Island im Nordatlantik: Sorge um den Schutz der USA
Islands Position im Nordatlantik ist strategisch enorm wichtig, aber um sich gegen Angreifer zu wehren, hat das Land nur zwei Schiffe der Küstenwache. Eines davon liegt an diesem Tag im Hafen von Reykjavik: Es ist klein und ein wenig in die Jahre gekommen. Direkt daneben liegt ein großes, modernes Schiff der norwegischen Küstenwache, das zu Besuch ist. Zudem hat die isländische Küstenwache noch ein paar Hubschrauber und ein Überwachungsflugzeug. Aber das reicht nicht, um die Insel und vor allem ihre großen Territorialgewässer zu verteidigen. In Island musste man sich um Fragen der Verteidigung lange keine Gedanken machen. Das übernahmen die USA. Zu wichtig ist die Rolle der Insel mit ihren nur rund 390.000 Einwohnern als unsinkbarer Flugzeugträger im Nordatlantik. Island ist zwar Gründungsmitglied der NATO, verfügt aber bis heute über kein eigenes Militär. Doch seit der Grönland-Krise wachsen auch in Reykjavik Zweifel am engsten Verbündeten. Hinzu kommen zunehmende Spannungen in der Arktis. Das führt in Island zu einer Aufrüstung, zumindest im zivilen Bereich, und zu einer Wiederannäherung an die EU. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Trump hat wiederholt angekündigt, Grönland annektieren zu wollen – und Grönland ist nur rund 290 Kilometer von Island entfernt. Selbst einen Militäreinsatz schloss Trump für diesen Zweck nicht aus. Beim NATO-Gipfel kürzlich in der Türkei wiederholte er die Drohungen. Die Insel sollte von den USA kontrolliert werden, sagte er und drohte mit einem Abzug aller amerikanischen Truppen aus Europa, sollten die Europäer bei der Frage nicht kooperieren. Trump sprach auch von Island – eventuell aber nur versehentlich Als er sich im Januar ähnlich äußerte, sprach er wiederholt auch von Island. So sagte er, das Problem mit der NATO sei, dass die USA zu 100 Prozent für die anderen da sein würden, er sich aber nicht sicher sei, ob das auch andersherum gelte. „In Island sind sie jedenfalls nicht für uns da, das kann ich Ihnen sagen.“ Mutmaßlich hatte Trump einfach Island, das auf Englisch „Iceland“ heißt, mit Grönland verwechselt. Schließlich hatte er Grönland wiederholt abfällig als „piece of ice“ bezeichnet. Doch in Reykjavik schrillten da natürlich schon die Alarmglocken. Im Zweiten Weltkrieg war Island zunächst neutral. Aber die Insel war zentral für die Kontrolle des Nordatlantiks. Daher besetzte sie zunächst Großbritannien. Kurz danach übernahmen die USA. 1949 dann war Island Gründungsmitglied der NATO – auch damals schon, ohne über eigenes Militär zu verfügen. Im Jahr 1951 unterzeichnete es ein bilaterales Verteidigungsabkommen mit den USA. Das gibt seitdem Amerika Zugang zu verschiedenen Militäreinrichtungen auf der Insel. Isländer kontrollieren Keflavik nun selbst Die zentralste davon war in Keflavik im Westen der Hauptstadt Reykjavik. Dort waren bis 2006 permanent amerikanische Truppen stationiert, zu Spitzenzeiten über 1300 Militärangehörige. Dazu F-15-Kampfflugzeuge und P-3-Orion-Flugzeuge für die Fernaufklärung. 2006 wurden die permanenten Truppen abgezogen, die isländischen Behörden übernahmen. Seitdem sind noch einige amerikanische Militärangehörige auf der Insel präsent, allerdings rotierend. 2014 nahm Amerika die Flüge mit den P-8-Überwachungsflugzeugen wieder auf. Auch gibt es infolge der russischen Annexion der Krim wieder eine zumindest rotierende Präsenz von amerikanischen U-Booten in und um Island. Doch größere Truppenteile kommen nur noch bei Übungen, oder wenn Truppen anderweitig verlegt werden. Island ist zentral für die Überwachung der sogenannten GIUK-Lücke. Das ist die Verbindung zwischen Grönland, Island und dem Vereinigten Königreich. Angenommen wird, dass Russland versuchen dürfte, hier, mit seinen U-Booten aus der Barentssee kommend, hindurchzustoßen, um im Konfliktfall den Nachschub über den Nordatlantik abzuschneiden. Katz-und-Maus-Spiel im Nordmeer Russland verfügt ungeachtet hoher Verluste in der Ukraine immer noch über eine weitgehend intakte Nordflotte. Die ist auf der Kola-Halbinsel stationiert, auch die strategischen, atomar betriebenen U-Boote liegen dort. Mit den russischen U-Booten liefern sich NATO-Staaten nach Angaben westlicher Militärs seit Jahren ein Katz-und-Maus-Spiel im Europäischen Nordmeer. Dass die westlichen Verbündeten dabei einen dem Vernehmen nach sehr guten Überblick über die russischen Aktivitäten haben, liegt auch an der Überwachung von Island aus. Seit dem Abzug der Amerikaner hätten die Isländer viele der verteidigungsbezogenen Infrastruktur und Aufgaben übernommen – und nutzten dafür ihre zivilen Institutionen, wie etwa die Küstenwache und die Polizei, sagt Jonas Allansson beim Gespräch in Reykjavik. Im Rahmen der NATO wird Allansson als Islands „Chief of Defense“ bezeichnet – auch wenn sein Land über kein Militär verfügt. Formell hat der erfahrene Diplomat Allansson die Position „Generaldirektor der Abteilung für Verteidigung“ inne, die im Auswärtigen Amt angesiedelt ist. Island habe nun innerhalb der NATO die Rolle, Augen und Ohren der Allianz in der Region zu sein und den „unsinkbaren Flugzeugträger“ auf die bestmögliche Weise zu betreiben, sagt Allansson. Und dafür rüste es seine zivilen Strukturen auf. Doch die eigenen Mittel sind sehr begrenzt. Die Küstenwache verfügt neben den beiden Patrouillenbooten über vier Hubschrauber und ein maritimes Überwachungsflugzeug. Kürzlich wurde zudem eine unbemannte Wasserdrohne angeschafft. Angesichts der zu überwachenden Fläche ist das wenig. Island hat rund ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik. Zudem sind die Territorialgewässer riesig, die ausschließliche Wirtschaftszone etwa ist rund 760.000 Quadratkilometer groß. Russland könnte Island vom Datenverkehr abschneiden Im vergangenen Dezember verabschiedete das isländische Parlament eine Sicherheits- und Verteidigungsstrategie. Es ist die erste überhaupt im Land. Dahinter steht die Einsicht, dass Island angesichts der Zunahme der Spannungen in der Arktis und seiner großen Abhängigkeit von Importen sehr vulnerabel ist. In der Strategie heißt es, die Sicherheitsbedrohung durch Russland sei real und dringlich, aufgrund seiner Lage würde Island „fast zwangsläufig“ in einen größeren Konflikt hineingezogen werden, der in Europa ausbrechen könnte. Vorgesehen sind deswegen deutliche Ausgabensteigerungen im Bereich der zivilen Abwehr. In dem Strategiepapier wird gewarnt, dass der gesamte Telekommunikationsverkehr Islands mit anderen Ländern über Unterseekabel verläuft. Erhebliche Störungen dieser Infrastruktur könnten schwerwiegende Folgen für die Gesellschaft, die Wirtschaft und die Sicherheit Islands und anderer Mitgliedstaaten haben. Russische Schiffe hätten die Unterwasserinfrastruktur im Nordatlantik kartiert, unter anderem in der Nähe von Island, und Russland sei in der Lage, die Kabel zu zerstören – selbst in den tiefsten Bereichen des Meeres. Sicherheit in der Arktis zunehmend im Fokus Formell ruht Islands Verteidigung auf der NATO und dem Abkommen mit den USA. Hinzu kommen aber zunehmend auch bilaterale Vereinbarungen, etwa im vergangenen Jahr mit der Bundesrepublik. Dabei ging es auch um die Stationierung deutscher Aufklärungsflugzeuge auf Island und die Nutzung isländischer Häfen für deutsche Schiffe. Vergleichbare Abkommen wurden auch mit Norwegen, Finnland und dem Vereinigten Königreich unterzeichnet. Als die USA 2006 abgezogen seien, habe der Hohe Norden nicht so sehr im Fokus gestanden, sagt die Außenministerin Thorgerdur Katrin Gunnarsdottir im Gespräch. Nun, nach dem Abzug, sei die Beziehung zu den USA mehr auf Augenhöhe. Die Zusammenarbeit mit den USA sei in Verteidigungsfragen weiterhin sehr gut. Auch Allansson betont, militärisch und sicherheitspolitisch sei die Kooperation mit den Amerikanern sehr eng und sehr robust. Es gebe einen zunehmenden Fokus auf die Sicherheit in der Arktis infolge der Grönland-Krise, sagt Allansson. Die NATO, inklusive der USA, arbeitete in der Region nun sehr viel enger zusammen. „Es gibt keinen Zweifel, dass wir die gleichen Interessen wie die USA und die anderen Alliierten haben“, so Allansson, nämlich eine sichere Arktis. Das ist die offizielle isländische Linie. Faktisch aber strebt die Regierung einen EU-Beitritt an und hat ein dafür erforderliches Referendum über eine mögliche Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen vorgezogen. Ende August schon sollen die Bürger abstimmen, ursprünglich war das bis Ende 2027 geplant. Das ist vor dem Hintergrund einer amerikanischen Außenpolitik zu sehen, die in militärischen wie wirtschaftlichen Fragen auch auf langjährige Verbündete keine Rücksicht mehr nimmt. Außenministerin Gunnarsdottir sagt zum Thema, wenn sie die gute Zusammenarbeit mit den USA lobe, sei sie natürlich nicht naiv. Auch Island baue seine Verteidigungs- und Sicherheitspolitik über die NATO und das Abkommen mit den USA hinaus aus – ähnlich wie andere Staaten derzeit. „Wir versuchen, die Zahl der Pfeiler auszuweiten, auf denen unsere Verteidigungs- und Sicherheitspolitik ruht.“ Eine Diskussion darüber, ob das Land in diesen Zeiten auch über eine Anschaffung von Militär nachdenken sollte, gibt es im Land aber bisher nicht.