Hubertus Heil bei Lanz: Gardinenpredigt aus Gifhorn
Eigentlich wollten wir den Abend ja mit Sandra Maischberger verbringen. Denn dort war Elif Eralp angekündigt, die SED/Linke-Chefin aus Berlin, die möglicherweise neue Regierende Bürgermeisterin wird und gerade immer tiefer in einem Sumpf aus Antisemitismus, Clans und Organisierter Kriminalität versinkt.
Doch nachdem tagsüber bekannt wurde, dass sie sogar selbst Mitglied in einem linksextremen Verein (Rote Hilfe“) war, hat sie offenbar kurzfristig abgesagt. Für sie springt plötzlich „Mister Unwissend“ Jan van Aken ein, dessen Auftritt vor einer Woche bei Lanz uns noch immer in den Knochen steckt. Da war er völlig überrascht, um welche Schwerverbrecher es sich bei den Clan-Kumpels seiner Parteifreunde eigentlich handelt.
Also schnell umschalten ins ZDF. Leider auch keine gute Idee.
Denn hier lauert Hubertus Heil. Markus Lanz setzt den alten SPD-Recken überraschenderweise als neue Lichtgestalt in Szene. Ausgerechnet Hubertus Heil. Warum nur? Er war bis 2025 mehr als sieben Jahre lang Arbeitsminister. Kaum einer steht so sinnbildlich für das deutsche Rentenproblem wie er. Und für eine komplett aus den Fugen geratene Agentur für Arbeit, die vermutlich mehr Leute beschäftigt als vermittelt.
Doch Heil hat sich in den vergangenen Tagen mit ein paar parteikritischen Tönen in die Öffentlichkeit gedrängt. Die Partei wirke „erstarrt“ und müsse wieder klarmachen, „was unsere Ziele sind, wofür wir brennen“. Grund genug offenbar für Lanz, ihn nun als Heilsbringer zu inszenieren. Er darf auf Platz Eins (direkt neben dem Moderator) sitzen und über die Zukunft der SPD schwadronieren. Er darf erzählen, wofür er nach Kräften „kämpfen“ will und wofür seine Partei zu stehen hat. Für das Gute nämlich, die hart arbeitende Mitte, auch wenn er diesen Begriff hasse, ja ja, denn das sei eine „ausgelutschte Floskel“.
Er will sich dafür einsetzen, dass Menschen, die einem normalen Beruf nachgehen und keine akademische Laufbahn vorweisen können, wieder „mehr gesehen werden“. Was das denn heißen soll, fragt Lanz, „gesehen werden“. Nichts gegen Studierte, sagt Heil, aber „wir haben den Wert der beruflichen Ausbildung unterschätzt“. Der Nation redet er kanzlergleich ins Gewissen: „Wir sind zu lethargisch in Deutschland, deshalb melde ich mich zu Wort“. Doch bevor am Ende noch dem mauligen Merz die Ohren klingen, schiebt er schnell hinterher, er, der Heil, er habe „eine Vision, für die ich kämpfen will“. Auch schön: sein Hinweis: „Ich bin kein Stein.“ Dieses Melancholie-Moment spielt er aus, sobald es um eigene Fehler geht, die er zwar hat, aber nicht so schlimm, und überhaupt. Fehler „haben wir alle gemacht“.
Lanz kann gar nicht so gut auf das Gesäusel. Die Masche der wohltemperierten Kollegenkritik, gemixt mit unermüdlicher Selbstbeweihräucherung (Heil erwähnt zweimal, dass er seinen Wahlkreis Peine/Gifhorn achtmal in Folge direkt gewonnen hat) geht dem Moderator gehörig gegen den Strich. Während der wohlgenährte Genosse durch seine strahlenden Rhetorik-Ländereien galoppiert, bemängelt Lanz mehrfach die Floskeldichte in den Laber-Latifundien. Doch Hubertus hoch zu Ross ist einfach nicht zu stoppen. Bisweilen gerät er sogar ins Flüstern, und wenn er auf die ungläubige Wirtschaftsjournalistin Ursula Weidenfeld einpredigt, die es wagt, dem Heiland zu widersprechen, dann faltet er sogar die ganze Zeit die Hände, während er zu ihr hinabspricht.
Das Allerbeste: Er kann seinem Auftritt selbst nicht widerstehen. Ständig schaut er nach oben, dorthin, wo im TV-Studio die Monitore für die Gäste hängen. Feist und selbstverliebt beobachtet sich der Gifhorner Guru dann, wie er die SPD wieder zu altem Glanze salbadert.
Heils romantische Attitüde wirkt überzogen und unglaubwürdig. Lanz kontert: Nach 20 Jahren an der Macht „hätte einem das doch mal früher einfallen müssen“. „Die SPD war mal eine Partei für ein Aufstiegsversprechen“, doch die Zeit sei lange vorbei. „In dem Moment, wo es einer irgendwie nach oben schafft“, komme Parteichef Lars Klingbeil und „redet von Rolex und Porsche“, die es den Leuten wegzunehmen gelte.
Heil lässt den Kollegen mit dem Job, den er offenbar selbst gern hätte, bewusst im Regen stehen: „Den Satz werden Sie von mir nicht hören, weil ich kein neidischer Mensch bin.“ Auch der Co-Parteichefin Bärbel Bas schießt er gezielt ins Bein. Zum Thema Rentenreform sagt er: „Ich finde es falsch, ein Kommisionsergebnis als Gesamtkunstwerk zu bezeichnen.“
Schließlich versucht er sich noch als Amateur-Philosoph, leider vergeblich. Heil: „Der Satz ‚Jeder ist seines Glückes Schmied‘ stimmt ja auch nicht. Nicht jeder Schmied hat Glück.“ Lanz entgegnet, halb fragend, halbtrocken: „Das sagt dieser Satz ja auch nicht.“
Der Abend macht klar: Heißluft-Heil ist voll und ganz SPD. Sollte er tatsächlich Partei-Chef werden, dürfte die AfD noch weiter zulegen und die SPD die Fünf-Prozent-Hürde von unten sehen. Er erweist sich als leerer Verteidiger einer ehemaligen Volkspartei, die ihre Wähler in Scharen verliert, weil sie genau jene Politik macht, die er bejammert. Seine Ambitionen auf höhere Weihen kann er an diesem Abend nicht beflügeln, nur begraben. Die Kommentare in den sozialen Netzwerken reichen bereits während der Sendung von Bissigkeit bei den Gegnern bis Fatalismus bei den Fans. Kernkritik: Blabla statt Substanz.
Und in der Tat: Handfeste Information kann man in Heils Beiträgen lange suchen. Die einzig interessante Behauptung: Volkswagen habe den Standort Osnabrück bereits verkauft. Bisher war nur bekannt, dass VW, das Land Niedersachsen und der israelische Investor Aurelius Capital Eckpunkte für den möglichen Verkauf der Volkswagen Osnabrück GmbH vereinbart hätten. Heil weiß offenbar mehr.
Wirtschaftsjournalistin Weidenfeld und auch ihr Kollege Marc-Felix Serrao (Global Reporter bei Axel Springer) zerlegen Heils politische Selbstinszenierung. Doch wenn Weidenfeld vorrechnet, dass jährlich 300.000 „gut ausgebildete Leute“ aus Deutschland auswandern, dann antwortet Heil allen Ernstes: „Das ist Globalisierung.“ Serrao versucht es grundsätzlicher: „Das ist mir an Fehleranalyse zu wenig.“ Millionen Migranten aus Ländern, in denen schon lange kein Krieg mehr herrscht, von Afghanistan bis Syrien, müssten noch immer von deutschen Beitragszahlern durchfinanziert werden. „Das können Sie keinem mehr vermitteln“, sagt Serrao.
Heil hat darauf nichts zu erwidern, höchstens Parolen wie „Wir dürfen die leidenschaftliche Überzeugung nicht den Rechtsradikalen überlassen“ oder „Ja ja, die SPD ist an allem Schuld, auch am schlechten Wetter.“
Ein fataler Abend also bei Lanz, doch den Zuschauern bei Maischberger ergeht es nicht besser. Dort feiert die Doppelmoral fröhliche Urständ. Zum einen darf die Taz-Kommunistin Ulrike Herrmann alle Clan-Verstrickungen und den offenen Antisemitismus der SED/Die Linke kleinreden: „Die Linke ist eine demokratische Partei“, behauptet sie. Und Jan van Aken, der sich bei der AfD-Verteufelung stets auf den Verfassungsschutz beruft, ist plötzlich ganz anderer Meinung. Als es um die SED/Die Linke geht, sagt er ohne rot zu werden: „Was der Verfassungsschutz sagt, ist mir herzlich egal.“
Glanzleistung also, in der ARD wie im ZDF. Der ÖRR ist nicht reformierbar.