Interne Akten aufgetaucht: Das riesige Behörden-Versagen beim Berliner Daten-GAU
TTS-Player überspringen↵Artikel weiterlesen
Berlin - Hacker haben im August mehr als 1,4 Millionen Dateien aus der Berliner Verwaltung gestohlen. In der Beute liegen auch interne Senatsakten. Sie belegen: Seit Dezember 2024 war dem Senat schriftlich bekannt, dass sein Behördennetz für Verschlusssachen nicht geeignet ist, nicht einmal für die niedrigste Geheimhaltungsstufe. Die sichere Lösung sollte erst 2027 kommen. Die Hacker waren schneller.
Was passiert ist: Zwischen dem 7. und 12. August 2026 drangen Hacker in das Netz der Berliner Umwelt- und Verkehrsverwaltung ein und kopierten mehr als 1,4 Millionen Dateien. Seit dem 4. September liegen sie im Darknet . Darunter: Personalakten, Bürgerdaten, Pläne für den Katastrophenfall. Und die Warnungen, die die Verwaltung an sich selbst geschrieben hatte!
Was die Akten zeigen: Berlin hatte ein Geheimschutz-Problem, kannte es und plante eine Lösung für 2027. Zur Einordnung: Verschlusssachen gibt es in vier Stufen. VS-NfD (Nur für den Dienstgebrauch) ist die niedrigste. Nicht einmal dafür war Berlins Netz laut den Akten zugelassen, und genau diese Stufe ist laut Senat vom Hack betroffen.
Dezember 2024: Die Lücke steht in der Senatsakte
In einer Besprechungsunterlage (datiert auf den 2. Dezember 2024) für die Senatssitzung am 25. Februar 2026 benennt die Innenverwaltung eine „bislang bestehende Fähigkeitslücke: flächendeckende Lagerung, Empfang und Versand von Verschlusssachen“. Unterlagen der Stufe VS-NfD könnten nicht über den normalen Dienstweg verteilt werden. Nur per Hauspost oder verschlüsselt.
April 2025: Landesnetz für Verschlusssachen nicht zugelassen
Am 30. April 2025 hält eine Handreichung (schriftliche Anleitung, Anmerk. d. Red.) der Senatskanzlei fest: „Da das Berliner Landesnetz für die Übertragung elektronischer Verschlusssachen aktuell noch nicht zugelassen ist“, einigt man sich auf eine Verschlüsselungssoftware. Laut Handreichung handelte es sich dabei „lediglich“ um eine „Zwischenlösung, bis das Berliner Landesnetz für VS-NfD ertüchtigt ist“.
Die Zwischenlösung für 37 Katastrophenschutzbehörden: ein Rechner ohne Netzanschluss, ein USB-Stick, ein abschließbarer Schrank, ein Aktenvernichter. Kosten laut Handreichung: rund 925 Euro pro Arbeitsplatz. Die verschlüsselte Datei darf dann laut der beigefügten Anleitung sogar per normaler, unverschlüsselter Mail verschickt werden.
März 2026: Lösung bis 2027
Am 17. März 2026 beschließt der Senat in einer Sondersitzung im Verteidigungsministerium die Neuausrichtung der zivilen Verteidigung. Die Senatsvorlage nennt Berlin als Hauptstadt ein „Hochwertziel“: „Allein in Berlin werden jährlich etwa 15 Millionen digitale Angriffsversuche registriert – alle zwei Sekunden eine Attacke.“
Und sie legt den Zeitplan fest: Die Senatskanzlei soll mit dem Landes-IT-Dienstleister ITDZ „bis 2027“ eine Lösung für den sicheren digitalen Austausch von Verschlusssachen erarbeiten. Ob die IT-Systeme „gehärtet“ werden müssen, wollte die Senatskanzlei erst noch prüfen. Bis zum 1. Juni 2026 sollte jede Katastrophenschutzbehörde einen Einzelrechner für Verschlusssachen haben. Ob das geschafft wurde, geht aus den Akten nicht hervor.
Juli 2026: Die Umweltverwaltung erklärt ihre IT für untauglich
Am 8. Juli 2026, 30 Tage vor dem Angriff, schreibt die Umweltverwaltung in den Entwurf ihres Notfallplans für die Trinkwasserversorgung: „Da die IT-Strukturen der Abt. II SenMVKU weder vom BSI zertifiziert sind noch den Anforderungen einer Zertifizierung durch das BSI genügen, ist es nicht möglich, sensible Dokumente des WVU (Wasserversorgungsunternehmen, Anmerk. d. Red.) und Unterlagen mit der Klassifizierung VS-NfD digital zu speichern und zu bearbeiten.“ Der vertrauliche Teil des Plans existiere deshalb „nur in Papierform“.
Der offene Teil dieses Plans lag auf genau dem Server, der einen Monat später geplündert wurde. Ob dort auch als VS-NfD eingestufte Dateien lagen, lässt sich aus den Akten nicht sicher sagen.
Senat gibt ein bisschen Entwarnung
Am 8. September sagte Digital-Staatssekretär Florian Hauer im Innenausschuss, es seien nur Daten der niedrigsten Geheimhaltungsstufe VS-NfD gestohlen worden. Also genau die Stufe, für die das Landesnetz laut den eigenen Akten nicht zugelassen war. Zugleich räumte Hauer strukturelle Defizite ein, „schon vor Jahren entstanden“. Geplant seien Maßnahmen, „die auch nicht wenig Geld kosten werden, um das System kurzfristig auch zu erhärten“, sagte Hauer.