DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,73 % 64.611,15 Pkt 08:45:03 Gold +0,08 % 4.070,80 USD 22:59:59 Silber +0,43 % 58,91 USD 22:59:55 Brent 0,00 % 96,78 USD 22:59:55 WTI 0,00 % 89,31 USD 22:59:59 Bitcoin -0,02 % 64.298,69 USD 09:25:24 EUR/USD -0,32 % 1,13750 USD 23:29:21 EUR/GBP 0,00 % 0,85320 GBP 06:49:20 EUR/CHF +0,06 % 0,92970 CHF 06:49:20 EUR/JPY +0,08 % 186,245 JPY 23:29:21

„In unserer Kultur redet man nicht über Ängste, erst recht nicht mit Angehörigen“

Gesundheit

Als er nach Deutschland kam, war er selbst noch ein Kind auf der Flucht. Jamil Hassan war gerade 18, als er nach Deutschland kam. Mit seiner Familie ist er aus Nordsyrien in ein besseres Leben geflüchtet, über Bulgarien, die Türkei bis hin nach Ulm. Im Wald von Syrien über die Türkei bis nach Ulm In Syrien hatte Hassan große Ziele. Er wollte die Schule beenden und Architekt werden. Daraus wurde nichts. 2015 verließ Hassan Syrien, ein Jahr vor seinem Abschluss, mit seinen Eltern und drei jüngeren Geschwistern. Sie entschieden sich für die Flucht durch den Wald. „Das ist sicherer als über das Meer“, sagt Hassan. Stundenlang seien sie gelaufen, manchmal sogar Tage. Ab und zu habe die Familie auf dem Boden geschlafen. Oft habe er den Mondschein mit dem Licht der Taschenlampen der Grenzwachen verwechselt. „Es hat nach Tod gerochen“, sagt Hassan. Heute ist der gebürtige Kurde 29 Jahre alt und lebt in Ulm. Er ist ein Musterbeispiel für gelungene Integration. Nach seiner Ankunft in der Sammelunterkunft hat er Deutsch gelernt, nebenbei gekellnert und ist zur Schule gegangen. Danach hat er eine Ausbildung abgeschlossen. Er ist zum Christentum konvertiert - für viele Moslems habe er damit eine „rote Linie passiert“, wie Hassan sagt. Seit 2022 hat Hassan den Deutschen Pass. Er arbeitet als Elektriker - und sitzt mehrmals die Woche in Therapiesitzungen. Aber nicht in seinen eigenen. PTBS: Angst und ständige Wachsamkeit Hassan begleitet Kinder und Jugendliche, die selbst aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Viele sind traumatisiert, haben Schwierigkeiten, das Erlebte in Worte zu fassen. Hinzu kommt die Sprachbarriere. Hassan ist da, um zwischen Therapeuten und geflüchteten Kindern hin und her zu übersetzen. „Das ist mein Beitrag für die deutsche Gesellschaft“, sagt er. Die Therapiestunden, in denen Hassan assistiert, bietet die Caritas Ulm-Alb-Donau an. Eine der Psychotherapeutinnen ist Leiterin Christine Krug. Rund 170 Kinder seien 2025 bei ihr in Einzeltherapie gewesen. Die Psychologin kennt die Schicksale, die geflüchtete Kinder mit sich tragen. Viele Jungen und Mädchen kämen mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Symptome seien Angst und ständige Wachsamkeit. Zu wenige Plätze für zu hohen Bedarf „Therapie beeinflusst die Integration“, sagt Hassan. Das sieht auch Psychologin Krug so. Sie nennt ein Beispiel: Sie habe einen Jungen aus dem Erdbebengebiet in der Türkei therapiert, der mit vier Jahren von einem Grenzschutzhund ins Gesicht gebissen worden sei. In der Schule habe er sich kaum konzentrieren können, sei stets unruhig und ängstlich gewesen. „Im Laufe der Therapie wurde er in sich ruhend“, sagt Krug. Hassan selbst war nie in Therapie, sagt er. Eine flächendeckende psychologische Betreuung gab es nach seiner Ankunft 2015 nicht. In dem Jahr kamen so viele Schutzsuchende nach Deutschland wie noch nie. Erstaufnahmeeinrichtungen arbeiteten an ihrer Kapazitätsgrenze, Integrationskurse und Schulklassen waren ausgelastet. „Wenn die Menschen nach Deutschland kommen, ist Therapie nicht das erste, was man braucht“, sagt Psychologin Krug. „Ich musste mich danach selbst therapieren“, sagt Hassan. Heute könne er gut über seine Flucht sprechen. Auch, weil er in den Sitzungen anderer Kinder viel über sich selbst gelernt habe. „Es gibt mir viel, zu sehen, wie sich die Kinder langsam von ihren Traumata befreien“, sagt er. Bürokratische und sprachliche Hürden Seit 2015 hat sich die psychologische Versorgung für Geflüchtete gebessert. Es gibt mehr spezialisierte Traumaambulanzen, psychosoziale Zentren und Projekte für geflüchtete Kinder und Jugendliche. Und dennoch: Die vorhandenen Therapieplätze decken den Bedarf nur selten. Denn Therapieplätze sind schwer zu bekommen. Wer psychologische Hilfe in Anspruch nehmen will, muss oft monatelang nach einem geeigneten Therapeuten suchen. Die Wartelisten sind lang und werden noch länger. Für Geflüchtete ist der Zugang besonders. Denn zu bürokratischen Hürden kommen oft fehlende Sprachkenntnisse. Und das Stigma. „In unserer Kultur redet man nicht über Ängste, erst recht nicht mit Angehörigen“, sagt Hassan. „Man gilt direkt als verrückt.“ Oft seien es Lehrer, die die Kinder zur Therapie anmelden, nicht die Eltern. Der 29-Jährige wünscht sich, dass sich mehr Geflüchtete trauen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Das ist keine Schande.“ Hassans Appell: „Menschen, die mit Kindern arbeiten, sollen Eltern ermutigen, sich Hilfe zu suchen.“

← Zurück zu News

Bereit für Ihre kostenlose E-Mail?

512 MB Speicher, modernes Webmail und ein News-Portal — kostenlos starten.

Jetzt kostenlos registrieren