Israelische Armee fordert Palästinenser zum Verlassen ihrer Häuser auf
Bei einer Militäroperation gegen extremistische jüdische Siedler im nördlichen Westjordanland hat die israelische Armee etwa 20 palästinensische Familien aufgefordert, ihre Häuser zu verlassen. Zu den Betroffenen gehören Familien, die seit Tagen von Siedlern belagert werden. Die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa berichtete, das Militär sei mit einem großen Aufgebot im Ort Kusra eingerückt. Die israelischen Streitkräfte teilten lediglich mit, der Vorfall in Kusra dauere noch an. Räumung in der Nacht Schon in der Nacht waren israelische Soldaten und Polizeikräfte erneut nach Kusra gekommen, um die Siedler zum Abzug zu bewegen, berichtete die Times of Israel. Bei der Räumung illegaler sogenannter Außenposten wurde demnach ein Israeli festgenommen. Nach Angaben der Zeitung hat die Armee zwar Zelte der Siedler vor Ort entfernt, es hielten sich jedoch weiterhin mehrere von ihnen dort auf. Die Siedler blockieren seit Sonntag die Wohnhäuser einer palästinensischen Familie. "Wir fühlen uns wie im Gefängnis" "Wir sind drei Haushalte, die belagert werden: meine Frau und meine beiden Töchter, meine Eltern und meine Brüder sowie unser Nachbar und sein Sohn", erzählt Yussef Abdul Karemm Hassan von der Blockade. Das Hauptproblem sei, dass die Straßen unpassierbar seien. "Niemand darf hinein oder hinaus, niemand kann Lebensmittel oder Wasser liefern, niemand kann helfen - das ist das Schwierigste. Wir fühlen uns wie im Gefängnis." Es gibt Videos von den Aktivitäten der Siedler. Darauf zerstören sie einen Zaun, werfen Steine auf die Straße und errichten eine Art Zelt. Auf weiteren Videos ist Streit zwischen den Siedlern und israelischen Soldaten zu sehen. Ausmaß der Gewalt wächst Am Mittwoch war auch der für das Westjordanland zuständige General vor Ort, um sich ein Bild der Lage zu machen - ein ungewöhnlicher Besuch. Israelische Menschenrechtsorganisationen warfen der wiederholt vor, tatenlos zuzusehen, wenn Siedler Gewalt an Palästinensern verüben. "Die Gewalt durch Siedler hat ein beispielloses Ausmaß erreicht", sagte Ramiz Alakbarovvom Büro des UN-Sonderkoordinators für den Nahost-Friedensprozess. Bislang haben die UN in diesem Jahr mehr als 1.430 Vorfälle unter Beteiligung israelischer Siedler dokumentiert, die zu Verletzten, Sachschäden oder beidem führten und von denen rund 260 palästinensische Ortschaften betroffen waren. "Viele dieser Vorfälle ereigneten sich in Anwesenheit israelischer Sicherheitskräfte." Außenposten ermöglichen Kontrolle über Territorium Die Siedler operieren oft von so genannten Außenposten. Nach Schätzungen von israelischen Nichtregierungsorganisationen, wurden allein rund 230 bis 240 neue Außenposten gegründet, seit Benjamin Netanjahu mit seinen zum Teil rechtsextremen Koalitionspartnern regiert. "Neue Außenposten werden oft mit staatlicher Unterstützung errichtet und können nachträglich genehmigt werden", sagt Alakbarov. Von diesen Außenposten aus hätten Gewalt und Einschüchterung durch Siedler zur Vertreibung palästinensischer Gemeinschaften geführt. "Die Ausbreitung landwirtschaftlicher Außenposten ist äußerst besorgniserregend. Mit einer geringen Zahl von Siedlern ermöglichen sie die Kontrolle über riesige Landflächen." Israelische Organisationen berichten, dass diese Außenposten inzwischen faktisch die Kontrolle über fast 20 Prozent des Westjordanlandes ausüben. US-Botschafter spricht von "Terroristen" Der als pro-israelisch geltende US-Botschafter Mike Huckabee nannte die extremistischen Siedler in Kusra in einem Post auf der Plattform X "israelische Terroristen". Er schrieb: "Die Handlungen derjenigen, die diesen schrecklichen Terrorakt verübt haben, der darauf abzielte, diese Familie einzuschüchtern und zu schikanieren, sind widerlich." Es gebe keine Entschuldigung für "ein solch brutales, rüpelhaftes Verhalten". Die USA hätten Israels Armee und Polizei aufgefordert, die radikalen Siedler aus Kusra zu entfernen. Israel hatte 1967 unter anderem das Westjordanland und Ost-Jerusalem erobert. Dort leben heute inmitten von drei Millionen Palästinensern rund 700.000 israelische Siedler. Mit Informationen von Jan-Christoph Kitzler, ARD Tel Aviv