In russischer Gefangenschaft: Beim sechsten Schlag aufs Herz fiel er um. Dann kam das nächste Folterinstrument zum Einsatz
Audioplayer wird geladen Anzeige Oleg Kotow stirbt, und er weiß es. Seine ersten Tage in Freiheit nach so vielen Jahren in Gefangenschaft sind seine letzten auf dieser Welt. Sein Mittagessen an diesem Tag, eine Suppe, schmeckt er nur über die Aromen, die aus dem Magen in seinen Mund aufsteigen. Seine Frau Switlana zieht sie mit einer großen Spritze aus einem Glas auf und pumpt die Flüssigkeit durch den Schlauch, der durch die Bauchdecke führt. Suppe mit Basilikum gibt es heute. Kotow sitzt da, die Arme auf das Bett gestemmt, ein Mann von 59 Jahren, abgemagert bis auf die Knochen. Er zwingt sich ein Lächeln ab. Sagt auf Russisch: „Köstlich“. Er spricht in kurzen Sätzen. Jeder Atemzug rasselt. Mehr als vier Jahre war er in russischer Gefangenschaft – ohne Anklage, ohne Verurteilung. Vor einem Monat ist er im Zuge eines Austausches frei gekommen. Anzeige „Das ist das Böse“, sagt er. Und noch einmal: „Das ist das Böse.“ Er habe seine Wächter in der Haft darüber reden hören, dass er Krebs hat. Ihm hätten sie aber nur gesagt, dass er bloß eine hartnäckige Lungenentzündung habe. Keine Behandlung, nur ein paar Spritzen habe er bekommen, von denen er nicht sagen könne, was darin war. Als er freigelassen wurde, konnte er sich kaum auf den Beinen halten. Wie viele andere tausend ukrainische Zivilisten wurde Oleg in russischer Gefangenschaft systematisch gefoltert. In einem Bericht der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zur Verschleppung von Zivilisten in russisch besetzten Gebieten heißt es, dass „willkürliche Freiheitsentziehung ukrainischer Zivilisten in großem Umfang“ stattfinde und „Anzeichen für ein systematisches, konsequentes und vorsätzliches Verhaltensmuster“ erkennen lasse, „das sich speziell gegen ukrainische Zivilisten richtet“. Anzeige Sie kamen in „schicken Autos“ Kotow wurde auf offener Straße verschleppt. Nicht lange nach der russischen Großinvasion im Februar 2022 stand er mit einem Nachbarn an einer Straße in seinem Dorf. Die Gegend in der Region Charkiw war bereits seit etwas mehr als zwei Monaten unter russischer Besatzung. Fliehen konnten er und seine Frau nicht, er wollte seine Schwiegermutter nicht zurücklassen. Lesen Sie auch Am 23. April 2022 kamen sie, erinnert sich Kotow. „In schicken Autos“, wie er sagt. 15 Männer in Uniform. Russische Soldaten. Sie seien direkt auf ihn zugekommen und hätten gefragt: „Bist du Kotow?“ Dann nahmen sie ihn, den pensionierten Polizisten, mit. Kotow schildert die Ereignisse so: In einem nahen Bahnhofsgebäude begannen die Soldaten, ihm Fragen zu stellen. Am Anfang sei alles normal gewesen. Dann hätten sie nach seinen beiden Söhnen gefragt, was die beiden denn täten. Der jüngere studiert in Westeuropa, der ältere arbeitet bei der Polizei in Charkiw – jener Stadt nahe der russischen Grenze, die der russische Präsident Wladimir Putin um jeden Preis einnehmen wollte. Lesen Sie auch Kotow sagt: „Ich werde doch nicht sagen, dass mein Sohn bei der Polizei arbeitet, damit sie ihn erpressen können.“ Er habe also behauptet, sein Sohn sei Bauarbeiter. Dann sei ein Mann mit Zetteln gekommen. Sie hatten alles: Geburtsdatum, Name, Dienstgrad seines älteren Sohns. „Sie wussten, dass ich nicht die Wahrheit gesagt hatte.“ Ab diesem Moment war nichts mehr normal. Das Verhör sei in einen Keller verlagert worden. Kotow sei gefragt worden: „Wissen Sie, was ein Sternchen ist?“ Kotow verzieht das Gesicht, während er erzählt, worum es sich dabei handelt: Man steht mit dem Rücken zur Wand, Arme und Beine sind gespreizt. „Dann fängt einer an, mit voller Wucht auf die Brust zu schlagen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal.“ Beim sechsten Schlag aufs Herz sei er umgefallen. Männer hätten ihn wieder aufgerichtet. Man gab ihm eine Tablette. „Dann brachten sie ein Tapik“, sagt er. Das ist ein sowjetisches Feldtelefon mit Kurbelgenerator, umgebaut wird es zur Folter verwendet – um Elektroschocks zu verabreichen. Auch das hat einen Namen: „Krokodil“, wegen der Klemmen, die an Brustwarzen, Genitalien, Gliedmaßen und im Anus angebracht werden. Angebliche Illoyalität zum Besatzungsregime Ein maßgebliches Kriterium dafür, dass Ukrainer in Folterhaft kommen, ist die aus Sicht von Russland bestehende, angebliche Illoyalität zum Besatzungsregime. Der Umstand, dass Kotow früher Polizist war und sein Sohn im aktiven Polizeidienst tätig war, reichte offenbar aus, um Zweifel zu erregen. Die OSZE-Expertenkommission bezeichnet diese Vorgehensweise als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Das ist ein juristischer Begriff, der Gewalttaten beschreibt, die „im Rahmen eines weitverbreiteten oder systematischen Angriffs gegen eine beliebige Zivilbevölkerung begangen werden, wobei Kenntnis über diesen Angriff vorliegt“. Sprich: Verbrechen gegen die Menschlichkeit bedürfen eines hohen Organisationsgrades, einer Befehlskette, einer Intention, einer Systematik in der Umsetzung. Für Kotow begannen vier Jahre Qualen. Aus dem Keller wurde er in ein fünfstöckiges Hotel an der russischen Grenze gebracht, das als Gefangenenlager diente. Dort habe man ihn in eine Ecke gesetzt – 15 Männer seien rundum gestanden. Einer habe ein Messer aufgeklappt und gesagt: „Na, sollen wir dir die Ohren abschneiden?“ Er tippt auf sein Ohr. Das Ohr ist noch da, die Wunde ist verheilt. „Sie wollten mir nur den Brustkorb zertrümmern“, sagt Kotow. Vier Stunden lang hätten sie ihn geschlagen. Dann wieder das Tapik. Lesen Sie auch Das ging fast einen Monat so. Bei den Verhören sei auch ein Ukrainer dabei gewesen, der die Seiten gewechselt habe. Nach dem Aufenthalt in dem „Hotel“, wie Kotow es zynisch nennt, hatte er drei gebrochene Rippen – mindestens, wie er sagt. Dann ging es nach Schibekino, in die russische Oblast Belgorod. Ein Lager mit 25 Zelten. Wieder Verhöre. Wieder Prügelorgien. Die Spezialität des Lagers: Überraschungs-Attacken der Wachen bei Nacht – mit 73 Zentimeter langen Schlagstöcken. „Auf den Hintern, in den Hintern.“ Heiße Eisen auf die Fußsohlen. Verbrennungen mit Gas. Und: „Rodnitschok“ – man liegt auf einer Bank, Gesicht nach oben, wird mit einem Tuch geknebelt, während Wasser in den Mund fließt, man aber nicht schlucken kann. „Zahnarztinstrumente“, die sie bei Verhören rituell ausgebreitet hätten. Acht Monate war er in Schibekino. Dann: Untersuchungsgefängnis Sarajsk südlich von Moskau. Weiter nach Stary Oskol. Dann fingen die medizinischen Probleme an. Dort habe es diesen Lagerkommandanten gegeben. „Dr. Böse“, sagt Kotow. Einen HIV‑infizierten Insassen hätten sie aus der Zelle gezerrt und in einen Raum ohne Fenster gesteckt. „Er ist ganz leise von uns gegangen“, sagt Kotow. Der Mann habe eine Lungenentzündung bekommen und sei nach drei Tagen gestorben. Ein anderer Insasse habe sich mit einem Bettlaken erhängt. „Dieses Böse muss besiegt werden“ Kotow sei gesagt worden, er werde wegen seiner „Lungenentzündung“ ersticken. Immerhin habe man ihn, den Schwerkranken, von da an weitestgehend in Ruhe gelassen. Bis zu jenem Tag im Juni 2026: Die Insassen mussten Uniformen anziehen und sich alle aufstellen: Gesicht zur Wand, Gliedmaßen gespreizt, Hände an die Wand. Dann habe man ihnen Stoffsäcke über den Kopf gestülpt, sie abgeführt und in ein Flugzeug gesetzt. Was vor sich gehe, habe niemand gewusst. Einer der Männer habe gesagt, das sei ein Gefangenenaustausch, sagt Kotow. Er habe geantwortet: „Niemals, sei kein Depp.“ Lesen Sie auch Doch es war die Wahrheit. Wie ein Traum sei das gewesen, erzählt Kotow. „Und hier bin ich jetzt“, sagt er. Er schaut auf den kleinen Balkon vor seinem Krankenhauszimmer im zweiten Stock, die Arme auf die Matratze gestemmt. Draußen zwitschern Vögel, die Sonne scheint. In der Nacht sind russische Raketen in Kiew eingeschlagen – wieder einmal. In der Nacht darauf wird es wieder passieren. In wenigen Tagen will Kotow seinen 60. Geburtstag feiern. Er sagt: „Ich bin nicht verbittert.“ Aber einen großen Wunsch habe er für sich und die Menschheit: „Dieses Böse muss besiegt werden.“ Seine Ehefrau Switlana Kotow steht vor ihm, streicht ihm über den Kopf. Sie zeigt ein Foto aus der Zeit vor der russischen Invasion im Februar 2022: Ein Mann mit dunklem Haar und rosigem Gesicht ist zu sehen, Wange an Wange mit ihr. Ein Bild aus einer Welt, in der es eine Zukunft gab. Jeden Monat hat sie ihm während der Haft geschrieben. Zwei Briefe hat ihr Mann erhalten. Seine Mundwinkel zittern, seine Augen werden feucht, er lehnt seinen Kopf an ihre Brust, sie drückt ihn an sich. Ende Juli, sieben Tage nach dem Treffen mit WELT, ist Oleg Kotow eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.