In Frankreich und Spanien verboten: Mutter regt sich über Kult-Produkt in Deutschland auf
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In Frankreich und Spanien verboten: Mutter regt sich über Kult-Produkt in Deutschland auf
Von: Andreas Apetz
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Das Foto eines Schaufensters hat im Netz eine Debatte entfacht: harmloses nostalgisches Kult-Produkt oder eine Gefahr für Kinder?
Frankfurt – Vieles von dem, was früher als harmlos galt, spaltet heute die Generationen. Dabei kann es um einzelne Begriffe gehen, aber auch um Spielzeug. Denn was in der Nachkriegszeit als harmlose Spielerei galt, wird von vielen mittlerweile sehr kritisch gesehen: „Wieso darf so etwas 2026 noch verkauft werden?“, kommentiert eine Nutzerin im Elternforum von Reddit ein Foto, das ein Schaufenster zeigt, in dem ein Karton mit vielen bunten Zigarettenschachteln ausgestellt ist. Ein Werbeslogan verspricht: „Kaugummi-Sticks mit Zauber-Rauch Effekt!“.
Die Aufmachung der Zigarettenschachteln erinnert stark an die 1980er bis 2000er Jahre. Statt des üblichen Warnhinweises gibt es auf jeder Schachtel die Aufforderung „Blas in den Kaugummi-Stick und schau was passiert!“. Doch die kinderfreundlichen Zigaretten scheinen bei vielen Eltern einen Nerv zu treffen und teilen die Kommentarspalte in zwei Lager: Die einen sehen in den Kaugummistangen die Verharmlosung eines Suchtmittels. Bei den anderen wecken sie nostalgische Erinnerungen an die eigene Kindheit. Wie sind Kaugummi-Zigaretten aus heutiger Sicht zu bewerten?
WHO empfiehlt seit 2003 das Verbot von Kaugummi-Zigaretten
Eine Mutter hält es für widersprüchlich, bereits Kinder auch nur symbolisch an das Rauchen heranzuführen, während man beim Erwachsenen auf Abschreckung setzt: „Erwachsene kriegen schonungslos Bilder mit Folgen des Rauchens auf die Packung gedruckt, Werbung wird immer weiter eingeschränkt, Altersgrenzen werden angehoben etc. und für Kids wird es weiter als Spielzeug verkauft“, schreibt sie. Kaugummis könne man auch in jeder anderen Form anbieten, meint ein weiterer Nutzer, der das Produkt für „bedenklich“ hält.
Die überwiegende Mehrheit scheint jedoch in der Kindheit selbst den Mehlstaub aus den kleinen Plastikröhrchen gepustet zu haben. Eine Person erzählt: „Ich habe die Dinger als Kind geliebt und gerne Krankenhaus gespielt. Erst hat einer geraucht, dann wurde er gegen Krebs behandelt. Ich bin jetzt 39 und habe noch nie in meinem Leben auch nur einmal an einer Zigarette gezogen!“ Für die meisten sei es einfach „cool“ und „lustig“ gewesen, als Kind mit einer falschen Zigarette herumzulaufen. Eine Verleitung zum Rauchen sehen die wenigsten.
Die ersten Zigaretten für Kinder kamen Ende des 19. Jahrhunderts in den USA auf den Markt und bestanden noch aus Schokolade. Über Jahrzehnte gehörten die Süßwaren zum festen Sortiment jedes Kiosks und Tante-Emma-Ladens bis in die 1990er Jahre hinein. Sie kopierten oft das Design echter Kultmarken wie Camel oder Marlboro. Die Produzenten standen deshalb schon immer in der Kritik, mit der Tabakindustrie zusammenzuarbeiten und Produkte für Erwachsene bei Kindern zu bewerben. Mit dem Aufkommen großer Anti-Rauch-Kampagnen und neuen Erkenntnissen der Suchtforschung gerieten die Produkte nach der Jahrtausendwende massiv in die Kritik.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahm die Kaugummis im Zuge ihres Rahmenübereinkommens zur Eindämmung des Tabakgebrauchs im Jahr 2003 ins Visier und empfahl ein Verbot. Mittlerweile ist das Produkt in zahlreichen Ländern weltweit, darunter einige EU‑Staaten, offiziell verboten. Deutschland hat das Abkommen zwar 2004 ratifiziert, den entsprechenden Artikel jedoch bis heute nicht umgesetzt – wie viele andere Empfehlungen des Übereinkommens auch, kritisiert Sabina Ulbricht, Vorstandsvorsitzende des Aktionsbündnisses Nichtrauchen e.V.: „Dies zeigt, wie ‚ernst‘ Prävention genommen wird“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.
Ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Konsum von „Candy Cigarettes“ und späterem Rauchen lässt sich aufgrund der überwiegend Beobachtungsstudien bis heute nicht abschließend belegen. Gleichzeitig imitieren Kaugummizigaretten bewusst ein Suchtmittel und stehen damit im Widerspruch zu modernen Prinzipien der Tabakprävention. „Auch wenn die Candy-Zigaretten sicher nicht allein die Ursache für eine Raucherkarriere bilden, sehen weltweit Wissenschaftler eine Gefahr darin. Die Zigaretten-Imitate bringen Kindern das Rauchen näher und sie ‚üben‘ damit spielerisch zu rauchen“, bezieht die Verbraucherzentrale Hessen im August 2025 dazu Stellung.
Für Ulbricht ist ein Verbot von Kaugummizigaretten dennoch nicht die drängendste Forderung: „Prioritär sind konsequente Preiserhöhungen auf alle Tabak- und Nikotinprodukte, Aromenverbote bei E-Zigaretten und Nikotinbeuteln sowie die Einführung von Einheitsverpackungen.“ Deutschland hinke hier im europäischen Vergleich deutlich hinterher – Länder wie die Niederlande, Belgien und Frankreich hätten längst gehandelt. Dass Kaugummizigaretten nach über zwanzig Jahren Diskussion hierzulande noch immer frei verkauft werden, sieht sie als Symptom eines größeren Problems: „Die Lobby dieser Industrie ist nach wie vor stark und tritt politikbestimmend auf.“ (Quelle: eigene Recherche, WHO, Verbraucherzentrale Hessen)