Interview zu rassistischen Ausschreitungen in Cottbus 1992
rbb: Wir springen gedanklich 34 Jahre in die Vergangenheit, in den Cottbuser Stadtteil Sachsendorf. Nur wenige Tage nach dem rassistischen Pogrom in Rostock-Lichtenhagen wird dort Ende August 1992 eine Geflüchtetenunterkunft angegriffen. Wie können wir uns diese Situation damals vorstellen?
Linda Maily Pham: Am Wochenende vom 29. bis 31. August 1992 haben sich 150 bis 200 gewaltbereite Rechte vor der Asylunterkunft gesammelt. Das Ziel dieser rechten Jugendlichen war es, diese Asylunterkunft und die Menschen darin anzugreifen. Glücklicherweise konnten die Polizeieinsatzkräfte die Jugendlichen davon abhalten. Alles, was danach passiert ist, war nicht auf dem Grundstück der Geflüchtetenunterkunft, sondern auf den Straßen Sachsendorfs.
rbb: Wie ging es auf den Straßen weiter?
Linda Maily Pham: Dieser rechte Mob hatte bereits Molotow-Cocktails vorbereitet und hat diese nicht wie wahrscheinlich geplant auf die Geflüchtetenunterkunft, sondern auf die Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr geworfen, die vor Ort waren. Und laut der "Lausitzer Rundschau" wurde dieser rechte Mob auch von außen koordiniert. Es hieß, dass sie aus der Ferne, per Funk durch die Straßen Sachsendorfs geleitet wurden, um einer möglichen Einkesselung durch die Polizei zu entgehen.
rbb: Das heißt, es handelte sich wirklich um einen organisierten Angriff?
Linda Maily Pham: So würde ich das beschreiben. Was auch noch dafür spricht, sind Berichte, dass ein PKW die Angreifer ständig mit Molotow-Cocktail-Nachschub versorgt hat, um die Straßenschlacht in Gang zu halten. Es gab einige Festnahmen an diesem Wochenende, aber sehr wenige Haftbefehle.
rbb: Sie haben in Leipzig Geschichte auf Lehramt studiert und Ihre Abschlussarbeit über diesen Angriff geschrieben. Was konnten Sie herausfinden?
Linda Maily Pham: Vor allem hat mich in meiner Forschung interessiert, wie die Leute zeitgenössisch erklärt haben, wie es dazu gekommen ist und auch, wie sie dann später damit umgegangen sind. Was ich herausgefunden habe, ist vor allem, dass es entscheidende Deutungsmuster gab, die weit verbreitet waren.
Einerseits wurden die gewaltbereiten Täter als Jugendliche gekennzeichnet. Dadurch wurde ihnen Verantwortung abgesprochen, und gesagt, dass sie noch keine richtigen Entscheidungen treffen konnten, weil sie noch keine mündigen Erwachsenen waren. Andererseits haben wir aber auch die Betroffenen. In der Berichterstattung kamen die Betroffenen kaum vor. Es gab nur vereinzelte Berichte, in denen mit den Asylsuchenden gesprochen wurde - mehr über sie als mit ihnen. Gleichzeitig wurde ihnen auch von Kommunalpolitikern eine gewisse Schuld zugeschrieben.
Der ehemalige Bürgermeister, Waldemar Kleinschmidt (CDU), hatte in einer Rede gesagt, die Asylsuchenden sollen sich auf den Straßen von Cottbus nicht provozieren lassen und auch nicht unbewusst selbst Leute provozieren. Das stellt natürlich eine Schuldumkehr dar.
rbb: Was ist über die rund 1.000 Menschen bekannt, die damals in der Unterkunft gelebt haben?
Linda Maily Pham: Es gibt leider nicht so viele Quellen zu den Asylsuchenden. Es gab Quellen vom Sozialamt, die aber über diese Asylunterkunft noch bis 2027 unter Verschluss sind. Ich hatte keinen Zugriff darauf. In anderen Publikationen gibt es leider auch keine Namen oder Zeitzeugen, die gefunden wurden und als Betroffene dieses Angriffes galten.
rbb: Sie selbst sind 1998 in Cottbus geboren und in Sachsendorf aufgewachsen. Wie haben Sie denn selbst von diesen Angriffen erfahren?
Linda Maily Pham: Ich habe von diesen Angriffen erst im Studium in Leipzig erfahren und dort auch erst relativ spät. Es hat mich sehr erschrocken, dass das genau in dem Viertel, in dem ich aufgewachsen und auch zur Schule gegangen bin, nie thematisiert wurde.
rbb: Was war Ihre Motivation, sich genau mit diesen Angriffen in Ihrer Abschlussarbeit auseinanderzusetzen?
Linda Maily Pham: Es war ein Prozess, auf dieses Thema zu kommen. Mich hat vor allem die DDR interessiert und wie dort ausländische Werktätige, sogenannte Vertragsarbeiter, wahrgenommen wurden.
rbb: Ihre Eltern kamen als ehemalige Vertragsarbeiter aus Vietnam in die DDR und sind geblieben. Was haben Sie von Ihren Eltern über diesen Angriff gehört? Waren Sie im Austausch?
Linda Maily Pham: Ich habe sie befragt, was sie davon mitbekommen haben. Speziell dieses Wochenende hatten sie nicht im Blick. Meine Eltern meinten aber, dass es Anfang der 1990er Jahre viel zu rechter Gewalt kam und sie damit auch viel konfrontiert wurden.
rbb: Haben Sie im Rahmen Ihrer Arbeit erstmals mit Ihren Eltern über deren Erfahrungen gesprochen?
Linda Maily Pham: Ich würde nicht sagen, dass es das erste Mal war. Aber es war das erste Mal, dass ich sehr deutlich und sehr viel nachgefragt habe. Es wurde immer mal wieder nebenbei erwähnt oder eine kurze Anekdote erzählt. Dass zum Beispiel mein Vater sich ein neues Auto gekauft hat und gleich am nächsten Tag wurden die Reifen aufgeschlitzt.
Ich habe das natürlich als Akt von Rassismus und Diskriminierung gesehen. Aber ich konnte es gar nicht so richtig einordnen, weil ich mich mit dem historischen Kontext früher nicht so stark auseinandergesetzt habe. Jetzt fügt sich für mich aber ein kleines Puzzle zusammen, deshalb werde ich auch noch weiter dazu forschen.
rbb: Sie sind in Cottbus aufgewachsen. Was haben Sie selbst dort erlebt?
Linda Maily Pham: Es ist relativ schwer für mich, da ein konkretes Bild zu zeichnen. Ich hatte, glaube ich, eine schöne Kindheit in Cottbus. Die Umgebung, die Landschaft, die Natur sind atemberaubend schön. Gleichzeitig denke ich über die Schattenseiten nach: Dass ich an einigen Spielplätzen zu bestimmten Uhrzeiten nicht sein konnte, weil dort rechte Skinheads kamen und ich dann auch immer schnell nach Hause gerannt bin.
Ohne, dass ich es wusste, konnte ich ziemlich schnell erkennen, ob mir Menschen gut oder schlecht gesinnt sind - anhand ihrer Kleidung oder ihres Auftretens. Und ich glaube, das ist schon auch krass, wenn man das so sagen kann.
rbb: Haben Sie durch Ihre Forschung besser verstanden, was Sie selbst in Ihrer Kindheit erlebt haben?
Linda Maily Pham: Auf jeden Fall. Ich glaube dieser wissenschaftliche Zugang hat mir sehr geholfen, verschiedene Situationen einzuordnen, in denen ich wusste, ich habe mich unwohl gefühlt. Ich wollte zum Beispiel auch diese ganzen Deutschland- und Reichsfahnen, die ich in irgendwelchen Dorfjugendclubs gesehen habe, gar nicht sehen, weil ich nur irgendwie teilhaben wollte.
rbb: Sie leben inzwischen in Leipzig, auch ihre Eltern wohnen nicht mehr in Cottbus. Wie schauen Sie heute auf das gesellschaftliche Klima in der Stadt?
Linda Maily Pham: So gerne ich auch etwas anderes sagen möchte, weil ich mich mit dieser Stadt verbunden fühle und sie auch mag, muss ich sagen, dass ich mich dort gar nicht wohlfühle. Ich glaube aber, das liegt daran, dass rechte Symbole sehr präsent in der Stadt sind und auch getragen werden. Wie soll man sich da wohlfühlen, wenn man weiß, wofür sie stehen.
rbb: Wie wird Ihrer Meinung nach heute mit den rassistischen Ausschreitungen von 1992 umgegangen und daran erinnert?
Linda Maily Pham: Wichtig ist hier die zivilgesellschaftlichen Initiativen herauszuheben. Es gibt immer wieder Initiativen wie Cottbus Nazifrei, die zum Beispiel 20 Jahre nach diesen Ausschreitungen die erste Kundgebung abgehalten haben. 30 Jahre danach wurde auch eine große Kundgebung organisiert, von der Initiative Cottbus 92.
rbb: Gibt es so etwas wie eine dauerhafte Aufarbeitung?
Linda Maily Pham: Leider nicht. Das war auch eine der Forderungen der Initiative Cottbus 92, eine Art Denkmal aufzustellen, wo die Geflüchtetenunterkunft stand. Die Stadt Cottbus hat dazu gesagt, dass sie sich intensiv mit den Angriffen auseinandersetzen und sich etwas überlegen werde. Meines Wissens nach ist da nichts passiert.
rbb: Sie wollen nun nach Ihrer Abschlussarbeit promovieren. Inwiefern schließt Ihre weitere Forschung an die bisherige an?
Linda Maily Pham: Cottbus lässt mich irgendwie nicht los. Ich habe das Gefühl, es gibt noch viel zu erforschen. Cottbus war in der DDR der Energie- und Kohlebezirk. Ein Bezirk, in den viele Vertragesarbeiter kamen. Es wurde aber noch nie untersucht, wie sich diese Vertragsarbeiter in Cottbus eingefunden haben. Auch mit dem Blick auf rechte Kontinuitäten, die sich schon in der DDR gezeigt haben.
Es schließt deshalb an meine Staatsexamensarbeit an. Nur schaue ich jetzt andere Akteure an und möchte den Blick mehr auf Migranten richten, als auf die rechten Jugendlichen. Die Menschen, mit denen ich sprechen möchte, sind Vertragsarbeiter, mit denen ich auch aufgewachsen bin, als Freunde meiner Eltern. Aber ich möchte nicht nur vietnamesische Vertragsarbeiter und deren Erfahrungen untersuchen, sondern alle Migranten, die durch Arbeit nach Cottbus gekommen sind und ihr Leben in der DDR und auch darüberhinaus bis in die 2000er wahrgenommen haben.