IG-Metall-Chefin Benner: VW-Mitarbeiter reiben sich die Augen über Porsche
Frau Benner, Sie sind stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende von Volkswagen. Wie ernst ist die Lage bei Europas größtem Autokonzern? Der Einbruch des chinesischen Automarkts, die US-Zölle, riesige technologische Veränderungen durch Elektroantrieb und Digitalisierung – das sind extreme Herausforderungen für VW. Die eigenen Manager sehen VW in der Existenz bedroht. Verloren ist bislang nichts, aber wir müssen handeln, damit VW, Arbeitsplätze und Regionen nicht in eine existenzielle Krise kommen. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen VW-Chef Oliver Blume will nochmals bis zu 50.000 Jobs streichen, vier große deutsche Werke sind bedroht. Wie geht es weiter? Das ist eine harte Provokation von Herrn Blume. Wir haben Ende 2024 das weitestreichende Sparpaket der VW-Geschichte vereinbart, und die Arbeitnehmerseite ist vertragstreu. Wir haben geliefert. Werke wie Emden haben ihre Fabrikkosten drastisch abgesenkt und alle ihre Kostenziele erreicht. Die Kollegen haben auf Geld und Pausenzeiten verzichtet. Jetzt ist der Frust in der Belegschaft riesig, weil es heißt: Das reicht angeblich alles nicht. Was das Management bislang geleistet hat? Viel zu wenig! Gibt es noch eine gemeinsame Basis für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit? Das Vertrauensverhältnis zum Vorstand insgesamt ist gestört. Was das Management hier macht, ist ein beispielloser Angriff auf die eigene Belegschaft. Fabriken in ohnehin strukturschwachen Regionen wie die in Emden und Zwickau zur Disposition zu stellen, das ist Wahnsinn. Wo bleibt die gesellschaftliche Verantwortung von VW? Aufgabe der Konzernführung ist es, das Licht am Ende des Tunnels aufzuzeigen und nicht nur auf die Lampen eines möglicherweise entgegenkommenden Zuges zu deuten. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Bei der VW-Tochter Porsche haben sich Vorstand und Betriebsrat auf einen weiteren Stellenabbau geeinigt, im Gegenzug wird es bis 2035 keine betriebsbedingten Kündigungen geben. Ein Modell auch für VW? Ich freue mich für die Porsche-Kollegen, das vorweg. Mitarbeiter der Marke VW reiben sich verwundert die Augen, was anscheinend noch möglich ist. Vielleicht lässt sich die Konzernführung in Wolfsburg ja inspirieren? Das Paket ist mit Stellenabbau verbunden, beinhaltet aber auch eine Beschäftigungssicherung bis 2035. Über diese würden sich viele sicherlich freuen. Sie sehen eine Ungleichbehandlung: Die Einsparforderungen des Managements bei der Marke VW sind härter als bei Porsche und Audi? VW hatte bereits 2024 eine Antwort auf die Krise gegeben, Porsche erst jetzt. Aber so oder so gilt: Am Ende des Tages sind die Angriffe der Arbeitgeber Angriffe auf uns alle, egal in welchem Unternehmen. Dagegen werden wir uns am 21. September mit einem bundesweiten Aktionstag gegen den Kahlschlag in der Autoindustrie wehren. Seit 2024 hat sich die Autokrise verschärft. Erkennen Sie an, dass es bei VW heute zusätzlichen Sparbedarf gibt? Wir erkennen an, dass VW heute auch ein Kostenproblem hat, das gelöst werden muss. Aber erstens machen die Personalkosten in der gesamten Automobilindustrie nur etwa zehn Prozent der Gesamtkosten aus. Und zweitens hat der Vorstand einfach seinen Job bisher nicht gut genug gemacht. Synergien zwischen den einzelnen Marken, Gesellschaften und Regionen heben, mehr gleiche Teile ordern statt überall eine Sonderlocke mit Schleifchen drum, interne Bürokratie abbauen, das ist alles nicht ausreichend passiert. Herr Blume und der gesamte Vorstand sind äußerst gut bezahlt. Für neun Millionen Euro Gehalt pro Jahr erwarte ich bessere Ideen als nur: mehr Leute rausschmeißen. Was können Eigentümer und Arbeitnehmer in der nächsten Aufsichtsratssitzung am 4. September gemeinsam für das Unternehmen erreichen? Wir arbeiten praktisch Tag und Nacht daran, bis zu diesem Termin ein gemeinsames Zielbild für die Zukunft hinzubekommen. Zuletzt standen in dem Plan Dinge, die wir definitiv nicht mittragen werden: Werksschließungen oder eine angestrebte Ausgliederung der Marke VW kommen nicht infrage. Und ein weiterer Stellenabbau? Blumes Plan läuft auf bis zu 50.000 Stellen hinaus. So rechnet der Vorstand. Das würde eine knallharte Auseinandersetzung geben. Was für ein gemeinsames Ziel können Eigentümer und Arbeitnehmer dann überhaupt erreichen in der Aufsichtsratssitzung? Wir streben einen Konsens über eine notwendige weitere Absenkung der sogenannten Gemeinkosten an, aber die bestehen ja nicht nur aus Personalkosten, sondern auch aus Sachkosten. Aber hauptsächlich geht es darum, dass der Vorstand tragfähige Maßnahmen für die Zukunft von VW entwickelt. Danach fangen erst die richtig heftigen Verhandlungen an. Einen Job-Kahlschlag wird es mit uns nicht geben. Sonst wird VW dieses Jahr einen der härtesten Konflikte erleben. Denkbar wäre ein Gehaltsverzicht. Die jüngsten verfügbaren Daten aus dem Jahr 2024 zeigen, dass die VW-Städte Wolfsburg und Ingolstadt in den Top drei der deutschen Städte mit den höchsten Bruttoeinkommen liegen. Ist das noch zeitgemäß? Ist die Millionärskonzentration im Hochtaunuskreis und am Starnberger See noch zeitgemäß? Oder schauen Sie doch auf die Vorstandsvergütungen. Ja, die Verdienste in der Automobilindustrie sind ordentlich. Die Produktivität und die Gewinne waren es bis vor Kurzem aber auch. Die Belegschaften sind gut organisiert und selbstbewusst. Soll sich die IG Metall dafür entschuldigen? Sicher nicht. Unter unseren Tarifverträgen stehen Unterschriften beider Seiten. Die Kolleginnen und Kollegen bei VW haben bereits große Opfer gebracht. Die Beschäftigten von VW in Deutschland verzichten jedes Jahr auf 1,5 Milliarden Euro als Beitrag zur Krisenbewältigung. Das wird sich zukünftig auch auf die großen Autostädte auswirken. Gute Gehälter in der Autoindustrie bedeuten auch lokale Kaufkraft und gute Steuereinnahmen. Es ist die Hybris von Managern, so zu tun, als ließen sich die Probleme mit Opfern der Belegschaft quasi wegsparen. Das Management hat schwere strategische Fehler gemacht: zu spät auf kleine bezahlbare E-Modelle gesetzt, die Warnzeichen aus China zu lang ignoriert, Versäumnisse bei Batteriefertigung und Software, Silodenken. Ich könnte lang so weitermachen. In Deutschland kostet die Arbeitsstunde laut Branchenverband VDA 62 Euro, in Ungarn 16 Euro. Darauf muss man doch reagieren? IG Metall und Betriebsräte übernehmen selbstverständlich Verantwortung. Beispielsweise mit Kostensenkungspaketen mit Investitionszusagen und Werke- und Beschäftigungssicherung. Wir reden hier von Arbeitnehmerbeiträgen in Milliardenhöhe. Wir gewinnen nur mit höherer Produktivität, auch durch bessere Nutzung von KI, Innovation, Reduzierung von Komplexitäten, etwa weniger Modelltypen. Allein mit Sparen kommen wir nicht wieder an die Spitze. Es geht darum, dass wir hier langfristig Industrie halten und ansiedeln. Dafür brauchen wir bessere Rahmenbedingungen. Das ist Aufgabe von Unternehmen und Politik. In der deutschen Metallindustrie gilt die 35-Stunden-Woche, anderswo wird deutlich länger gearbeitet. Geht das noch? Gerade jetzt längere Arbeitszeiten zu fordern, ist absurd. Es gibt nicht genug Arbeit, viele Betriebe senken die Wochenarbeitszeit sogar auf 28 Stunden, die Beschäftigten kriegen weniger Geld. Der Autozulieferer ZF wurde damit und mit Verzicht auf tarifliche Zahlungen faktisch vor der Insolvenz gerettet. Und dann stellen sich Vorstände und Geschäftsführer hin und fordern, die 35-Stunden-Woche abzuschaffen. Wissen die nicht, was in ihren eigenen Betrieben läuft? Kürzere Arbeitszeiten als in anderen Ländern bei höherem Lohn, das ist doch kein Plan für die Zukunft. Leute rauszuschmeißen, ganze Regionen in Deutschland verarmen zu lassen, industrielle Strukturen mutwillig zu zerstören, ist auch kein Plan für die Zukunft. Es ist doch nicht so, dass wir die Herausforderungen nicht sehen. Aber egal, wie sehr die Menschen verzichten und ihren Beitrag leisten, sie kassieren direkt die nächste Ohrfeige. Irgendwann ist Schluss. Eigentum verpflichtet, und Unternehmen haben auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Die VW-Führung könnte versuchen, ihre Sparpläne in einer außerordentlichen Hauptversammlung durchzusetzen. Rechnen Sie damit? Das wäre ein brutaler Angriff auf die Mitbestimmung bei VW. Ich hoffe, der Vorstand ist klug genug, eine langwierige Auseinandersetzung zu vermeiden. Eine solche wäre das Letzte, was der VW-Konzern jetzt brauchen kann. Der VW-Großaktionär Qatar hat Bedenken, das Werk in Osnabrück an den israelischen Rüstungskonzern Rafael abzugeben. Scheitert die Rettung der Fabrik? Nein, die ist auf einem guten Weg. Wir werden hier eine für alle Seiten akzeptable Lösung finden. Das ist für den ganzen Konzern wichtig. Damit sendet VW das Signal, dass wir die Transformation hinbekommen. Können deutsche VW-Werke gerettet werden, wenn dort Autos chinesischer Hersteller vom Band rollen? Wir prüfen das, aber nur als ergänzende Maßnahme zur bestehenden Beschäftigungssicherung. Es gibt konkrete Verhandlungen. Voraussetzung ist eine faire Lösung, bei der VW und ein chinesisches Unternehmen ein Joint Venture zum Betrieb von Werken bilden. Wir werden darum kämpfen, dass die Beschäftigten im VW-Konzern eine Perspektive behalten.