„Ich bin ehrlich, ich schlafe nicht mehr“: Was die Kriegsjahre mit Selenskyj gemacht haben
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat in einem Interview mit dem Podcast „Diary of a CEO“ Einblick in sein Seelenleben angesichts des anhaltenden Angriffskriegs gegen sein Land durch Russland gegeben.
Auf die Einstiegsfrage, wie es ihm gehe, sagte Selenskyj: „Es ist schwer, weil ich gemeinsam mit meinem Land und den Menschen versuche, zu überleben. Ich bin mir der schwierigen Realität bewusst und bewahre mir zugleich meinen Optimismus. Denn ich glaube nach wie vor daran, dass das Gute siegt. Daran glaube ich wirklich.“
Selenskyj betonte, dass andere Ukrainerinnen und Ukrainer noch viel schlimmere Dinge durchmachen müssten als er. „Wir wissen, wie es ist, zu leben, wenn es keine Sirenen, keinen Beschuss und Ähnliches gibt. Doch es gibt Kinder, die jede Nacht in den Luftschutzkeller gehen, wenn der Alarm ertönt. Es gibt Kinder, die noch nie erlebt haben, was Frieden ist“, sagte Selenskyj.
Selenskyj erklärte, er könne nicht mehr schlafen. Auch optisch ist er sichtlich gealtert – das zeigt ein Vergleich von Fotos aus den Jahren 2019 und 2026 (siehe Bild oben). „Jeden Abend spreche ich mit unseren Leuten von der Flugabwehr. Es ist ein ständiger Austausch, der einen nicht schlafen lässt“, sagte Selenskyj. Bereits zu Jahresbeginn hatte CNN berichtet, dass der ukrainische Präsident seinen Arbeitstag in der Regel zwischen drei und vier Uhr morgens beginne und große Mengen an Kaffee trinke.
Die Verleihungen von Heldenorden beschrieb Selenskyj als psychologisch am härtesten. „Wenn ich diese Auszeichnung an Eltern überreiche, die ein Kind verloren haben, die als Soldaten dienten, dann habe ich das Gefühl, dass ich in diesem Moment gewissermaßen selbst aufhöre zu existieren. Es ist nicht nur Schmerz – es ist etwas Schreckliches“, sagte Selenskyj.
Er habe großen Respekt vor diesen Momenten, könne sie aber kaum ertragen. „Stellen Sie sich vor, Sie überreichen einem Vater eine Auszeichnung. Sie spüren seine kräftige Hand; er ist ein starker Mann. Sie spüren diese kräftige Hand, und er fragt Sie ganz leise: ‘Dürfen wir uns umarmen?’“, sagte Selenskyj.
Während Selenskyj dies im Podcast erzählt, kommen ihm Tränen in die Augen. „Ich bin ein Mensch. Ich schäme mich nicht dafür, wer ich bin. Ich bin nicht der stärkste Mann der Welt. Ich versuche, ein Vorbild zu sein, aber ich bin definitiv kein perfekter Mensch“, so Selenskyj.
„Ich muss für meine Kinder ein Vorbild sein“
Stärke ziehe er vor allem aus seiner Rolle als Vater: „Ich muss für meine Kinder ein Vorbild sein. Es gibt einen richtigen Weg und einen falschen – und man muss als Vorbild vorangehen. Sei stark, sei so mutig wie nur möglich, aber verleugne den Schmerz nicht, wenn du ihn spürst. Meine Kinder helfen mir dabei, mit beiden Beinen fest auf dem Boden zu bleiben – sehr sogar. Ich möchte ein Vorbild sein. Ich möchte, dass sie stolz auf mich sind.“
Sein Leben und seine Arbeit als Präsident hätten sich mit dem 24. Februar 2022, dem Tag des russischen Angriffs auf die Ukraine, zu „100 Prozent“ verändert. „Es ist einfach ein anderes Leben. Alles ist anders“, sagte Selenskyj. Er erzählte auch noch mal, wie US-Präsident Joe Biden ihm damals am Tag des Kriegsbeginns angeboten hatte, ihn aus Kyjiw zu evakuieren. Selenskyj antwortete darauf: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“
Die Ukraine in dieser Situation als Präsident zu verlassen, wäre aus seiner Sicht Verrat gewesen. „An meinem menschlichen Anstand und an der Verfassung der Ukraine. Ich traf die Entscheidung, ständig zu kommunizieren und mich immer wieder an die Menschen zu wenden, damit sie sehen konnten, dass ich in meinem Büro war“, sagte er. Viele Militärangehörige hätten ihm später gesagt, dass ihnen das viel bedeutet habe.
Angst habe er damals nicht gehabt, dafür sei schlicht keine Zeit gewesen. „Es ging darum, absolut fokussiert auf das zu sein, was in diesem Moment getan werden muss. Wir haben in einem derartigen Tempo gearbeitet, das lässt sich kaum in Worte fassen. Ich bin ständig im Büro hin und her gerannt. Es gab einfach keine Pausen. Ich hatte jeden Tag Dutzende Gespräche. Ich habe vielleicht 15 Minuten am Tag geschlafen“, sagte Selenskyj.
Der schlimmste Tag des Krieges: Butscha
Erst nach etwa drei Wochen habe er vollends realisiert, sich nun im Krieg zu befinden – und immense Trauer verspürt. Der schlimmste Tag des gesamten Krieges sei für ihn das russische Massaker an Zivilisten im Kyjiwer Vorort Butscha gewesen: „Ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie gesehen, dass menschliche Körper einfach so auf der Straße verstreut lagen. Danach änderte sich alles grundlegend. So etwas kann man nicht vergessen oder vergeben.“
Seine Frau habe ihm schon mehrfach gesagt, dass er sich in den Kriegsjahren sehr verändert habe. „Im Krieg ist man einsam“, betonte Selenskyj. Er vermisse seine Familie andauernd, „sehr sehr viel“. Es fühle sich selbst dann so an, wenn sie direkt neben ihm seien. Mit seiner 22-jährigen Tochter sei er „sehr eng befreundet“, sagte der Präsident und scherzte: „Ihr Englisch ist besser als meins.“
Seine Mutter Rimma, pensionierte Ingenieurin, rufe ihn weiterhin jeden Tag an. „Manchmal habe ich 12 verpasste Anrufe von ihr. Sie probiert es einfach so lange, bis ich rangehe“, sagte er.