Jan Böhmermann und "die letzte antifaschistische Hoffnung im Osten"
Justiz, Medien, Parteien, Wissenschaft: In ihrem Streben nach Macht diskreditieren rechte Parteien alle, die ihnen im Weg stehen könnten. Am Freitagabend stellte Jan Böhmermann in seinem "ZDF Magazin Royale" einen weiteren Gegner vor, den Rechtsextreme fürchten. Denn der zeigt sich im Kampf gegen den neuen Faschismus ziemlich stabil.
Eine Kritik
von Christian Vock
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Das ZDF, Jan Böhmermann und das "ZDF Magazin Royale" – das war in seiner Kombination über viele Jahre hinweg das freitagabendliche Satire-Trio. Doch wie bei so vielen anderen Trios auch, ist so ein Dreigespann auch und gerade im Fernsehen immer ein Dreigespann auf Zeit gewesen. Und so ist die jüngste Entscheidung Böhmermanns, das "ZDF Magazin Royale" am 18. Dezember dieses Jahres sterben zu lassen, zwar eine Überraschung, aber keine allzu große.
Anders als sonst, lief der aktuelle Vertrag nämlich nur über ein Jahr; zudem gab es bereits weniger reguläre, dafür aber Spezial-Folgen, kurzum: Wer gerne Zwischen-den-Zeilen-Leserei betreibt, konnte ahnen, dass Böhmermann etwas Neues machen möchte. Bleibt also nur die Frage, wie der Noch-Chef-Satiriker am Freitagabend in der ersten regulären Folge des "ZDF Magazin Royale" das Ende seiner Show ansprechen wird.
Die Antwort: Gar nicht. Denn Böhmermann legt nach einem kurzen Einspieler sofort mit seinem Stand-up-Part los: "Wir hatten eine royale Sommerpause. Extra lang, dieses Jahr. Auf meinen persönlichen Wunsch. Weil: Ich musste das Baby von Jens Spahn austragen." Offenbar ein Gag, den man sich noch vor der Sommerpause hat einfallen lassen, denn in der Zwischenzeit ist Spahn nach seiner Leihmutterschaftsaffäre noch tiefer gefallen.
Rechtsextremismus: "Deutschland ist endlich wieder ehrlich zu sich selbst"
Böhmermann macht also business as usual und kommt dann relativ zielstrebig zum Thema der Woche: "Wir gehen heute in der Show mit Gott, aber flott", erklärt Böhmermann, ehe er auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu sprechen kommt, bei der die AfD die relative Mehrheit erhielt. "Wir müssen’s mal positiv formulieren: Deutschland ist endlich wieder ehrlich zu sich selbst", leitet Böhmermann ein und sagt: "Es ist das Jahr 2026, 81 Jahre nach dieser unschönen Nummer mit Adolf Hitler und den Millionen Toten, und Deutschland hat wieder ein bisschen Appetit auf Faschismus bekommen."
Damit spricht Böhmermann aus, was Studien längst belegen, in Talkshows und vielen Medien aber selten erwähnt wird. Dass die Wahl der AfD viel weniger mit Protest oder Unzufriedenheit zu tun hat, als es mancher Politiker in seinen Wahlanalysen wahrhaben will, sondern mehr mit rechten Einstellungen oder dem Befürworten dieser. Ehrlich ist, wer sich nicht mit Sätzen wie "Ich bin nicht rassistisch, aber …" selbst belügt.
Dann aber kommt Böhmermann auf "eine kleine antifaschistische Gruppierung im Osten" zu sprechen, die offenbar auch erkannt hat, warum viele Menschen die AfD wirklich wählen. Oder wie Böhmermann diese Gruppe auch nennt: "die letzte antifaschistische Hoffnung im Osten: die Kirche in Ostdeutschland." Die Ost-Kirche als Kämpfer gegen den neuen Faschismus? Abgesehen von ein paar Einzelmeldungen, scheint diese Nachricht bisher untergegangen zu sein. Oder?
Die Bibel: viel linker, als CDU und CSU glauben
Böhmermanns Beweisführung beginnt mit Meldungen, die tatsächlich nach einer übergeordneten Haltung der Kirche klingen: "Beschluss der Synode: Kein Kirchenamt für AfD-Mitglieder", "Katholische Kirche: Deutsche Bischöfe warnen vor der AfD" oder "Kirche warnt: AfD-Regierung wäre 'kein Spaß'", ist da zu lesen, ergänzt von Meldungen über Menschen im Kirchenasyl, über die Hilfe der Kirche in der Seenotrettung oder dass der Widerstand gegen Rechtsextreme in Brandenburg oft von den Kirchen mitgetragen wird.
"Ich hab ‘nen Verdacht: Dieses Buch hier ist viel linker als Teile der CDU/CSU bis heute glauben", erklärt Böhmermann mit einer Bibel in der Hand. Zumindest für die Zeit nach 1945 gelte, so Böhmermann: "Die Kirche im Osten ist praktizierende Antifaschistin geworden." Das sehe man in den zahlreichen Einrichtungen, die die Kirche betreibe, von Jugendtreffs bis Telefonseelsorge. "Jeden Tag leistet die Kirche im Osten antifaschistische Arbeit. Besonders dort, wo sich kaum noch jemand für Demokratie und Menschlichkeit engagiert."
Und genau deshalb mache sich die Kirche überall dort Feinde, wie Böhmermann am Beispiel eines Pfarrers erzählt, dem Neonazis die Tür eingetreten hatten. "Nazis sind eben sehr schnell getriggert", so Böhmermann. Und so seien der AfD zum Beispiel auch die Evangelischen Akademien, kirchliche Orte des demokratischen Austauschs, ein Dorn im Auge, dem man den Geldhahn zudrehen solle. Doch die Kirche bleibe stabil, so Böhmermann: "Die Kirche, die fürchtet zwar den Faschismus, aber die Faschisten müssen die Kirche nicht fürchten."
Kirche im Osten: "die letzte demokratische Bastion des Widerstandes"
Die Kirche habe nämlich Vorteile, die andere nicht hätten, unter anderem Geld. Das werde dank der aktuellen Bundesregierung auch noch immer knapper, wie Böhmermann mit einer Meldung unterstreicht: "Bildungsministerin Prien will Demokratieprojekten Geld streichen". Böhmermanns Fazit: "Es ist die Politik der aktuellen Bundesregierung, die es der AfD extra leicht macht, zivilgesellschaftlich engagierten Initiativen im Osten das Geld zu verweigern. Und darum ist die Kirche im Osten die letzte demokratische Bastion des Widerstandes, besonders auf dem Land. Denn die Kirche hat etwas im Osten Deutschlands, das vor allem Westdeutsche haben: Mittel und Räume, die man ihr nicht so einfach wieder wegnehmen kann."
Die AfD wisse genau: "Mit dem erfolgreichen Kampf gegen autoritäre und demokratiefeindliche Kräfte, mit der Organisation von wirksamem zivilgesellschaftlichem Widerstand kennt sich die Kirche im Osten richtig gut aus", erklärt Böhmermann und trifft damit einen Kern, der allen Demokraten Mut machen sollte. Denn ja, in Sachsen-Anhalt könnten tatsächlich bald zum ersten Mal nach 1945 in Deutschland wieder Rechtsextreme regieren. Und ja, es ist erschreckend, dass so viele Menschen eine Partei nicht nur trotz, sondern auch wegen deren rechtsextremen Inhalte wählen. Aber.
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Aber: Demokraten und demokratische Parteien sind immer noch in der Mehrheit und sieht man sich die Mitgliederzahlen an, ist die AfD ein Scheinriese. Aber: Es gibt immer noch so viele Menschen, die sich gegen Rechtsextreme engagieren. Aber: Ja, auch die Kirche in Ostdeutschland ist ein Verbündeter im Kampf gegen den Faschismus. Wenn auch nicht "die letzte antifaschistische Hoffnung", wie es Böhmermann etwas übertrieben formuliert, schließlich gibt es noch andere Menschen, Mittel und Wege. Aber es ist gar nicht so entscheidend, ob die Kirche im Osten nun die letzte Hoffnung ist oder nicht. Wichtig ist: Sie ist eine Hoffnung. Das hat Böhmermann am Freitagabend gezeigt. Nun ist es an jedem Demokraten, etwas aus dieser Hoffnung zu machen.