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Investitionsgipfel: Was hinter den 228 Milliarden Euro steckt

Nation

Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wirbt bei ausländischen Investoren für Deutschland. Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen

Investitionsgipfel: Was steckt hinter der 228-Milliarden-Ansage der Regierung?

Die Bundesregierung spricht von 228,6 Milliarden Euro Investitionen für Deutschland – doch hält sich über Details bedeckt. So ordnen Ökonomen die Zahl ein.

BeimBeim allerersten Investitionsgipfel der Bundesregierung diese Woche wurde Lars Klingbeil (SPD) plötzlich sehr konkret: „I want your money“, sagte der Finanzminister den über 200 anwesenden Investoren. „Ich will Ihr Geld.“ Warum drumherumreden, dachte sich Klingbeil wohl, wenn die Wahrheit doch so klar und dringlich auf der Hand liegt: Deutschland wächst derzeit vor allem durch staatliche Investitionen, kaum durch private. Der Investitionsgipfel sollte das ändern. Neues Interesse am Standort wecken.

Aber hat's geklappt? Ökonomen und Ökonominnen werten den Gipfel im Gespräch mit der WirtschaftsWoche als positives Signal. Martin Gornig, Industriepolitik-Experte am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), sagt: „Deutschland ist kein schlechter Standort. Die Investitionszusagen untermauern das.“ Die Regierung? Habe ein gutes Preisschild für das Land geliefert.

228,6 Milliarden Investitionen hätten die anwesenden Unternehmen deshalb am Ende zugesagt, verkündete Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.

Allein, die Rechnung hinter dieser Zahl ist wenig konkret. Laut Bundesregierung basiert sie auf 70 großen Investitionsprojekten mit jeweils über 100 Millionen Euro Umfang. Unklar bleibt laut Expertinnen und Experten so einiges: etwa, ob die Investitionen überhaupt zusätzlich geflossen sind, oder ob die Unternehmen ohnehin eingeplante Investitionen meldeten. Der Zeitraum, in dem das Geld fließen soll, ist nicht definiert. Oder ob die Zahlen auch die Übernahme deutscher Unternehmen durch ausländische Investoren widerspiegeln.

228 Milliarden: zusätzlich oder längst versprochen?

„Ich bezweifle, dass es sich bei den 228 Milliarden Euro ausschließlich um zusätzliche Investitionen handelt“, sagt Timo Wollmershäuser vom Ifo-Institut. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr hätten Unternehmen rund 489 Milliarden Euro in Deutschland insgesamt investiert, in den beiden Vorjahren unwesentlich mehr.

Katherina Reiche, Friedrich Merz und Lars Klingbeil während des Invest in Germany Gipfels. Foto: Fabian Sommer/dpa

Wer die Summe im Einzelnen zugesagt hat, bleibt ebenfalls ein Geheimnis. In seiner Rede verwies Bundeskanzler Friedrich Merz nur auf wenige Einzelbeispiele, darunter etwa eine Zusage des US-Händlers Amazon über 16 Milliarden Euro. Dessen Geld fließe unter anderem in Rechen- und Logistikzentren. Merz nannte als Investoren außerdem den US-Chiphersteller Nvidia, die deutsche Schwarz-Gruppe, den deutschen Energiekonzern RWE, die US-Investmentgesellschaft Blackstone, den US-Technologiekonzern Microsoft und den französischen Pharmakonzern Sanofi.

Auch das Wirtschaftsministerium (BMWE) gibt die genaue Liste an Investoren nicht heraus. Sie sei als „internes Dokument“ nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, schreibt ein Sprecher auf Anfrage. Lediglich die wichtigsten Branchen innerhalb der Gesamtsumme könne man nennen: Am meisten Geld fließt demnach in die Bereiche „Energie/Utilities/Batterien“ und „Technologie/IT“.

Privatinvestitionen bleiben deutlich unter dem Niveau vor Corona

Jürgen Matthes vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) betont, wie schwierig sich die Zahl der 228 Milliarden Euro volkswirtschaftlich einordnen lasse. Übernimmt etwa ein ausländisches Unternehmen ein deutsches, zählt das betriebswirtschaftlich als Investition. Volkswirtschaftlich handelt es sich dagegen nur um einen Eigentümerwechsel. Dennoch sieht Matthes in der Zahl eine wichtige Signalwirkung. „Vergleicht man auch einen deutlich kleineren Wert mit den Investitionsgrößen des vergangenen Jahres, etwa den rund 270 Milliarden Euro allein für Ausrüstungsinvestitionen, dann können sich die Zusagen durchaus sehen lassen.“

Bilanz des Investitionsgipfels

Wenig Präsenz, viel Zuspruch

Viele Spitzenkräfte der deutschen Wirtschaft haben den Investitionsgipfel geschwänzt. Dennoch findet die Veranstaltung viel Zuspruch. von Konrad Fischer und Clara Thier

Samina Sultan, ebenfalls Ökonomin am IW, erklärt, dass der Gipfel als Symbol allein nicht ausreichte. Deutschland müsse mehr gegen die hohen Bürokratiekosten und die steuerliche Belastung tun. Positiv seien die zuletzt gestiegenen ausländischen Investitionen. „Doch das reicht nicht aus. Bei den privaten Investitionen insgesamt liegen wir immer noch hinter dem Corona-Niveau.“

Dabei wäre ein verstärktes Engagement ausländischer Investoren für das Wirtschaftswachstum essenziell: Derzeit wächst Deutschland fast ausschließlich durch den Export und schuldenfinanzierte staatliche Investitionen. Soll es 2027 einen nachhaltigen Aufschwung geben, müssen auch die privaten Investitionen in neue Maschinen, Fahrzeuge und Produktionsanlagen zulegen.

Doch diese gelten seit längerer Zeit als offene Flanke der deutschen Konjunktur. Laut Berechnungen des IW sind Deutschland seit der Corona-Pandemie unternehmerische Investitionen in Höhe von 420 Milliarden Euro entgangen. Seit der Krise investiert die Wirtschaft deutlich weniger als zuvor. Ein giftiger Mix aus strukturellen Standortproblemen – darunter hohe Sozialabgaben, nicht wettbewerbsfähige Energiepreise, lähmende Bürokratie – und psychologischen Faktoren hat vor allem die Industrie vorsichtig gemacht.

„Die politische Unsicherheit – sowohl global als auch im Inland – führt dazu, dass viele Betriebe risikoavers agieren und bestenfalls vorhandene Produktionsanlagen modernisieren“, sagt Monika Schnitzer, Vorsitzende der Wirtschaftsweisen. Ohne echte Erweiterungsinvestitionen schrumpfe durch Abschreibungen der Kapitalstock der Volkswirtschaft – „und damit unser künftiges Wachstumspotenzial“.

Warum Ökonomen dem Industriestandort Chancen einräumen

Dabei, so Martin Gornig vom DIW, habe Deutschland als Forschungs- und Industriestandort weiterhin Stärken. „So lange man nicht billig produzieren will, kann man noch gut in Deutschland produzieren“, sagt er. Außerhalb Chinas sei Deutschland „wahrscheinlich der leistungsfähigste Industriestandort, den es gibt“. Die Zahl von 228 Milliarden Euro zeige trotz allem, dass Unternehmen weiterhin in Deutschland investierten.

Dass deutsche Unternehmen in der Vergangenheit verstärkt im Ausland investiert haben, sieht Gornig nicht als Problem für die heimische Wirtschaft. Im Gegenteil: „Auslandsinvestitionen stärken den Heimatstandort, weil sie neue Märkte erschließen und Kooperationen eröffnen.“ Nur müssten jetzt zusätzlich die Investitionen im Inland wieder in Schwung kommen.

Wir sind besser als unser Ruf Jürgen MatthesInstitut der deutschen Wirtschaft

IW-Forscher Matthes sieht dafür Chancen: „Wir sind besser als unser Ruf.“ Der große Markt, eine gute Ausbildungs- und Forschungsinfrastruktur, die Verlässlichkeit und eine vergleichsweise hohe politische Stabilität zögen noch immer Investitionen an.

Investitionsgipfel

„Da wurde ein Lichtkegel auf unser Land gesetzt“

Werbung für den Standort Deutschland und Milliardenzusagen von Investoren – doch was bleibt? Gute Stimmung und Geld, sagt Ulrike Hinrichs, die große Investoren vertritt. von Cordula Tutt

„Frankreich und England stehen in Europa deutlich schlechter da, China wird mit seiner jetzigen Regierung zunehmend unberechenbar für internationale Investitionen, und die USA setzen nur noch auf einen durchaus riskanten KI-Boom“, sagt Matthes. Deutschland werde dadurch sozusagen zum „einäugigen Blinden“. Relativ gesehen sei es ein attraktiver Anlaufpunkt für Anleger, die ihre oft US-lastigen Portfolios diversifizieren wollen.

Allerdings rechnen Wirtschaftsforschungsinstitute erst ab dem Jahreswechsel mit „einer moderaten Ausweitung“ der privaten Ausrüstungsinvestitionen. Ob ein Gipfel dazu beitragen kann, diese zu steigern? Ökonom Wollmershäuser betont den Netzwerkeffekt, von dem Investoren profitieren. Mancher, der bisher nicht wisse, wo in Europa er investieren wolle, könnte sich durch den Gipfel für Deutschland entscheiden. Außerdem könne die Regierung um Vertrauen für künftige Reformen werben. „Stimmung ist eben ein Teil des Geschäfts.“

Was der Gipfel am Ende bewirkt, werde sich erst in zwei oder drei Jahren zeigen, betont Gornig. Dann also, wenn sich die Investitionen materialisieren. Schaden dürfte der Gipfel jedenfalls nicht, glaubt Wollmershäuser. „Das Gute ist: Ein Investitionsgipfel ist eine wirtschaftspolitische Maßnahme, die nichts kostet.“ Man könne nur gewinnen.

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