherrlicht wird durch das Spiel", sagte Nmecha in einem Interview mit der Sportschau. In seinen Erzählungen klang es nach einer spontanen Aktion, genau wie zuvor der Jubel nach seinem Tor in der sechsten Minute. Nachdem es so traumhaft für die deutsche Mannschaft und ihn begonnen hatte, nahm Nmecha symbolisch eine unsichtbare Krone von seinem Kopf und legte sie vor sich auf den Rasen. DFB-Präsident spricht von "Menschlichkeit" und "Respekt" Das Beten von Nmecha kommentierte Bernd Neuendorf, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), in einem Interview mit "Sky/RTL": "Die Intention, die er damit verfolgt, die ist ja positiv. Nämlich, dass man über das Fußballspielen hinaus für bestimmte Dinge steht, für Menschlichkeit, für Respekt." Recherchen des ARD-Politikmagazins MONITOR und der Sportschau zeigen, dass die Aktionen offenbar nicht spontan, sondern geplant waren. Denn mit seinem Torjubel warb Felix Nmecha auf der größten Bühne, die der Sport zu bieten hat, für eine spezielle Kampagne: "The King’s Return", die Rückkehr des Königs. Nmecha selbst postete seinen Torjubel online mit dem Hashtag dieser Kampagne. "The King's Return" ist nach eigener Aussage eine "von Spielern getragene Bewegung während der gesamten Weltmeisterschaft mit einer Botschaft: Jesus kommt wieder." Netzwerk von evangelikalen Christen Hinter dieser Kampagne steht die Organisation "Ballers in God". Felix Nmecha und viele andere durchaus prominente Fußballer aus vielen Nationen unterstützen die Organisation und damit ein Netzwerk, dem es offenbar auch um Missionierung geht und um die Verbreitung radikaler Ansichten. Denn für die Kampagne zur WM gibt es auch eine eigene Webseite. Auf der Homepage von "The King's Return", auf der das Foto des Gebetskreises mit Nmecha zu sehen ist, wird angeboten, "mit echten Menschen zu chatten", um Beratungen zu erhalten, die auf den vermeintlich rechten Weg führen sollen - auf den Weg zu Jesus. Der Link führt zur Organisation Groundwire in den USA, die eine Art Lebensberatung anbietet. Abtreibungen? "Leider legal" und "Satans Plan" MONITOR-Reporter chatteten dort stundenlang, unter verschiedenen Pseudonymen. Etwa als junger Mann, der angibt, nur muslimische Freunde zu haben. Die Chatpartnerin legt nahe, sich zwischen Gott und den Freunden "entscheiden zu müssen". Auf die Frage einer vermeintlich 17-Jährigen, die ungewollt schwanger wurde, schreibt man, dass Abtreibungen "leider legal" seien: "Abtreibung ist Satans Plan, um das, was Gott gehört, zu 'töten, zu stehlen und zu zerstören'." Es gelang den Reportern auch, Zugang zur "ChatTranskriptbibliothek" zu bekommen, einen Leitfaden für die Unterhaltungen im digitalen Raum. Dort findet sich ein Beispiel-Dialog mit einem Mädchen, das fragt, ob es eine Sünde sei, lesbisch zu sein. "Ja", ist die Antwort. Im weiteren Verlauf des Musterchats heißt es: "Jesus hat die Macht, uns von innen und außen zu verändern. Er nimmt all unseren Mist weg und macht uns neu." Als das Mädchen dann schreibt, dass die Mutter Verständnis für sie habe, antwortet der Chatpartner: "Schande über Deine Mutter." Für den Theologen Wolfgang Palaver sind diese Chats Ausdruck eines radikalen Weltbilds: "Es ist problematisch, weil es von einem Schwarz-Weiß-Denken ausgeht." Es gehe darum, "das eigene Christentum, die eigene Religiosität in Kontrast zu einer verlorenen, säkularen, völlig gescheiterten Welt darzustellen". BVB: "Erwarten klare Ablehnung jeder Form von Diskriminierung" MONITOR und die Sportschau baten Felix Nmecha, den DFB und "Ballers in God" um eine Stellungnahme zu den Recherchen. Die Anfragen wurden abgelehnt oder nicht beantwortet. Nmechas Verein Borussia Dortmund teilte schriftlich mit: "Wie Mitarbeitende ihren persönlichen Glauben ausüben, ist grundsätzlich Teil ihrer Privatsphäre. (...) Gleichzeitig erwarten wir von allen Mitarbeitenden, dass ihr Verhalten mit den gesetzlichen Vorgaben und den Grundwerten von Borussia Dortmund vereinbar ist. Dazu zählen insbesondere Respekt, Vielfalt, Gleichberechtigung und die klare Ablehnung jeder Form von Diskriminierung." Fanproteste gegen Verpflichtung Schon bevor Borussia Dortmund Nmecha 2023 vom VfL Wolfsburg verpflichtete, hatte es Proteste von Fans gegeben. Der Profi habe unter anderem Inhalte in sozialen Netzwerken geteilt und gelikt, die homophob seien und daher gegen den Grundwerte-Kodex des Vereins verstießen. Hochrangige Vereinsvertreter wie Hans-Joachim Watzke, einer der mächtigsten Funktionäre im deutschen Fußball, baten Nmecha zu einem Gespräch. Kurze Zeit später verpflichteten sie ihn.