IEA-Chef Birol schimpft über Europa: "Riesenfehler" bei der Energiewende
Energiewende Energie-Chef schimpft: Diesen "Riesenfehler" macht die EU gerade Von dpa, wal 11.07.2026 - 15:10 UhrLesedauer: 3 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Die EU will in der kommenden Woche einen neuen Energiewende-Fahrplan vorstellen. Nach Ansicht des Chefs der Energieagentur kommt er viel zu spät. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur IEA, hat den langsamen Fortschritt der EU in der Energiewende am Wochenende scharf kritisiert. "Das ist ein Riesenfehler für Europa", sagte Birol zur "Financial Times". Er habe gehofft und erwartet, dass die Europäer stärker und klarer auf die aktuelle Krise reagiert hätten. Damit bezieht sich Birol auf den anhaltenden Konflikt zwischen den USA und dem Iran und der daraus resultierenden Sperrung der Straße von Hormus – aber auch auf die Energiekrise 2022, als Russland die Ukraine überfiel. Seit 2022 hätte sich Europa viel mehr von der Abhängigkeit von Öl und Gas befreien müssen, so der IEA-Chef weiter. EU will Stromsteuersenkung verpflichten Die Elektrifizierungsrate in Europa – damit ist der Anteil des Energieverbrauchs, der auf erneuerbaren Strom zurückgeht, gemeint – liegt seit Jahren konstant bei 23 Prozent. In China, Japan oder Südkorea liegen diese Elektrifizierungsraten Birol zufolge hingegen bei über 30 Prozent. Europa sollte sich diese Länder zum Vorbild nehmen, so der Energie-Chef. Die EU will in der kommenden Woche einen Aktionsplan für eine schnellere Elektrifizierung vorlegen. Darin will die EU Medienberichten zufolge eine verbindliche Elektrifizierungsquote für 2040 festlegen. Um dies zu erreichen, werden mehrere Maßnahmen diskutiert. So wird nach Angaben von "Reuters" über den verpflichtenden Einbau von Wärmepumpen in öffentlichen Gebäuden diskutiert. Nach Angaben der FT sollen außerdem die Mitgliedsländer verpflichtet werden, ihre Stromsteuern zu senken, damit Strom im Vergleich zu Öl und Gas günstiger werden. In Deutschland hatte die Bundesregierung die Senkung der Stromsteuer im Koalitionsvertrag vereinbart. Beschlossen wurde dies bisher allerdings noch nicht, begründet wird das mit fehlenden Haushaltsmitteln. Die Absenkung der Stromsteuer würde den Haushalt mit fünf Milliarden Euro pro Jahr belasten. Dieses Problem dürfte auch bei anderen Ländern auftauchen, sollte Brüssel die Stromsteuersenkung tatsächlich verpflichten. Entscheidend wird sein, ob die EU die Mitgliedsländer dafür finanziell entlasten könnte. Industrie fordert Verschiebung des Klimaziels auf 2050 In Deutschland sind derweil Forderungen für die Verschiebung des Klimaziels laut geworden. Vertreter aus Wirtschaft, Gewerkschaften und Politik fordern eine Verschiebung des deutschen Zieljahrs für Klimaneutralität um fünf Jahre. Statt 2045 solle Deutschland das europäische Zieljahr 2050 übernehmen, sagten unter anderem der Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), Michael Vassiliadis, und RWE-Vorstandschef Markus Krebber der "Welt am Sonntag". Krebber sieht in einer Anpassung des Zieldatums eine Möglichkeit, die deutsche Industrie zu entlasten. Der bisherige deutsche Sonderweg, fünf Jahre früher klimaneutral werden zu wollen als die EU, verteuere den Standort, ohne zusätzliche Klimawirkung zu erzielen, sagte er. Das deutsche Klimaziel sollte deshalb "dem europäischen Ziel angeglichen werden", forderte der RWE-Chef. Deutschland hat sich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 65 Prozent verglichen mit dem Stand von 1990 zu senken. Bis 2040 soll eine Reduzierung um mindestens 88 Prozent erreicht sein, bis 2045 dann Treibhausgasneutralität. Im vergangenen Jahr lagen die Treibhausgasemissionen um 48 Prozent unter dem Stand von 1990. Die EU will erst 2050 klimaneutral werden. Nach Ansicht von Fatih Birol muss Europa die Transformation beschleunigen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden und seine "ökonomische Unabhängigkeit" zu bewahren.