Interne Ermittlungen bei der Bundeswehr: Vorgesetzte sollen Soldatinnen zum Sex gedrängt haben
Wegen eines möglichen Fehlverhaltens von Soldaten gibt es interne Ermittlungen beim Sanitätsregiment 1 der Bundeswehr in Weißenfels (Sachsen-Anhalt). Unter den Soldaten soll es einen Wettbewerb gegeben haben, wer Sex mit mehr Kameradinnen hat, berichtet der „Spiegel“.
Über die internen Ermittlungen informierten am Mittwoch die stellvertretende Generalinspekteurin Nicole Schilling und der Befehlshaber Zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr, Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann, den Verteidigungsausschuss des Bundestags. Laut „Spiegel“ gibt es derzeit zehn Beschuldigte. Die Ermittler prüfen demnach Vorwürfe sexuellen Fehlverhaltens, außerdem den Missbrauch von Betäubungsmitteln, Bedrohung und die Unterdrückung von Beschwerden. Auf Einzelheiten oder Abläufe gingen Schilling und Hoffmann laut „Spiegel“ nicht ein.
Mindestens eine Betroffene soll minderjährig gewesen sein
Mindestens eine der Frauen, die offenbar zum Sex gedrängt wurden, war dem Nachrichtenmagazin zufolge zur Tatzeit noch nicht 18 Jahre alt. Wehrdienstleistende können mit Einverständnis ihrer Eltern schon vor dem 18. Geburtstag zur Bundeswehr kommen. Die Ausbildung an der Waffe erfolgt erst nach Erreichen der Volljährigkeit.
Erste Konsequenzen
Die Ermittlungen hatten laut „Spiegel“ bereits Folgen. Neun Bundeswehrangehörige dürfen demnach die Sachsen-Anhalt-Kaserne nicht mehr betreten. In sieben Fällen soll die Bundeswehr ein Verbot verhängt haben, den Dienst auszuüben und Uniform zu tragen. Gegen acht Soldaten seien Disziplinarverfahren eingeleitet worden. Eines davon führe inzwischen der Wehrdisziplinaranwalt.
Die Ermittler haben dem „Spiegel“ zufolge bisher etwa ein Dutzend Betroffene identifiziert. Um zu klären, in welchem Umfang und wie lange das Fehlverhalten andauerte, würden sie eine dreistellige Zahl von Vernehmungen für erforderlich halten. Befragt werden sollen demnach alle möglichen Opfer. Wie weit die Vorgänge zurückreichen, ist nach Angaben des Magazins noch unklar.
Alle Beschuldigten sollen aus einem Zug stammen. Zumindest einigen von ihnen wird nach „Spiegel“-Informationen zur Last gelegt, ihre Stellung als Vorgesetzte ausgenutzt zu haben.
Pistorius verspricht Aufklärung
Verteidigungsminister Boris Pistorius kündigte am Rande eines Besuchs auf Kreta an, die Vorwürfe aufzuklären. „Bislang handelt es sich um Vorwürfe. Wenn die sich bestätigen, wäre das widerwärtig“, sagte der SPD-Politiker. „Wir werden alles tun, um jeden Täter dingfest zu machen und seiner gerechten Strafe zuzuführen und gleichzeitig die Betroffenen besser zu schützen.“
Verstöße gebe es in der Bundeswehr leider immer wieder, sagte Pistorius. Er fügte hinzu: „Ich weiß auch nicht, ob wir das jemals werden abstellen können. Was wir aber tun müssen im Einzelfall ist, mit der gesamten Palette der Möglichkeiten zu sanktionieren, diejenigen, die die Taten begehen, aber auch diejenigen, die sie unterdrücken, die sie nicht melden, sie nicht verfolgen. Das ist unsere gemeinsame Aufgabe im Sinne der Kameradschaft in der Truppe, der Zuverlässigkeit und der Sicherheit für alle Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr.“
Verteidigungsministerium verfolgt „klare Null-Toleranz-Linie“
Das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) hatte am Dienstag die Ermittlungen im Sanitätsregiment 1 öffentlich gemacht. Ein Vorgesetzter soll demnach unter Ausnutzung der Hierarchie intime Kontakte zu einer Rekrutin unterhalten haben. In der Sachsen-Anhalt-Kaserne habe es Durchsuchungen und Vernehmungen gegeben.
Das Bundesverteidigungsministerium bestätigte der dpa die Ermittlungen. „Wir können bestätigen, dass uns Hinweise zu möglichen Verstößen im Sanitätsregiment 1 in Weißenfels bekannt sind“, teilte ein Sprecher am Dienstag mit. Das Ministerium habe umfassende Maßnahmen eingeleitet, um die Vorgänge lückenlos aufzuklären.
Aus ermittlungstaktischen Gründen und zum Schutz der Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten könne es aber keine konkreten Auskünfte zu den Verdachtsfällen geben. Der Sprecher sagte: „Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst und verfolgen hier eine klare Null-Toleranz-Linie.“ Fehlverhalten werde in der Bundeswehr nicht toleriert.
„Sexualisiertes Fehlverhalten und Übergriffe haben in der Bundeswehr keinen Platz – und erst recht nicht im Sanitätsdienst. Gerade dort, wo der Frauenanteil innerhalb der Streitkräfte besonders hoch ist, tragen wir eine besondere Verantwortung für einen respektvollen und kameradschaftlichen Umgang“, wird Generaloberstabsarzt Ralf Hoffmann im RND-Bericht zitiert.
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