„Ich bin stolz auf die Reaktion meines Bruders“: Gordon Schnieder über den Konflikt mit Friedrich Merz
Schnieder zu Streit mit Merz : „Ich bin stolz auf die Reaktion meines Bruders“ 14.08.2026, 16:00Lesezeit: 8 Min. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) in der Staatskanzlei in MainzFrank Röth Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident kritisiert im F.A.S.-Interview, wie Merz mit seinem Bruder, dem früheren Verkehrsminister, umgegangen ist. Damit habe er Vertrauen zerstört. Herr Ministerpräsident, während Sie gerade mit Ihrer Familie auf Mallorca waren, zerbrach in Berlin die Karriere Ihres Bruders als Bundesverkehrsminister. Wie haben Sie davon erfahren? Als Landesvorsitzender wurde ich darüber persönlich vom Bundesvorsitzenden informiert, unabhängig davon, dass es Familie ist. Haben Sie die Pressekonferenz von Friedrich Merz im Achtbettzimmer verfolgt? Wie man hört, machen Sie gern in Jugendherbergen Urlaub. Wir machen als Familie normalerweise gerne Urlaub in Rheinland-Pfalz, und der Vorteil ist, dass man in Jugendherbergen gemeinsam in einem Zimmer schlafen kann. Aber diesmal wollten die Kinder irgendwohin mit Sonnengarantie. Deshalb waren wir auf Mallorca, in einem ganz normalen Hotel am Strand. Und da haben Sie dann die Pressekonferenz gesehen. Ich habe die nicht im Fernsehen verfolgt, war aber natürlich im Austausch. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Da wollte Merz eigentlich den Wechsel im Verkehrsministerium verkünden. Aber weil der vorgesehene Nachfolger kurzfristig absprang, wurde die Sache für Ihren Bruder zu einer unangenehmen Hängepartie. Und er hat gesagt: Ich beende diese Hängepartie und bitte um meine Entlassung, um den Weg frei zu machen. Ich bin stolz auf die Reaktion meines Bruders, der die Würde des Amtes vor seine eigenen Interessen gestellt hat. Ihre Landtagsfraktion schrieb daraufhin einen wütenden Brief an Merz und sagte ein verabredetes Treffen ab. Hätten Sie das nicht gerade deshalb verhindern müssen, weil Sie der Bruder sind? Die Fraktion hat ihre eigene Stimme. Und sie hat gesagt: Loyalität ist keine Einbahnstraße. Wir haben als Partei und Fraktion auch in schwierigen Monaten immer hinter dem Bundeskanzler gestanden. Die Fraktion kam dann offensichtlich an den Punkt, wo sie gesagt hat: So geht man nicht miteinander um. Und deshalb machen wir nicht einfach weiter und tun so, als ob alles gut wäre. Ich habe sie nicht angestachelt oder damit beauftragt. Es geht auch nicht darum, dass meine Familie betroffen ist. Es geht darum, dass ein tüchtiger Verkehrsminister und unglaublich beliebter CDU-Politiker hier in Rheinland-Pfalz auf solche Art und Weise entlassen wurde, obwohl er keinen Fehler gemacht hat, der diesen Umgang rechtfertigen würde. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Der Kanzler hatte eigentlich einen Nachfolger. Der sagte ihm um 4 Uhr morgens kurzfristig ab. Was hätte er denn tun sollen? Er hätte denjenigen informieren können, dem er am Abend zuvor gesagt hat, dass seine Entlassung ansteht, als sich die Situation am nächsten Morgen verändert hat. Ihr Bruder hatte da schon Abschieds-SMS verschickt. Es entspricht der Fairness, dass man seine Kollegen in den Arbeitskreisen informiert, bevor sie es aus der Presse erfahren. Hätte der Kanzler ihm ein Zeichen gegeben, wäre nicht eine solche Situation entstanden, die das Ganze unschön gemacht hat. Sie haben oft gesagt, dass Sie das Gezanke in der Bundesregierung stört. Haben Sie nun nicht selbst für Gezanke gesorgt? Ich habe notwendige Kritik angebracht. Ich habe das intern im Präsidium und im kleinen Kreis gemacht und bewusst nicht in größerer Runde im Bundesvorstand. Jeder Tumult macht Vertrauen kaputt. Jetzt haben wir mit den Reformen doch gerade erst gezeigt, dass die Bundesregierung es kann. Und dann wird das mit so einer schlecht durchgeführten Regierungsumbildung einfach weggewischt. Sie treten üblicherweise zurückhaltend auf. Die Sozialdemokraten titulierten sie im Wahlkampf gar als „Büroklammer“. Oder als „Taschenrechner“. (lacht) Stört es Sie, wenn Sie als langweilig beschrieben werden? Man unterschätzt mich. Ruhig zu sein, heißt ja nicht, dass man nichts zu sagen hat. Ich halte nichts von großem Zank. Wir ringen in der schwarz-roten Koalition jede Woche, aber das dringt nicht nach draußen. Wenn ich mit meiner Frau auf der offenen Straße zanke, dann sagt doch kein Nachbar mehr: Ihr seid eine glückliche Familie. Jeder weiß, dass es trotzdem mal Streit am Frühstückstisch gibt. So ist eben mein Stil. Ich muss nicht laut werden. Auch wenn mich andere als Büroklammer oder Taschenrechner sehen, ist das vielleicht eine Art, die bei den Wählerinnen und Wählern ankommt. Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte hat Ihren Erfolg damit erklärt, dass „die Deutschen die Biedermänner und Biederfrauen lieben“. Sind Sie ein Biedermann? Nein. Professor Korte wollte überspitzt darstellen, dass die Menschen keinen Popstar wollen, der jeden Tag die Show sucht, sondern einen, der am Schreibtisch sitzt und seine Arbeit macht. Und der immer Hemd trägt – sogar abends beim Fernsehen ... Ja, weil ich mich da wohl drin fühle! Ist das wirklich ein Aufreger? Ich verrate Ihnen noch was: Ich war auf dem Nature-One-Festival, und da habe ich auch Hemd getragen. Sind Sie damit auch in den Moshpit gegangen? Die Fachsprache kenne ich nicht, aber ich war auf der Hauptbühne dabei. Da kamen dann Gestört aber geil – so heißen die, glaube ich –, und das war top. Mir hat das so gut gefallen, ich sollte eigentlich um 9 Uhr weiter, aber um 10 war ich immer noch da. Mein Hemd hat keinen gestört. Da konnte jeder rumlaufen, wie er will. Über Julia Klöckner hieß es, sie sei mehr Paris als Pirmasens. Sie war den Rheinland-Pfälzern offenbar zu glamourös. Wie viel Paris steckt in Ihnen? In mir steckt ganz viel Eifel, Pfalz und Westerwald. Ich komme aus einem kleinen Dorf mit rund tausend Einwohnern, die Älteren dort kennen mich seit fünfzig Jahren. Mir würde dort auch niemand abnehmen, wenn ich mich über Nacht verändern würde. Julia und ich haben verschiedene Stile, die leben wir auch. Die Aussage, dass Julia mit ihrem Stil in Rheinland-Pfalz nicht angekommen ist, stimmt aber nicht. Klöckner reüssierte dann in der Bundespolitik. Wäre das auch was für Sie? Ich will nicht nach Berlin. Jedem gefällt ein anderes Parkett. Als ich im letzten Jahr zur Fraktionsreise in Brüssel war, wusste ich nach zwei Stunden: Dahin will ich nie. Das ist mir zu anonym, zu groß – nicht meins. Mir gefällt es hier im Land, wo ich viele Menschen treffe. Dafür bin ich angetreten. Andere machen Berlin, ich mach Mainz – so soll es bleiben. Im Wahlkampf sagten Sie, Sie hätten nichts zu verlieren. Daraus sprach kein unbedingter Wille zur Macht. Was bedeutet Ihnen Macht? Für mich steht nicht die Macht im Vordergrund, sondern die Möglichkeit zu gestalten. Mich treibt um, wie es mit dem Dorf, dem Landkreis und dem Land vorangehen kann. Als Ihnen vor drei Jahren das Amt des CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag angeboten wurde, haben Sie sich ein paar Tage Bedenkzeit erbeten. Die Bedenkzeit habe ich mir genommen, weil ich wusste: Wenn ich es mache, mache ich es richtig. Unsere Kinder waren damals elf und 13 – fünf Jahre später wäre es für die Familie vielleicht der günstigere Moment gewesen. Sind Sie heute der abwesende Vater, der Sie nie sein wollten? Ich wäre gerne mehr zu Hause, aber wir nutzen die Möglichkeiten, die sich bieten. Ich übernachte ein- bis zweimal die Woche in Mainz und fahre ansonsten nach Hause, damit wir zumindest gemeinsam frühstücken können. Wir telefonieren zwei- bis dreimal täglich, auch auf der zweistündigen Heimfahrt. Uns war von Anfang an bewusst, dass bestimmte Ämter bestimmte Verantwortung mit sich bringen – das war Teil der Bedenkzeit. Trotzdem versuche ich, hin und wieder einen Tag am Wochenende freizuhalten. Ihre Vorgängerin Malu Dreyer erzählte erst nach ihrem Rücktritt von den 80-Stunden-Wochen, die sie als Ministerpräsidentin hatte. Wieso sprechen aktive Politiker so wenig darüber? Ich finde, wir müssen mehr darüber sprechen, weil es draußen sonst falsch ankommt. Soziale Medien werden oft verteufelt, aber sie können in dem Punkt hilfreich sein. Schon als Abgeordneter habe ich gepostet, wo ich gerade bin. Viele glauben gar nicht, wie viel Abgeordnete und Minister im Land unterwegs sind. Ich will das aber nicht überhöhen: Viele meiner Schulfreunde, die Ärzte oder Unternehmer sind, arbeiten auch 60 bis 80 Stunden die Woche. Der ehemalige Fraktionschef der Union im Bundestag, Jens Spahn, hat jetzt Zeit, sich um sein Kind zu kümmern. Ist es nicht auch tragisch, dass ihn sein persönliches Glück am Ende die Karriere gekostet hat? Privates und Politik müssen in bestimmten Ämtern glaubhaft zusammenpassen. Jens Spahn hat eine Entscheidung getroffen, die mit unserer Position als CDU nicht in Einklang zu bringen ist. Man kann sich nicht über die eigenen Regeln hinwegsetzen, das untergräbt die politische Glaubwürdigkeit. Die Positionen Ihrer Partei können sich ändern. Das zeigte sich bei der Homo-Ehe, der Sie auch als gläubiger Katholik immer offen gegenüberstanden. Ich glaube, dass der liebe Gott über jeden Menschen froh ist, der einen anderen liebt und sich um ihn kümmert – das Geschlecht ist dabei egal. Könnte Gott dann nicht auch froh sein, wenn sich ein schwules Paar ein Kind wünscht und dieses durch eine altruistische Leihmutterschaft bekommt? Das ist eine andere Frage. Man kann über alles diskutieren, aber ich persönlich halte das Modell der Leihmutterschaft für nicht richtig – weder für die Leihmütter noch für die Kinder. Die Gesellschaft ist polarisiert, mit leisen Tönen dringt man kaum noch durch. Müssten Sie nicht lauter werden, um besser wahrgenommen zu werden? Die anderen sind schon laut genug, dafür müssen wir nicht auch noch lauter werden. Wir müssen die Probleme der Menschen lösen und zeigen, dass wir uns kümmern und die Dinge verbessern. Wenn wir selbst ins Gezänke verfallen oder schwierige Entscheidungen zu Streitpunkten werden lassen, lehnen sich andere zurück und gewinnen Zulauf. Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers sagte schon vor Jahren, der Rechtspopulismus sei die einzige politische Kraft, die noch für grundsätzliche Veränderung stehe. Der AfD-Slogan in Sachsen-Anhalt lautet „Alles ist möglich“. Sie sagten im Wahlkampf: „Nicht zu viel versprechen“. Ich glaube nicht, dass die Menschen wirklich überzeugt sind, dass mit der AfD alles möglich ist. Aus vielen Gesprächen – ob mit Unternehmern oder auf der Straße – weiß ich: Die wählen die Partei nicht, weil sie ihr zutrauen zu regieren, sondern weil sie die Hoffnung verloren haben, dass wir es ordentlich machen. Umso wichtiger ist Verlässlichkeit. Wir müssen wieder klarmachen: Wir schaffen das gemeinsam. Und wir machen es auch. Eines Ihrer großen Wahlversprechen war es, verbindliche Ganztagsbetreuung für Grundschüler bis 14 Uhr zu schaffen. Das ist zu einem Modellprojekt zusammengeschrumpft. Koalition bedeutet Kompromiss. Hier in Rheinland-Pfalz ist das übrigens ein hervorragender Kompromiss. An dem können Sie uns in fünf Jahren messen. Die höhere Besoldung für Grundschullehrer oder die Abschaffung der Straßenbaubeiträge kommen, aber nicht von heute auf morgen. Ist nicht das grundsätzliche Problem, dass frühere Wahlversprechen – etwa die Abschaffung der Kita-Gebühren – bis heute eine finanzielle Last sind und Ihnen dadurch kaum Spielräume bleiben? Wir leben in Zeiten, in denen wir uns von der Vollkasko-Politik verabschieden müssen. Bei wachsender Wirtschaft lässt sich immer viel versprechen, aber wir sind gerade an einem Punkt, an dem das so nicht mehr möglich ist. Künftige Wahlkämpfe werden wir anders führen müssen: Nur wer bereit ist, an anderer Stelle einzusparen, kann auch etwas Neues versprechen. Sie stehen für eine klare Abgrenzung von der AfD. Wieso geben Sie Politikern der Partei nicht die Hand? Als Ministerpräsident bin ich Ministerpräsident aller und gebe aus dem Amt heraus jedem die Hand. Als Abgeordneter und als Privatperson mache ich das nicht. Da sage ich „Guten Tag“, das ist das Mindestmaß an Anstand, das ich jedem entgegenbringe. In Rheinland-Pfalz hat die AfD 20 Prozent bekommen, in Sachsen-Anhalt steht sie in Umfragen bei 40 Prozent. Da kann man sich eine klare Abgrenzung kaum noch leisten. Warum wählen die Menschen so? Es gibt genug Beispiele, an denen zu erkennen ist, dass es mit der AfD nicht besser wird – trotzdem herrscht Unzufriedenheit, was auch mit der Bundesregierung zu tun hat. Muss die CDU mit Blick auf Sachsen-Anhalt nicht fast froh sein, dass die AfD so stark ist, dass es gar keine Brandmauer-Debatte mehr gibt? Die Ostländer brauchen in dieser schwierigen Situation nicht meine Ratschläge. Ich vertraue darauf, dass sie das in eigener Verantwortung gut lösen. Für die Debatte hier im Land bleibe ich klarer Verfechter der Brandmauer. Wenn wir stattdessen „rote Linien“ für eine Zusammenarbeit mit der AfD ziehen, sehe ich die Gefahr, dass sie sich immer weiter verschieben lassen. Ich will Politik machen, mit der die Menschen wieder zufriedener sind. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze versucht der AfD offenbar beizukommen, indem er auf Provokation setzt. Würden Sie auch mit Didi Hallervorden Wahlkampf machen? Quelle: F.A.S.Artikelrechte erwerben Livia Gerster Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Timo Steppat Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden. Schlagworte: Empfehlungen Merken Dieter Hallervorden: „Ich brauche in Sachen Sensibilität keine Sprachpolizei“ Komödiant Dieter Hallervorden steht CDU-Spitzenkandidat Sven Schulze im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt zur Seite. Hier erklärt er, warum er das macht. Jörg Thomann Merken TV-Kritik „Maischberger“: Viel Merz und ein wenig Ai Weiwei In der ersten Sendung nach der Sommerpause arbeitet sich Sandra Maischbergers Runde ausführlich am Kanzler, Didi Hallervorden und der Rente ab. Einen ganz anderen Akzent setzt am Ende ein Künstler von Weltrang. Thomas Holl Merken Urlaubsplanung 2026: So nutzen Sie Ihre Brückentage optimal Obwohl das Jahr noch nicht vorbei ist, planen viele Arbeitnehmer schon ihren Urlaub für 2026. Wer die Brücken- und Feiertage geschickt nutzt, kann seine freien Tage optimal verlängern. Manon Priebe Stellenmarkt