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In U-Bahn, Café oder Park: Es ist eine der schlimmsten Moden unserer Zeit

Technologie

Ein Ruheabteil, ein Café, eine Supermarktkasse: Überall beschallt uns heute jemand ungefragt. Dabei wäre die Lösung so einfach.

Haben Sie sich auch so für Rainer gefreut, weil er ein Sexspielzeug von seiner Süßen zum Geburtstag bekommen hat? Sie kennen Rainer gar nicht? Ich auch nicht. Und trotzdem weiß ich nicht nur, was sein Lieblingsgeschenk dieses Jahr war, sondern auch, dass er sich mit "ai" schreibt (ich hab' ihn gegoogelt). Denn Rainer hat einen Freund, der eine der schlimmsten Moden unserer Zeit mitmacht: Handylautsprecher.

Zur Person

Die Fernsehjournalistin Nicole Diekmann kennt man als seriöse Politikberichterstatterin. Ganz anders, nämlich schlagfertig und lustig, erlebt man sie auf Instagram – wo sie über 15.800 Follower hat. Ihr Buch "Die Shitstorm-Republik" ist überall erhältlich. Bei t-online schreibt sie jeden Mittwoch die Kolumne "Im Netz". Mehr zu Nicole Diekmann.

Ich drösel das mal auf: Kürzlich stehe ich in einer U-Bahn. Es ist Sonntagvormittag, es ist sonnig, die Bahn ist also nicht so voll. Da ertönt plötzlich scheppernd ein Name. Rainers. Der weiß, was sich gehört, und meldet sich mit Vor- und Zunamen, als sein Kumpel ihn anruft. Wie der heißt, ist nicht herauszubekommen, aber nennen wir ihn mal "Indiskret 3000". Der gratuliert Rainer fröhlich zum Geburtstag. Über den Lautsprecher. Er hält dabei sein Handy wie eine Scheibe Knäckebrot horizontal vor dem Mund. Ans Ohr halten ist für immer mehr Leute anscheinend ja mittlerweile zum Kraftakt geworden, und in diesen harten Zeiten müssen wir haushalten mit der teuren Energie.

Und jemand schmeißt YouTube an

Indiskret 3000 fragt, was Rainer denn Schönes bekommen hat, und den Rest kennen Sie ja schon. Denn Indiskret 3000 hält es nicht für nötig, Rainer darüber zu informieren, dass circa 20 Fremde zuhören. Die eigentlich gar nicht zuhören wollen.

Es ist die Pest. Egal, wie alt, egal, welches Anliegen – Leute haben die gute, alte Tugend "akustische Rücksicht nehmen" verlernt. Ich sitze in einem Ruheabteil der Deutschen Bahn; froh, dass der Zug nur 50 Minuten Verspätung und funktionierende Toiletten hat. Ich klappe mein Buch auf – und zack, Sie können die Uhr danach stellen (oder den lauten Wecker): Jemand schmeißt TikTok oder YouTube an und lässt laufen. Für alle. Laut.

Wieso schützen sie sich nicht vor sich selbst?

Das Ruheabteil ist dabei nur die Kür. Die Pflicht findet überall statt: im Wartezimmer, wo jemand eine Sprachnachricht nach der anderen abhört ("Schatz, denkst du ans Klopapier"). Im Café, wo der Nebentisch per Videocall mit Tante Gisela verbunden ist, inklusive Kameraschwenk durch den Raum. An der Supermarktkasse. Kein Ort ist mehr sicher.

Das Absurde: Nie war Rücksicht so einfach. Kopfhörer hat praktisch jeder. Die meisten stecken sie sich stundenlang in die Ohren, um sich von der Welt abzuschirmen. Die Verkaufszahlen gehen nach oben; die Branche kann sich wirklich nicht beschweren. Nur auf die Idee, umgekehrt auch mal die Welt vor sich abzuschirmen, kommt offenbar kaum jemand. Oder Rainers vor sich selbst zu schützen.

Das Handy ist unser Wohnzimmer geworden

Ich habe eine Theorie. Das Smartphone hat uns beigebracht, dass wir überall zu Hause sind. Wir shoppen im Bus, streiten per WhatsApp mit dem Ex, erledigen die Steuer im Wartezimmer. Das Handy ist unser Wohnzimmer, und im Wohnzimmer dreht man eben auf. Dass drumherum nicht Sofa und Teppich sind, sondern 20 Menschen, die ebenfalls ein Recht auf ein bisschen Ruhe haben, gerät aus dem Blick. Der öffentliche Raum schrumpft zur Kulisse fürs Privatprogramm.

Dazu kommt das Social-Media-Grundgefühl: Alles ist Content, alles ist für alle. Wer sein Frühstück postet und seinen Urlaub streamt, dem kommt es wohl auch nicht mehr seltsam vor, das Geburtstagsgeschenk des Kumpels mit einem ganzen U-Bahn-Waggon zu teilen. Privatsphäre klingt da nach einem Wort aus der Zeit, als Telefonzellen noch Türen hatten.

Und wer sich traut, freundlich etwas zu sagen, erntet meist einen Blick, als würde er in seiner Freizeit regelmäßig die Charta der Menschenrechte in seinem Spießergarten verbrennen. Dann wird leiser gestellt. Ein bisschen. Für fünf Minuten.

Das sind die Top-Fragen des Tages:

Einfach mal ausprobieren

Also, liebe Leute: Das Ding kann Bluetooth, hat eine Leiser-Taste und passt, ganz ohne Kraftakt, ans Ohr. Wirklich. Probieren Sie es aus.

Ich wünsche Rainer von Herzen alles Gute nachträglich. Und viel Freude mit dem Geschenk. Ich hätte nur wirklich nicht davon wissen müssen. Und Indiskret 3000, falls Sie das hier lesen: Rainer hätte Ihnen bestimmt auch lieber unter vier Ohren erzählt, was er bekommen hat.

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