Infrastruktur: Können europäische Hersteller die Huawei-Lücke schließen?
EsEs war eine kleine Nachricht aus Dänemark, die Europas Politik im Frühjahr 2025 wachrüttelte: Der Branchenverband Green Power Denmark hatte auf den Schaltkreisen von in Solarparks verbauten chinesischen Bauelementen versteckte Kommunikationskanäle entdeckt. Der Fund untermauerte eine Sorge, die Experten schon lange hegten: Wechselrichter können als Einfallstor ins Stromnetz missbraucht werden – und zwar am einfachsten von ihren Herstellern.
Die Geräte wandeln den mit Solaranlagen gewonnenen Strom in netzfähigen Wechselstrom um und steuern seine Einspeisung ins öffentliche Stromnetz. Wer diese Schaltpunkte massenhaft kontrolliert, der kann die Stromeinspeisung so manipulieren, dass nicht nur Blackouts drohen, sondern das Stromnetz womöglich dauerhaft Schaden nimmt. Denn die Hersteller behalten stets Zugriff auf ihre Anlagen und können sie aus der Ferne steuern.
Anderthalb Jahre hat es gedauert, bis auf die Sorgen schürende Nachricht nun eine politische Reaktion folgt. Ab dem 1. November dürfen mit EU-Mitteln geförderte Solarprojekte keine chinesischen Wechselrichter mehr verbauen. Seit Mai hatte noch eine Übergangsfrist für bereits weit in der Planung fortgeschrittene Projekte gegolten. Diese Regel dürfte 14 bis 18 Prozent der bis 2030 geplanten Einkäufe für europäische Solarparks betreffen, schätzt die Energieberatung Wood Mackenzie.
Vier bis fünf Gigawatt an anstehenden Wechselrichter-Einkäufen in den kommenden vier Jahren dürften nun nicht mehr an China, sondern an westliche Hersteller gehen. Zudem ist ein gewisser Abstrahleffekt zu erwarten: Auch die Betreiber anderer Solarparks dürften folgen, um ihre Stromanlagen als besonders sicher vermarkten zu können.
Das könnte die Markttrends der vergangenen Jahre auf den Kopf stellen. Chinesische Hersteller, allen voran Sungrow und der staatsnahe Konzern Huawei mit seiner Marke FusionSolar, hatten zuletzt immer mehr Marktanteile gewonnen. In Deutschland kamen die beiden laut Wood Mackenzie auf bis zu 45 Prozent Marktanteil der Wechselrichterlieferungen, global sogar auf 55 Prozent.
Sollte sich das ändern, würde vor allem ein deutsches Unternehmen profitieren: SMA Solar. Ebenso wie die spanischen Wettbewerber Ingeteam und Power Electronics verkauft das Unternehmen Wechselrichter für Freiflächen-Großprojekte, die häufig von der EU gefördert werden. SMA erwarte etwa zehn Prozent Marktanteil zu gewinnen, sagte Vorstandschef Jürgen Reinert im August. Allerdings haben EU-geförderte Großprojekte oft eine mehrjährige Anlaufphase, sodass sich konkrete Auswirkungen erst mit Verzögerung zeigen dürften.
Die Maßnahme der EU-Kommission wird als erster Schritt gesehen, der sich relativ unproblematisch umsetzen ließ: Sie hatte Solar-Wechselrichter Ende 2025 explizit als Beispiel für Technologien genannt, „deren Störungen zu erheblichen Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft“ führen könnten. Und Artikel 136 der EU-Haushaltsordnung als Rechtsgrundlage identifiziert, der zum Schutz der Sicherheit und der öffentlichen Ordnung genutzt werden kann. Er gibt ihr die Möglichkeit, EU-Mittel für Projekte mit Wechselrichtern auszuschließen. Die Umsetzung läuft über Finanzierungsvereinbarungen mit Finanzinstituten, etwa mit der Europäischen Investitionsbank (EIB).
SMA hat erst vor einem Monat eine neue Produktionsanlage in Niestetal bei Kassel eingeweiht, wo sich auch der Hauptsitz des Konzerns befindet. Bei Vollauslastung können dort Wechselrichter mit einer Gesamtleistung von 60 Gigawatt pro Jahr hergestellt werden. In der Lieferkette von SMA machen Bauteile aus China nur zwei bis vier Prozent aus. Im Jahr 2025 setzte SMA im Großanlagengeschäft rund 20 Gigawatt ab.
Für die EU ist die aktuelle Anpassung der Regeln nur ein erster Schritt, um die Stromnetze sicherer zu machen. Noch immer fehlt etwa eine konkrete Liste mit Herstellern, die als Hochrisikoanbieter eingestuft werden. Aktuell wird der Cyber-Security-Act 2 (CSA2) überarbeitet, mit dem die EU Risiken in der IT-Lieferkette verringern will. Die Energiebranche ist bereits als Sektor identifiziert, bei dem der Einsatz von Produkten aus bestimmten Drittstaaten in der kritischen Infrastruktur beschränkt werden kann. Dabei könnten auch Wechselrichter für Anlagen auf Wohnhäusern betroffen sein – sie gelten, wenn sie massenhaft aus problematischen Ländern stammen, als genauso kritisch wie Großanlagen. „Das CSA2 ist ein scharfes Schwert, aber kein Importstopp“, sagt der CSU-Europaabgeordnete Markus Ferber. Er unterstützt weitere Maßnahmen: „In einer immer stärker vernetzten Welt müssen wir aufpassen, unseren geopolitischen Widersachern nicht neue Einfallstore zu öffnen.“
Schon früh hatte Litauen Ende 2024 ein Gesetz gegen den Fernzugriff aus China verabschiedet. Seit Mitte 2025 dürfen Solar-, Wind- und Batterieparks mit mehr als 100 kW nicht mit Wechselrichtern aus China ausgerüstet werden – es sei denn, der Fernzugriff wird ausgeschlossen. Seit Jahresbeginn müssen auch bereits gebaute Anlagen konkrete Sicherheitsbedingungen erfüllen.