Iran-Krieg: Machtkampf spaltet Regime - Experte sieht Risse im System
Der Krieg verschärft die Krise, unter der die Menschen in Iran leiden. Das Regime habe Angst vor neuen Massenprotesten, sagt der SPD-Politiker Danial Ilkhanipour im Interview.
Nach wochenlanger Pause ist der Krieg im Iran wieder aufgeflammt. Zunächst griffen die USA am vergangenen Sonntag wieder Ziele in der Straße von Hormus an. Der Iran reagierte mit Gegenangriffen in der Region. Seitdem gab es beinahe täglich heftige Attacken beider Kriegsparteien, ohne dass ein Ende absehbar wäre – trotz wiederholter Bekundungen von US-Präsident Donald Trump, dass der Konflikt bald beigelegt werde.
Das Regime in Teheran bemüht sich derweil, nach außen Stärke und innere Geschlossenheit zu demonstrieren. Doch der Schein trügt womöglich. Der iranischstämmige SPD-Politiker und Abgeordnete der Hamburger Bürgerschaft Danial Ilkhanipour gibt im t-online-Interview Einblicke in die innere Verfassung des iranischen Regimes.
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Herr Ilkhanipour, wie schätzen Sie die Lage im Iran derzeit ein?
Danial Ilkhanipour: Angespannt, eine Mischung aus Verzweiflung und Wut. Die Wut richtet sich gegen das Regime – aber die Menschen fühlen sich auch vom Westen verraten.
Zur Person
Danial Ilkhanipour (geboren 1981) ist Sohn iranischer Einwanderer und sitzt für die SPD im Hamburger Parlament. Für seine Fraktion ist er Sprecher für Europa sowie Migration, Integration und Geflüchtete. Bei der großen Iran-Demonstration im Februar 2026 während der Münchner Sicherheitskonferenz mit dem Schah-Sohn gehörte Ilkhanipour zu den Rednern.
Die Inflation beträgt 80 Prozent, wie sieht unter diesen Bedingungen der Alltag der Menschen aus?
Die Mittelschicht wird unter der Dauerkrise zerrieben. Die Menschen müssen Lebensmittel auf Kredit kaufen. Viele von ihnen haben mehrere Jobs, um durchzukommen. Momentan geht die Angst um, dass Banken schließen. Die Menschen leben aber unter anderem von den 30 Prozent Zinsen, die sie auf ihr Kapital bekommen, als schwachen Inflationsausgleich. Andere hungern jetzt schon und das Benzin wird knapp. Die Lage ist dramatisch. Wenn es so weitergeht, ist ein Kollaps nur eine Frage der Zeit.
Der Krieg verschärft die Krise noch. Wen macht die Bevölkerung dafür verantwortlich – die USA oder das Regime?
Zuerst und zuletzt das Regime, sein Missmanagement, seine Korruption. Es hat spätestens nach der brutalen Niederschlagung der Unruhen im Januar jeglichen Zuspruch verloren. Ich glaube, schon ein kleiner Funke könnte neue Massenproteste auslösen. Davor hat das Regime Angst.
Der neue geistliche Führer, der öffentlich noch nicht in Erscheinung getreten ist, hat zugegeben, dass es große wirtschaftliche Schwierigkeiten gibt und den Präsidenten angewiesen, für Erleichterungen zu sorgen. Erzielt er damit Wirkung?
Die Rolle von Modschtaba Chamenei, des neuen geistlichen Führers, ist eine Farce. Niemand weiß, ob er öffentliche Auftritte meidet oder ob er bei dem Bombenangriff so stark verwundet worden ist, dass er nicht auftreten kann. Trotzdem dient seine bloße Existenz zur Stabilisierung des Systems. Sie versuchen, Zeit zu gewinnen.
Wenn nicht Chamenei, wer ist dann die bestimmende Kraft im Land?
Mehrere Cliquen innerhalb des Regimes konkurrieren offen um die Macht. Da ist eine Gruppe um Mohamed Bagher Ghalibaf, der formal Sprecher des Parlaments ist, aber zu den mächtigsten Figuren im Lande gehört. Er tritt für ein Abkommen mit Donald Trump ein. Dagegen stehen große Teile der Revolutionsgarden, das sind die wichtigsten Stützen des Regimes, die argumentieren, dass man nicht mit einem Mann verhandeln darf, der den geistlichen Führer und etliche Generäle ermorden ließ. Zum ersten Mal gibt es Risse im System. Alle sind nervös.
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Sie sagen, der Machtkampf wird offen ausgetragen. Wie offen?
Regimenahe Kräfte demonstrieren gegeneinander. Dabei wünschen sie sich gegenseitig den Tod, zum Beispiel dem Außenminister Abbas Araghtschi, der die Verhandlungen führte. Deshalb ist auch das westliche Narrativ falsch, das von Hardlinern und Moderaten ausgeht. Die Verhandler wollen Zeit gewinnen und dann so weitermachen wie bisher – die Bombe bauen, Israel vernichten, Terrorgruppen finanzieren etc. Und natürlich würde sich die Lage im Lande ändern, wenn der Westen Sanktionen aufhöbe. Die Gegenspieler unterscheiden sich im Mittel, nicht im Ziel.
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Haben Sie gehofft, dass der Krieg zum Sturz des Regimes führen könnte?
Ja, schon, aber ohne Bodentruppen ist man auf die Bevölkerung angewiesen. Die Menschen, die im Januar auf die Straße gegangen waren, wurden zu Tausenden regelrecht massakriert oder werden zur Stunde noch hingerichtet. Von ihnen zu erwarten, dass sie erneut ihr Leben aufs Spiel setzen, wie es Präsident Trump tat, war zu viel verlangt.
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Der Iran hat den Krieg verloren …
… aber den Propagandakrieg gewonnen. Im Westen ist ja eine gewisse Schadenfreude nicht zu übersehen, dass Trump den Widerstand des Regimes unterschätzte, siehe die Straße von Hormus. Gegenüber Iran tritt der Westen eben weit weniger geschlossen auf als gegenüber Russland. Das ist gefährlich.
Was müsste geschehen, damit das Regime von innen zerfällt?
Der Westen muss Vertrauen zurückgewinnen durch eine Iran-Politik, die auf seinen Werten basiert, auf Freiheit und Demokratie. Derzeit herrscht der Eindruck vor, man will lieber einen kurzfristigen Deal, um das Problem vom Tisch zu bekommen. Zudem müssen Finanzsanktionen konsequent umgesetzt werden, damit Geldwäsche unterbunden wird. Geld ist das Einzige, was das ideologisch ausgehöhlte Regime noch zusammenhält.
Herr Ilkhanipour, danke für dieses Gespräch.