Ist der klassische Bitcoin-Zyklus Geschichte? Glassnode liefert neue Hinweise
Eine der interessantesten Erkenntnisse des Reports betrifft die Entwicklung des Kapitals, das im Bitcoin-Netzwerk gebunden ist. Laut Glassnode stieg die sogenannte Realized Cap im aktuellen Zyklus zeitweise um rund 737 Milliarden US-Dollar und damit stärker als in den drei vorherigen Zyklen zusammen.
Die Metrik des „Realized Cap“ bewertet jeden Bitcoin mit dem Kurs, zu dem er zuletzt auf der Blockchain bewegt wurde. Sie soll damit näherungsweise abbilden, wie viel Kapital in Bitcoin steckt, wobei sie natürlich nicht mit tatsächlich eingezahltem Geld gleichgesetzt werden darf.
Trotzdem zeigt die Entwicklung, wie stark der Markt inzwischen gewachsen ist. Ein wesentlicher Teil der zusätzlichen Nachfrage kam dabei über Kanäle, die es im vorherigen Zyklus noch gar nicht gab oder die damals kaum eine Rolle spielten. Dazu gehören vor allem die US-amerikanischen Bitcoin-Spot-ETFs und Unternehmen, die Bitcoin in ihre Bilanzen aufnehmen.
Gleichzeitig werden die prozentualen Zuwächse von einem Zyklus zum nächsten kleiner. In absoluten Dollarbeträgen steigt der Kapitalwert zwar immer weiter, relativ zur bereits vorhandenen Basis fällt das Wachstum jedoch geringer aus. Das könnte dann zumindest darauf hindeuten, dass Bitcoin zunehmend zu einer reiferen Anlageklasse wird, deren Kursentwicklung sich langfristig anders gestaltet als in der Vergangenheit.
Nachdem Bitcoin im Oktober 2025 bei rund 124.700 US-Dollar ein neues Allzeithoch erreicht hatte, ging es bekanntlich deutlich bergab. Zum Untersuchungszeitpunkt für den Report lag der Kurs etwa 34 Prozent unter seinem Höchststand.
Auch die Realized Cap ging im Zuge dessen zurück und verzeichnete im Februar 2026 sogar den größten absoluten Rückgang innerhalb von 30 Tagen, den Glassnode bislang gemessen hatte. Im Verhältnis zur mittlerweile deutlich größeren Kapitalbasis betrug der Rückgang allerdings lediglich rund 2,7 Prozent und fiel damit weniger als halb so stark aus wie während der schlimmsten Phasen der Bärenmärkte 2018 und 2022.
Während die Kurse also kräftig nachgaben, blieb ein vergleichsweise großer Teil des zuvor aufgebauten Kapitalwerts erhalten.
Auch die für frühere Zyklushochs typische Euphorie war diesmal weniger stark ausgeprägt. Glassnode untersucht dafür unter anderem, welcher Anteil des realisierten Bitcoin-Vermögens auf Coins entfällt, die innerhalb der vergangenen drei Monate bewegt wurden.
Am bisherigen Höhepunkt im Oktober 2025 lag dieser Anteil bei lediglich 37 Prozent und damit bei weniger als der Hälfte des Wertes, den Glassnode am Zyklushoch 2018 gemessen hatte. Während der anschließenden Korrektur fiel die Kennzahl weiter, bevor sie sich zuletzt wieder auf rund 21 Prozent erholte.
Das könnte darauf hindeuten, dass sich das Verhalten der Anleger verändert hat. Während frühere Höchststände häufig von einer regelrechten Spekulationswelle begleitet wurden, scheint der aktuelle Markt weniger stark von kurzfristiger Euphorie geprägt zu sein.
Dazu passt auch die zunehmende Bedeutung institutioneller Investoren. Laut Glassnode stockten Unternehmen ihre Bitcoin-Bestände innerhalb der vergangenen zwölf Monate um rund 268.000 BTC auf, während die Bitcoin-ETFs zwischenzeitlich sogar Nettoabflüsse verzeichneten. Trotzdem hielten die ETFs zum Untersuchungszeitpunkt noch rund 1,3 Millionen BTC und damit lediglich sechs Prozent weniger als auf ihrem bisherigen Höchststand.
Allerdings konzentriert sich ein großer Teil der Unternehmenskäufe auf wenige Akteure, insbesondere auf Michael Saylors Unternehmen Strategy. Ob diese neue Nachfrage tatsächlich langfristig stabiler ist als diejenige früherer Marktzyklen, muss sich daher erst noch zeigen.
Auch ein Blick auf die aktuelle Marktphase liefert einige interessante Erkenntnisse. Glassnode bewertet mit seinem sogenannten Market Compass insgesamt 45 Bitcoin-Indikatoren anhand ihrer historischen Entwicklung.
Über 31 Wochen hinweg befand sich die Mehrheit dieser Kennzahlen in den beiden schwächsten Kategorien. Ende Juni erreichten sogar 82 Prozent die „kälteste“ Einstufung, was in der Vergangenheit häufig in der Nähe ausgeprägter Markttiefs zu beobachten war.
Inzwischen hat sich das Bild aber deutlich verbessert. Anfang Oktober lagen 56 Prozent der Indikatoren wieder im neutralen Bereich, während weniger als ein Fünftel auf eine besonders starke oder überhitzte Marktphase hindeutete.
Glassnode sieht darin wiederum Hinweise auf eine Erholung, eine neue nachhaltige Aufwärtsbewegung ist damit allerdings noch nicht bestätigt.
Ob der klassische Vierjahreszyklus tatsächlich an Bedeutung verliert, lässt sich aus den Daten allein tatsächlich auch nicht abschließend beantworten. Schließlich hat Bitcoin auch im vergangenen Zyklus nach dem Halving ein neues Allzeithoch erreicht und anschließend deutlich korrigiert, womit das grundlegende Muster zunächst erhalten blieb.
Allerdings wird der Einfluss der neu ausgegebenen Bitcoin mit jedem Halving kleiner, während die Bedeutung von ETFs, Unternehmen und der allgemeinen Liquidität an den Finanzmärkten stetig zunimmt. Es erscheint deshalb durchaus plausibel, dass künftig andere Faktoren einen immer größeren Einfluss auf die Kursentwicklung haben werden.
Der neue Glassnode-Report liefert jedenfalls einige Argumente dafür, dass Bitcoin nicht mehr derselbe Markt ist wie noch vor wenigen Jahren. Ob daraus auch ein dauerhaft veränderter Zyklus entsteht, werden allerdings erst die kommenden Jahre zeigen.