DAX +0,66 % 25.629,24 Pkt 18:00:00 MDAX -0,82 % 31.980,52 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,21 % 6.358,01 Pkt 18:00:00 Dow Jones +1,73 % 52.485,03 Pkt 23:22:18 S&P 500 +2,37 % 7.489,72 Pkt 23:22:12 Nasdaq +3,81 % 25.373,85 Pkt 23:15:59 Nikkei +4,03 % 64.362,02 Pkt 08:45:03 Gold +1,43 % 4.107,00 USD 22:59:54 Silber +0,34 % 57,79 USD 22:59:48 Brent 0,00 % 90,12 USD 20:28:19 WTI 0,00 % 84,67 USD 22:59:59 Bitcoin +0,72 % 63.216,15 USD 11:18:20 EUR/USD +0,52 % 1,15270 USD 23:29:53 EUR/GBP -0,31 % 0,85510 GBP 23:29:53 EUR/CHF -0,23 % 0,93060 CHF 23:29:53 EUR/JPY -3,08 % 181,491 JPY 23:29:53

Island: Die Angst der Fischer vor der EU

Welt

Der Fang heute Morgen war gut, nun saust ein Kabeljau nach dem anderen auf dem Fließband vorbei. Erst werden die Fische geköpft, dann zerteilt, gehäutet, filetiert und in Stücke geschnitten. Arbeiterinnen, überwiegend aus Polen und der Ukraine, prüfen die Filetteile, bevor sie in einen großen Behälter kommen und tiefgefroren werden. Weggeschmissen wird nichts. Aus den Resten wird Fischöl und Fischmehl gemacht, die Haut landet in Kosmetikprodukten, selbst der Fischkopf geht in den Export. Die Fabrik gehört zum isländischen Fischereiunternehmen Isfelag. Mehr als 80.000 Tonnen Fisch haben dessen Schiffe 2025 gefangen. Exportiert wird in die EU, nach Großbritannien, in die USA und nach Asien. Die Geschäfte laufen gut. Warum solle Island da der EU beitreten, er sei etwas skeptisch, sagt Björn Hakonarson, ein großer, kahlköpfiger Mann. Er ist Fabrikleiter und führt uns an diesem Tag durch die Hallen. Island könnte durch einen EU-Beitritt die Kontrolle über die eigenen Fischgründe verlieren, fürchtet er, dazu noch die Kontrolle über seine Energie. Außerdem: Island sei reich. Als EU-Mitglied wäre es wohl gezwungen, Geld an die anderen Länder abzugeben. Der Fischfang hat dieses kleine Land weit draußen im Atlantik reich gemacht. Er prägte es über Jahrhunderte. Seinetwegen wurden in Island schon Konflikte angezettelt. Während der „Kabeljaukriege“ legte sich Island mit dem ungleich größeren Großbritannien an, vertrieb dessen Fischerboote und weitete erfolgreich seine Fischereigrenzen aus. Auch heute noch wird jeden ersten Sonntag im Juni der Tag der Fischer zelebriert. Doch die Fischer sehen sich heute wieder bedroht. Ende August werden die Isländer darüber abstimmen, ob ihr Land wieder Verhandlungen mit der EU über einen Beitritt aufnehmen soll. Stimmen sie mit Ja, so die Angst der isländischen Fischer, könnten bald ausländische Trawler in ihren Gewässern fischen. Der Weg zu den Fischern führt von Reykjavik zwei Stunden mit dem Auto nach Süden, durch karge, vulkanische Landschaft. Hier und dort quillt Rauch zwischen den Steinen aus dem Boden. Später geht es dann noch einmal rund 40 Minuten auf einer stark schwankenden Fähre über das sturmumtoste Meer bis zu den Vestmannaeyjar, den Westmännerinseln. Das ist eine schroffe, baumlose vulkanische Inselkette, die ihren Namen von den norwegischen Eroberern hat, den sogenannten Westmännern. Auf Heimaey, der größten der Inseln, liegt der gleichnamige Ort mit rund 4500 Einwohnern. Eine Ansammlung niedriger Häuser in karger Landschaft. Ganz vorn der Hafen mit den Fischerbooten. Ein Vulkanausbruch vergrößerte die Insel deutlich In Heimaey leben die allermeisten vom Fischfang. 1973 brach der Vulkan Eldfell aus, damals wurde der Ostteil der Stadt mit Lava bedeckt, Hunderte Häuser verschwanden, es war eine nationale Tragödie. Zum Glück stand zu dem Zeitpunkt die gesamte Fischfangflotte im Hafen, daher konnten die Einwohner fliehen. Damals wuchs die Insel um zwei Quadratkilometer. Vom Eldfell hat man einen guten Überblick über all das karge Land aus schwarzem Gestein. Im neuen Teil der Insel entsteht nun eine riesige Lachszuchtanlage. Mit dem Auto hat man die Insel in ein paar Minuten umrundet. Bäume sind keine zu sehen. Bäume verstellten nur die Aussicht, heiße es hier, sagt Stefán Friðriksson, der CEO von Isfelag, lachend. Der ältere Mann mit den kurzen grauen Haaren lebt seit 30 Jahren auf der kleinen Insel. Die Isländer fragten ihn auch immer, wie sei das, auf einer Insel zu leben, sagt Friðriksson. Dabei lebten die doch selbst auf einer! Außerdem: Auf Heimaey gebe es alles, was man zum Leben brauche, sogar einen Golfplatz. Und neulich habe das Thermometer stolze 15 Grad angezeigt. Wärmer werde es kaum. Friðriksson zeigt uns die Sigurbjörg, einen Trawler seiner Firma, der 2024 in Dienst gestellt wurde. Er hat an diesem Tag um sechs Uhr morgens angelegt und den Kabeljau gebracht, dazu noch Rotbarsch. Das Schiff hat im Inneren wie alle Trawler eine große Plattform. Auf die werden die langen Schleppnetze gezogen, die Fische fallen dann einen Stock tiefer, werden auf einem Fließband getötet, ausgenommen und sortiert, bevor sie eisgekühlt in großen Kisten im Bauch des Schiffes gelagert werden. Die Preise für Fisch sind zuletzt gestiegen, und rings um Island geht es den Beständen immer noch sehr gut. Isfelag hat auf Island mehrere Standorte, acht Schiffe und rund 350 Angestellte. Die Firma verfügt über rund neun Prozent der lukrativen isländischen Fischfangquoten, die ihr eine bestimmte Fangmenge erlauben. Das Quotensystem hat einige wenige Familien sehr reich gemacht Die Quoten wurden in Island einst vergeben, um eine Überfischung zu verhindern, und zwar an all jene, die damals Boote hatten. Seitdem wurden die Quoten weiterverkauft und vererbt. Es ist ein System, das immer wieder für Kritik sorgt, weil es einige wenige Isländer sehr reich gemacht hat. Island werde im Grunde genommen von fünf Familien gemanagt, erzählen einem die Leute, und die hätten ihr Geld im Fischfang gemacht. Isfelag machte 2025 einen Umsatz von umgerechnet 214 Millionen Dollar, der Gewinn belief sich auf 43 Millionen. Die Familie von Einar Sigurðsson hält die Mehrheit der Anteile an Isfelag; sein Urgroßvater war einer der Gründer des Unternehmens. Wir treffen Sigurðsson in einem Büro in Reykjavik. Auch er ist kein Befürworter eines EU-Beitritts. „Island ist Teil des Europäischen Wirtschaftsraums. Wir haben alles, was wir brauchen“, sagt er. Außerdem müsste Island als EU-Mitglied die Fischbestände mit den anderen EU-Mitgliedstaaten teilen. Wenn die Regierung nun auf der Position beharre, dass Island auch als EU-Mitglied die volle Kontrolle über seine natürlichen Ressourcen behalten wolle, müsste das Land aus der gemeinsamen Fischereipolitik aussteigen – und das werde Brüssel wohl kaum zulassen. Sollte Island hingegen Teil der EU-Fischereipolitik werden, stünde die isländische Fischereiindustrie vor großen Turbulenzen, warnt Sigurðsson. Die isländischen Fischereiunternehmen sind groß; ein EU-Beitritt könnte ihnen aus Sicht des Fischereibesitzers sogar Chancen bieten. Die Arbeitnehmer in Island und die lokalen Gemeinden aber würden hart getroffen, sagt er. Löhne müssten drastisch sinken, oder Arbeitsplätze würden ins Ausland verlagert. Derzeit liegen die Lohnkosten für Arbeitnehmer in Fischverarbeitungsbetrieben bei etwa 32 Euro pro Stunde, sagt Sigurðsson – deutlich mehr als in den meisten europäischen Ländern. Darüber hinaus wäre Island als eines der reichsten Länder automatisch ein Nettozahler der EU. „Natürlich ist die EU nicht nur schlecht; ärmere Länder können von einem Beitritt viel profitieren. Aber nicht Island. Es wird Jahre dauern, die Währung umzustellen, und Island wird zuvor noch viel harte Arbeit leisten müssen“, sagt Sigurðsson. Durch den gemeinsamen Wirtschaftsraum aber profitiere das Land heute schon vom Besten der EU und wahre gleichzeitig seine Interessen. Island hatte schon einmal Verhandlungen über einen Betritt geführt. Das war nach der schweren Finanzkrise. Aber 2013 legte die damals neu gewählte Mitte-rechts-Regierung den Prozess auf Eis. Einer der Knackpunkte waren die großen Differenzen beim Thema Fischerei. Auch die Bauern fürchten einen EU-Beitritt Am 29. August sollen die Isländerinnen und Isländer nun darüber abstimmen, ob die Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Stimmen sie zu und wird bei den Verhandlungen eine Einigung erzielt, muss darüber wiederum in einem Referendum abgestimmt werden. In Umfragen befürworten zwar bisher rund 45 Prozent die Aufnahme von Verhandlungen, aber die mit Abstand meisten Befragten sind gegen eine EU-Mitgliedschaft – Tendenz steigend. Zu den Gegnern gehören auch die Bauern und Agrarunternehmer. Rund 450 Milchviehbetriebe gibt es auf der Insel, dazu einige große Schweinefarmen und rund 2000 Schafbauern. Aber die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft sind sehr schwierig, das Wetter ist rau, der Boden karg. Nur dank Subventionen, hoher Zölle auf Agrarprodukte und Importbeschränkungen können die isländischen Landwirte überleben. In der EU wäre das kaum mehr möglich. Wenn die Zölle wegfielen, gerieten die Bauern in große Schwierigkeiten, sagt Margrét Gísladóttir, Geschäftsführerin des Verbands der Agrarunternehmen Islands (SAFL). Wir treffen sie in ihrem Büro in einem modernen Gebäude ganz vorn am Wasser in der Bucht von Reykjavik. Gísladóttir wuchs selbst auf einem Bauernhof auf, da hatten sie Schafe und Pferde. In Island seien die Rahmenbedingungen für die Landwirtschaft aufgrund des Klimas herausfordernd, sagt sie, zudem seien die Löhne sehr hoch. Sie fürchtet eine Katastrophe, sollte das Land der EU beitreten: Die Schweine- und Geflügelwirtschaft würde rasch komplett verschwinden. Der Rest könnte vielleicht noch ein bisschen überleben, vorausgesetzt, die Löhne gingen runter. Aber langfristig? Da habe die isländische Landwirtschaft in der EU keine Chance, sagt Gísladóttir. Island werde es in der EU nicht besser gehen, sagt auch der emeritierte Politikprofessor der Universität Island, Hannes Hólmsteinn Gissurarson. „Jeder weiß, dass die spanische Fischereiflotte nur darauf wartet, in die isländischen Fischereigründe zu kommen“. Außerdem machten die natürlichen Ressourcen des Landes, etwa die viele grüne Energie, es für Brüssel attraktiv. Auch hier drohten mögliche Vorgaben bei einer EU-Mitgliedschaft den isländischen Profit zu schmälern. Island habe als Teil des Europäischen Wirtschaftsraums jetzt schon alles, was es brauche, sagt Gissuararsson. In der EU werde alles billiger, sagen die Beitrittsbefürworter Dass die Isländer es so gut hätten und daher keine EU brauchten, sei das übliche Argument der EU-Gegner. Aber es stimme nicht, sagt Snærós Sindradóttir. Die frühere Journalistin, eine große, blonde Frau in ledernen Cowboystiefeln, ist Geschäftsführerin der „Europabewegung“. Das ist ein Pro-EU-Verein, und sie betreibt die „SIND“-Gallery“ ganz im Westen Reykjaviks. Durch die Fenster geht der Blick raus aufs Meer. Drinnen hängen bunte Bilder eines isländischen Künstlers. Die Menschen in Island zahlten im Vergleich zu EU-Staaten die dreifachen Zinsen, um Geld etwa für einen Hauskauf zu leihen, sagt Sindradóttir. Und in den Supermärkten sei alles sehr viel teurer als auf dem Kontinent. Vor allem wegen der Zölle und des mangelnden Wettbewerbs auf dem Lebensmittelmarkt. Zwar verdienten die Isländer auch mehr, aber die Gehaltsunterschiede und die Kaufkraft könnten die Lebensmittelpreise nicht vollständig ausgleichen. Als EU-Mitglied, wenn die Zölle wegfielen, werde alles billiger, verspricht Sindradóttir. Tatsächlich sind in Island die Lebensmittelpreise enorm, noch einmal höher als in Norwegen. Für einen Liter Milch zahlt man im Supermarkt umgerechnet 2,50 Euro, für ein Bier in einer Bar rund zehn Euro. Extrem hoch sind auch die Zinsen etwa für den Hauskauf. Was ihren Blick auf die Welt angeht, neigen die Isländer aus Sicht der Galeristin zur „Selbstüberschätzung“. Und zwar weil das Land auf den Weltkarten aufgrund der Polnähe deutlich größer dargestellt sei, als es tatsächlich ist. „Europa ist größer und näher, als wir denken“, sagt Sindradóttir. „Unsere Vorfahren sind aus Norwegen hergesegelt.“ Außerdem: Islands Wirtschaft sei klein. Grade einmal so groß wie jene von Krakau in Polen oder der dänischen Region Aarhus. Nun, da die Welt in Unordnung sei, müsse man sich an diejenigen Verbündeten anlehnen, denen man trauen könne – und das sei nun mal die EU und nicht die USA, sagt Sindradóttir. Trump habe angedroht, Grönland einzunehmen – und das sei nicht so weit entfernt. NATO-Gründungsmitglied, aber nur mit Küstenwache Island ist Gründungsmitglied der NATO, hat aber kein eigenes Militär. Eine Küstenwache ist für den Schutz der Außengrenze zuständig. Aber um die eigene Sicherheit musste man sich in dem Land mit nur rund 390.000 Einwohnern nie große Sorgen machen. Die Insel gilt als unsinkbarer Flugzeugträger für die USA, die hier bis 2006 auch dauerhaft stationiert waren. Doch als Donald Trump wiederholt androhte, Grönland zu annektieren, wuchs die Sorge in Reykjavik. Ursprünglich hatte die isländische Regierung vor, das Referendum über die EU erst bis Ende 2027 abzuhalten. Doch dann zog sie es vor. Dass dafür die Regierung Trump der Auslöser war, daraus macht die isländische Außenministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdóttir keinen Hehl. „Im Interesse Islands beschleunigen wir den Prozess“, sagt sie im Gespräch. Das derzeitige multipolare System sei „grotesk“: große Supermächte nähmen keine Rücksicht mehr; Handel werde als Waffe eingesetzt. Klar, Island sei heute schon Teil des Europäischen Wirtschaftsraums. Aber Zöllen sei es schutzlos ausgeliefert, auch sei es nicht Teil der Sicherheits- und Verteidigungskooperation der EU. Gunnarsdóttir empfängt zum Gespräch in ihrem Arbeitszimmer im vierten Stockwerk des Außenministeriums am Hafen Reykjavik. Die großgewachsene Frau, 1965 geboren, spricht ein wenig Deutsch. Sie spielte einst selbst sehr erfolgreich Handball, heute tut das ihr Sohn in der deutschen Handballbundesliga. Gunnarsdóttir ist seit Langem in der isländischen Politik aktiv, war schon Bildungsministerin, Fischereiministerin, seit 2017 sitzt sie der proeuropäischen Reformpartei vor. Auch die anderen beiden Parteien der sogenannten Valkyrie-Regierung Islands werden von Frauen angeführt. Aus Sicht von Gunnarsdóttir ist Island durch den Zugang zum Europäischen Wirtschaftsraum schon zu 70 bis 80 Prozent in der EU. Ein voller Betritt wäre aus ihrer Sicht eine große Chance für das Land. Für alle, die jetzt in Island lebten, sei die Abstimmung eine große Verantwortung, sagt die Außenministerin. Vielleicht fragten in 20 Jahren Kinder ihre Großeltern, wie sie damals abgestimmt hätten. Und Gunnarsdóttir warnt, das Referendum könne ein „Brexit-Moment“ für ihr Land sein, es drohten Desinformation und Panikmache, ausländische Akteure könnten versuchen, Einfluss auszuüben.

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