DAX +0,66 % 25.629,24 Pkt 18:00:00 MDAX -0,82 % 31.980,52 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,21 % 6.358,01 Pkt 18:00:00 Dow Jones +1,73 % 52.485,03 Pkt 23:22:18 S&P 500 +2,37 % 7.489,72 Pkt 23:22:12 Nasdaq +3,81 % 25.373,85 Pkt 23:15:59 Nikkei +4,03 % 64.362,02 Pkt 08:45:03 Gold +0,17 % 4.107,00 USD 22:59:54 Silber -1,75 % 57,79 USD 22:59:48 Brent +1,22 % 90,12 USD 20:28:19 WTI +1,29 % 84,67 USD 22:59:59 Bitcoin +0,36 % 63.038,22 USD 15:06:05 EUR/USD +0,52 % 1,15270 USD 23:29:22 EUR/GBP -0,31 % 0,85510 GBP 23:29:22 EUR/CHF -0,23 % 0,93060 CHF 23:29:22 EUR/JPY -3,08 % 181,491 JPY 23:29:22

Im Kampf mit dem System

Wissenschaft

Startseite Lokales Holzkirchen Holzkirchen Im Kampf mit dem System Von: Katrin Hager Uns auf Google folgen Die Intensivmedizin wird immer besser – doch danach lässt das System Patienten mit Hirnschäden und ihre Angehörigen oft hängen: Diese Erfahrung hat die Familie Pawlovsky aus Valley gemacht. In ambulanter Reha in Föching geht es nun dank intensiver Einheiten mit Robotik Schritt für Schritt voran. Föching – Es war ein Tag im Februar 2020, als sich das Leben von Julia Pawlovsky schlagartig veränderte. Ein Aneurysma im Gehirn riss die damalige Redakteurin des Miesbacher Merkur mitten aus ihrem Leben. Sie überlebte, doch die Schädigungen sind gravierend. Vor allem der Bereich des Kurzzeitgedächtnisses ist betroffen. Julia kann sprechen, aber Koordination und Gedächtnis sind beeinträchtigt. Die einst sportliche Frau sitzt im Rollstuhl, leidet an Spastiken, der Arm ist verkrampft. Inzwischen lebt die 46-Jährige wieder in den eigenen vier Wänden, ist aber auf Pflegepersonal angewiesen. Die Eltern ließen nichts unversucht, um Julias Zustand zu verbessern. Mutter Hella Pawlovsky kämpft für ihre Tochter. Die Heilpraktikerin hat sich tief in die Materie eingelesen. Sie ist überzeugt, dass sich durch regelmäßige Reha noch viel erreichen lässt. Aber dafür braucht es entsprechend intensive Maßnahmen: „Der Kopf braucht Input, um verschüttete Dinge hervorzuholen.“ Pawlovskys Erfahrungen mit der neurologischen Rehabilitation waren bislang frustrierend. In stationären Einrichtungen kam ab und zu ein Therapeut, den größten Teil des Tages lag Julia ohne Ansprache da. „Das kostet viel Geld und bringt fast nichts.“ In der ambulanten Reha zu Hause waren die Möglichkeiten begrenzt. Zeit und Geduld für eine intensive Behandlung waren nicht drin. Pawlovsky weiß, dass es auch die Therapeuten gern anders hätten. „Es krankt am System.“ Robotik ermöglicht hochrepetitive Übungen Die frustrierende Situation kennt auch Claudia Müller-Eising. Vor 21 Jahren hatte ihre damals 14-jährige Tochter einen schlimmen Unfall, ihr Gehirn wurde schwer geschädigt. Um ihr besser helfen zu können, gründete die frühere Richterin 2010 das Unternehmen Neuroneum für die ambulante neurologische Rehabilitation. Seit März gibt es neben dem Sitz in Hessen einen Standort im Bosch-Campus bei Föching. Müller-Eising kann nichts versprechen, aber sie teilt Hella Pawlovskys Überzeugung, dass bei Hirnschäden durch moderne Methoden wie Robotik viel zu machen ist. Die ambulante Reha sieht sie als effizienteste Variante – für die Patienten selbst, aber auch finanziell für die Kassen. Das Robotik-Training ermöglicht hochrepetitives Training. Die physische Bewegung rege die Bildung neuer Verbindungen im Gehirn an. Und die Maßnahmen hätten eine wichtige präventive Wirkung gegen Folgeerkrankungen etwa des Herz-Kreislauf-Systems und Osteoporose. Der Gesetzgeber habe vor 15 Jahren ins Sozialgesetzbuch V aufgenommen, dass die gesetzlichen Krankenkassen Leistungen zur ambulanten Reha erbringen müssen. Viele Betroffene bekämen dennoch keine Bewilligung – so wie Julia Pawlovsky. Die Begründung sei oft schwammig und nicht nachvollziehbar, weiß Müller-Eising. Sie hat inzwischen eine Ahnung, wo das Problem liegt: in den Rahmenempfehlungen, die Kassen und Spitzenverbände aufstellen. Neurologische Patienten fallen bei Reha oft durchs Raster Reha-fähig ist demnach, wer sich selbstständig versorgen könne und bei den motorischen Fähigkeiten einen sogenannten Barthel-Index von mindestens 80 aufweise. „Das ist ein hoher Grad“, erklärt Müller-Eising. Die Folge: Neurologische Patienten fallen oft durch. „Die Kassen haben den Willen des Gesetzgebers über ein Nadelöhr in der Zulassung so begrenzt, dass Menschen, die das wirklich brauchen, wie Julia Pawlovsky, überhaupt keinen Zugang kriegen“, kritisiert Müller-Eising. Im Neuroneum arbeitet Julia seit April Tag für Tag mit einer Ergo- und einer Physiotherapeutin. Leistungen, die über Physio- und Ergotherapie auf Rezept hinausgehen, bezahlen die Patienten privat. Das robotische Gangtraining in der sogenannten Lyra, in der auch Julia in einer Art Klettergurt, die Füße auf bewegte Plattformen gespannt, aufrecht geht, kostet für 60 Minuten 165 Euro. „Wir bezahlen das gerne“, sagt Hella Pawlovsky, „weil es für uns die optimale Lösung ist.“ Doch man muss es sich erst mal leisten können. „Man ist auf sich allein gestellt.“ Jahr für Jahr erlitten etwa eine Dreiviertelmillion Menschen in Deutschland schwere Hirnschäden nach Schlaganfall, Hirnblutung oder Unfall, sagt Müller-Eising. Die Überlebenschancen sind dank immer besserer Intensivmedizin gestiegen. Doch wie gehe es danach weiter? „Man muss den Bürgern ehrlich sagen: Wenn Du diese Schädigung erleidest, dann ist die Reha nicht abgedeckt vom System.“ Die Krankenkassen bekämen nicht mehr Geld – also müsse man wenigstens den Weg für private Zusatzversicherungen öffnen, fordert Müller-Eising. Es geht Schritt für Schritt voran Das tägliche Training ist anstrengend für Julia, aber es geht voran, Schritt für Schritt. Angst und Frust, die sie nach schlechten Erfahrungen mit Pflege unter Zeitdruck mitbrachte, erschwerten den Anfang. Doch die Geduld mit ihr zeigt Wirkung. Julia hat sich Ziele gesetzt für ihre Therapie: mehr Selbstbestimmung, weniger Schmerzen, erklärt Müller-Eising – „das wär der Wahnsinn“, sagt Julia Pawlovsky und nickt. Ihre Fortschritte sind messbar. Beim ersten robotischen Gangtraining schaffte sie 240 Meter. Inzwischen ist es etwa ein Kilometer. Auch auf das Gedächtnis stellt Mutter Hella Effekte fest. Informationen aus kürzlichen Gesprächen könne Julia inzwischen öfter abrufen. Und frischer Mut kehrt langsam zurück: „Sie ist positiver, weil sie merkt: Da geht was vorwärts.“

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren